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Zweite Chance für MS-Medikamente: Magdeburg prüft neuen Weg gegen Alzheimer
1,73 Millionen Euro für ein Forschungsprojekt: Zwei bewährte MS-Wirkstoffe sollen zeigen, ob sie auch bei Alzheimer helfen.
Von Ulrike ·
Manchmal liegt eine mögliche Lösung schon im Arzneischrank – nur im falschen Fach. An der Universitätsmedizin Magdeburg wollen Forschende genau das herausfinden: Können zwei Medikamente, die bisher Menschen mit Multipler Sklerose helfen, eines Tages auch bei Alzheimer eingesetzt werden? Für diese Frage gibt es jetzt Rückenwind in Form von 1,73 Millionen Euro.
Den Förderbescheid überreichte Sachsen-Anhalts Wissenschaftsstaatssekretär Thomas Wünsch am 27. Oktober 2026. Das Geld stammt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und fließt über das Landesprogramm „Sachsen-Anhalt WISSENSCHAFT STEP“. Das Projekt trägt den Namen EMTAD – kurz für „Etablierung entzündungshemmender Medikamente für die Therapie der Alzheimer-Demenz“ – und ist auf knapp drei Jahre angelegt.
Zwei Wirkstoffe mit Vorgeschichte Im Zentrum stehen Fingolimod und Ozanimod. Beide sind bislang zur Behandlung der Multiplen Sklerose zugelassen, Fingolimod in den USA bereits seit 2010. Der Charme der Idee: Für bereits zugelassene Arzneien weiß man schon viel über Herstellung, Dosierung und Nebenwirkungen. Erweisen sie sich auch bei Alzheimer als nützlich, könnte der Weg in die Behandlung deutlich kürzer sein als bei einem komplett neu entwickelten Wirkstoff. Fachleute nennen dieses Vorgehen „Repurposing“ – Umwidmung.
Hinter dem Ansatz steht eine Beobachtung, die in der Alzheimerforschung zunehmend Gewicht bekommt: Entzündungsprozesse im Gehirn scheinen an der Krankheit beteiligt zu sein. Das Magdeburger Team um Prof. Dr. Volkmar Leßmann, Leiter des Instituts für Physiologie an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität, beschäftigt sich schon länger mit dieser Spur. In einem 2023 veröffentlichten Fachbeitrag beschrieb die Gruppe Fingolimod als Abkömmling eines körpereigenen Signalstoffs und schlug vor, solche bereits zugelassenen Mittel in klinischen Studien gegen Alzheimer zu prüfen.
Was bisher bekannt ist – und was nicht Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Versuchen mit Mäusen, die Alzheimer-typische Veränderungen zeigen. Dort drängten beide Wirkstoffe Veränderungen an den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen und Gedächtnisstörungen zurück – laut Universitätsmedizin auch dann, wenn die Erkrankung schon fortgeschritten war. Studien an mehreren Alzheimer-Mausmodellen deuten zudem darauf hin, dass Fingolimod selbst dann wirken kann, wenn die Behandlung erst nach Auftreten der Symptome beginnt.
Ob sich das auf Menschen übertragen lässt, ist allerdings offen – und genau das soll EMTAD klären. Ergebnisse aus Tierversuchen halten in klinischen Studien nicht immer, was sie versprechen. Eine neue Therapie auf dieser Grundlage ist damit noch nicht in Sicht. Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin und Neurologe, unterstützt den Ansatz ausdrücklich, betont aber, dass Verträglichkeit und möglicher Nutzen nun sorgfältig untersucht werden müssen.
So geht es weiter Zunächst sollen einzelne Patientinnen und Patienten untersucht werden, um zu sehen, wie gut sie die Wirkstoffe vertragen und ob sich erste Hinweise auf eine Wirkung zeigen. Parallel bereitet das Team größere Phase-II-Studien an mehreren Zentren vor, die die Wirksamkeit bei mehr Erkrankten prüfen sollen.
Dritter Baustein ist eine Zellkulturplattform: Aus Stammzellen von Menschen mit Alzheimer entstehen im Labor Nervenzellen und kleine künstliche Nervennetzwerke. Daran wollen die Forschenden testen, ob noch weitere bereits zugelassene, entzündungshemmende Arzneien Alzheimer-typische Veränderungen beeinflussen können. „Unser Ziel ist es, das Potenzial bereits verfügbarer Wirkstoffe systematisch zu untersuchen“, sagt Projektleiter Leßmann.
Mit im Boot sind die Universitätskliniken für Neurologie und für Nuklearmedizin, die Molekulare und Experimentelle Chirurgie sowie der Magdeburger Standort des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).
Warum das zählt Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, auf die sich die Universitätsmedizin beruft, leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz; Alzheimer ist die häufigste Form. Jeder realistische neue Behandlungsweg ist für sie und ihre Familien bedeutsam. Dass das Projekt Fördergeld bekam, ist dabei keine Selbstverständlichkeit: Für das Programm mit insgesamt 85 Millionen Euro gingen mehr als 200 Anträge ein, bewilligt wurden 73 Vorhaben.
Ob Fingolimod und Ozanimod am Ende tatsächlich in der Alzheimer-Behandlung landen, kann heute niemand sagen. Aber die Magdeburger Forschenden haben jetzt die Mittel, die entscheidende Frage gründlich zu stellen – und das ist eine gute Nachricht.
Themen: Alzheimer-Therapie, MS-Medikamente, Magdeburg Forschung, Demenz-Behandlung, Medikamenten-Umwidmung, Gehirnentzündung
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