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Zwei Forscherinnen, ein Geburtstag: Marie Curie und Lise Meitner
Marie Curie entdeckte mit ihrem Mann Polonium und Radium, Lise Meitner deutete mit ihrem Neffen die Kernspaltung. Beide kamen an einem 7. November zur Welt, beide mussten sich den Weg in die Wissenschaft erst erkämpfen. Heute tragen Förderprogramme ihre Namen, auch in Deutschland.
Von Tobias ·
Der 7. November ist ein schöner Tag für die Physikgeschichte. 1867 kam an diesem Datum in Warschau Maria Skłodowska zur Welt, die spätere Marie Curie. Elf Jahre danach, 1878, wurde in Wien Lise Meitner geboren. Verabredet hat das natürlich niemand, und doch passt es: Beide forschten an der Radioaktivität, und beide standen zuerst vor Türen, die für Frauen verschlossen waren. In einem Fall nahm die Forscherin ganz wörtlich den Hintereingang.
Lernen im Verborgenen: Marie Curie An der Universität Warschau waren Frauen nicht zugelassen. Maria und ihre Schwester Bronya besuchten deshalb die „Fliegende Universität“: illegale Abendkurse, die ständig den Ort wechselten, damit die zaristische Polizei sie nicht fand. Danach arbeitete Maria als Erzieherin, um die Schwester beim Studium in Paris zu unterstützen.
Im Herbst 1891 ging sie selbst dorthin und nannte sich fortan Marie. 1893 schloss sie ihr Physikstudium als Beste ab, ein Jahr später folgte ein Abschluss in Mathematik. 1895 heiratete sie den Physiker Pierre Curie.
Ihr gemeinsames Labor beschrieb sie später als Holzschuppen, dessen Glasdach den Regen nicht abhielt. Dort gingen die beiden einer Beobachtung nach: Pechblende strahlte weit stärker als reines Uran, also musste etwas Unbekanntes darin stecken. Im Juli 1898 stellten sie das Polonium vor, benannt nach Maries Heimat, im Dezember das Radium. Auch der Begriff der Radioaktivität geht auf Marie Curie zurück. Weil andere Forschende skeptisch blieben, arbeitete sie mehr als drei Jahre daran, aus Tonnen von Uranerz ein Zehntelgramm reines Radiumsalz zu gewinnen.
1903 teilten sich die Curies und Henri Becquerel den Physik-Nobelpreis. Marie Curie war damit die erste Frau mit dieser Auszeichnung, dabei stand sie zunächst gar nicht auf dem Vorschlag: Erst der schwedische Mathematiker Mittag-Leffler setzte sich für sie ein.
1906 kam Pierre Curie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Am 5. November desselben Jahres, zwei Tage vor ihrem 39. Geburtstag, setzte Marie Curie seine Vorlesung an der Sorbonne genau dort fort, wo er aufgehört hatte. Sie war die erste Professorin der Hochschule. 1911 lehnte die französische Akademie der Wissenschaften ihre Aufnahme ab, im selben Jahr erhielt sie den Chemie-Nobelpreis und wurde so zur ersten Person mit zwei Nobelpreisen. Im Ersten Weltkrieg organisierte sie mobile Röntgengeräte für verwundete Soldaten.
Ihre Forschung forderte wohl einen Preis: Marie Curie starb 1934 an einer Bluterkrankung, die häufig auf zu viel Strahlung zurückgeht. Seit 1995 ruhen sie und Pierre im Pariser Panthéon.
Durch die Hintertür: Lise Meitner Auch in Österreich-Ungarn durften Mädchen keine Schule besuchen, die auf die Universität vorbereitete. Lise Meitner legte zunächst die Staatsprüfung als Französischlehrerin ab und unterrichtete an einer Mädchenschule, auf die Matura bereitete sie sich privat vor. 1901 bestand sie die Prüfung als Externe an einem Jungengymnasium, 1906 promovierte sie in Wien als zweite Frau in Physik.
1907 ging sie nach Berlin, um bei Max Planck zu lernen. Seine Vorlesungen durfte sie zunächst nur inoffiziell besuchen. Gearbeitet hat sie anfangs in einer Werkstatt im Souterrain, ihre Räume betrat sie heimlich durch die Hintertür, und Geld bekam sie dafür lange nicht. Trotzdem begann hier eine rund 30 Jahre lange Zusammenarbeit mit dem Radiochemiker Otto Hahn. 1918 entdeckten die beiden das Element Protactinium, im selben Jahr übernahm Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem eine eigene Abteilung. 1926 wurde sie außerordentliche Professorin.
Dann kam der Bruch. Die Nationalsozialisten entzogen ihr die Lehrbefugnis, nach dem „Anschluss“ Österreichs schützte sie auch ihre Staatsbürgerschaft nicht mehr. Ohne gültigen Pass und mit wenig Gepäck floh sie im Juli 1938 nach Schweden und fing mit fast 60 Jahren noch einmal an.
Kurz vor Weihnachten 1938 erreichte sie dort ein Brief von Hahn. Er und Fritz Straßmann hatten Uran mit Neutronen bestrahlt und dabei Barium gefunden. „Vielleicht kannst du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen“, schrieb Hahn. Meitner konnte. Gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch lieferte sie im Januar 1939 die theoretische Deutung: Der Urankern zerfällt in große Bruchstücke, und dabei wird viel Energie frei. Ihre gemeinsame Arbeit erschien 1939 in der Fachzeitschrift Nature und sprach schon im Titel von einer neuen Art der Kernreaktion. Frisch wies die Energiefreisetzung auch im Experiment nach.
Der Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung ging allein an Hahn. Meitner wurde fast 50 Mal nominiert, in Physik und Chemie, unter anderem von Max Planck und Niels Bohr. Auch Hahn schlug sie später vor, doch den Preis erhielt sie nie. In der Fachwelt galt das vielen als ungerecht, die Gründe wurden noch Jahrzehnte später diskutiert. Meitner selbst schrieb 1955 an den Physiker James Franck, sie hätte den Preis „bestimmt nicht ohne den Otto Robert“ haben wollen.
Eine Einladung zum US-Atombombenprojekt in Los Alamos hatte die Pazifistin 1943 ausgeschlagen. Sie starb am 27. Oktober 1968 in Cambridge, kurz vor ihrem 90. Geburtstag.
Was von beiden bleibt Die Spuren der beiden reichen bis in die Gegenwart, auch in Deutschland. In Darmstadt wies ein Team der Gesellschaft für Schwerionenforschung 1982 erstmals ein Atom von Element 109 nach, es trägt heute den Namen Meitnerium. Die Max-Planck-Gesellschaft fördert seit 2018 mit dem Lise-Meitner-Exzellenzprogramm gezielt herausragende Wissenschaftlerinnen, für das Frühjahr 2027 plant sie die nächste Ausschreibung. Und die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen der EU unterstützen unter anderem Doktorandennetzwerke und Postdoc-Stipendien, in Deutschland berät dazu eine nationale Kontaktstelle.
Die eine lernte in heimlichen Abendkursen, die andere kam durch die Hintertür. Heute stehen ihre Namen auf Programmen, die anderen den Weg in die Forschung erleichtern sollen.
Themen: Marie Curie, Lise Meitner, Wissenschaftlerinnen, Frauenforschung, Physikgeschichte, Förderprogramme, Pionierinnen
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