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Zu spät losgeflogen? Wie Zugvögel auf der Reise einen Teil ihrer Verspätung aufholen
Wer spät startet, ist schneller unterwegs: Eine neue Studie zeigt, wie viel Rückstand Zugvögel wirklich wettmachen.
Von Andre ·
Wer schon einmal am Bahnsteig auf einen verspäteten Zug gewartet hat, kennt die Hoffnung: Vielleicht holt er ja unterwegs noch etwas auf. Bei Zugvögeln funktioniert genau das, zumindest zum Teil. Eine internationale Studie mit Daten von 2.324 Vögeln aus 83 Arten zeigt: Wer später aufbricht, ist schneller unterwegs. Pünktlich wird er dadurch allerdings nicht.
Geleitet hat die Arbeit Vojtěch Brlík von der Karlsuniversität Prag, erschienen ist sie im Fachjournal „Nature Ecology & Evolution“. Beteiligt sind auch Forschende der Universität Oldenburg und des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Ausgewertet wurden kleine Zugvögel auf sechs Kontinenten.
Zehn Tage Rückstand, sechs Tage aufgeholt Die zentrale Rechnung ist schnell erzählt: Vögel, die im Herbst zehn Tage später losflogen, waren im Schnitt rund sechs Tage kürzer unterwegs. Auf dem Rückweg im Frühjahr waren es etwa vier Tage. Vermutlich gelingt das unter anderem, weil die Nachzügler weniger Zeit an den Rastplätzen verbringen, an denen Vögel sich ausruhen und neue Energie tanken.
Das ist die gute Nachricht, und es gibt auch die ehrliche Fußnote: Der Ausgleich reicht nicht. Wer spät startet, kommt in der Regel auch später an als Artgenossen, die rechtzeitig aufgebrochen sind. Das kann Folgen haben, etwa wenn die besten Brutplätze oder Futterstellen schon vergeben sind. „Es gibt starke zeitliche Kopplungen bei den Wanderzeiten der Zugvögel“, sagt Brlík.
Im Winterquartier beginnt die Uhr neu Die vielleicht schönste Erkenntnis steckt in einem anderen Abschnitt des Vogeljahrs. Im Schnitt rund 161 Tage verbringen die Tiere im Winterquartier, das sind fast 45 Prozent des Jahres. Und in dieser Zeit verliert sich die Spur der Verspätung: Wann ein Vogel dort ankommt, sagt praktisch nichts darüber aus, wann er im Frühjahr wieder aufbricht.
„Unsere Daten zeigen, dass es dort gewissermaßen einen zeitlichen Neustart gibt“, sagt Wieland Heim von der Universität Oldenburg. Warum das so ist, steht noch nicht fest. Infrage kommen die lange Zeit vor Ort sowie Nahrung, Wetter, Konkurrenz oder ein Wechsel des Quartiers während des Winters. Auch ein Blick über das ganze Jahr passt dazu: Der Abflug im Herbst erklärt kaum, wann ein Vogel im folgenden Jahr ins Brutgebiet zurückkehrt.
Ganz ohne Folgen bleibt ein Zeitplan aber nicht. Wer im Frühjahr spät aus dem Winterquartier startet, kommt auch später im Brutgebiet an und bricht im Herbst ebenfalls später wieder auf. Wie stark solche Zusammenhänge ausfallen, hängt unter anderem von der Zugstrecke, dem Geschlecht und dem Körpergewicht ab.
Ein Messgerät, leichter als ein Gramm Möglich wurde der Überblick durch winzige Messgeräte. Die meisten Vögel trugen sogenannte Helldunkel-Geolokatoren, die weniger als ein Gramm wiegen. Sie zeichnen Lichtstärke und Uhrzeit auf, daraus lässt sich später ermitteln, wo sich ein Tier gerade befand. Der Haken: Die Geräte funken nichts. Wer die Daten haben will, muss denselben Vogel nach rund einem Jahr noch einmal fangen.
„Um einen einzigen Datensatz zu gewinnen, muss man viele Stunden Feldarbeit investieren“, sagt der Oldenburger Migrationsökologe Heiko Schmaljohann. Die Oldenburger Gruppe steuerte Daten von Mönchsgrasmücken aus Europa, Steinschmätzern aus Alaska und Rubinkehlchen aus Sibirien bei. Der Datenschatz ist also auch das Ergebnis einer großen Gemeinschaftsleistung: Mehr als 85 Prozent der angefragten Forschenden gaben ihre Daten für die Auswertung frei.
Was noch offen ist Die Studie zeigt Zusammenhänge im Kalender der Vögel, sie misst aber nicht, was eine Verspätung für Überleben und Bruterfolg bedeutet. Das bleibt eine der nächsten Fragen, ebenso wie die, ob eine lokale Störung Vögel noch an weit entfernten Orten treffen kann. Auch die Weltkarte der Daten hat Lücken, denn sie zeigt vor allem, wo solche Studien möglich waren und Fachleute die Mittel dafür hatten.
Und der Neustart im Winterquartier ist keine Garantie für alle Zeiten: Sollte der Klimawandel die Bedingungen dort verändern, könnten die Vögel diese Möglichkeit verlieren. Vorerst aber bleibt ein tröstlicher Befund: Ein später Start im Herbst muss sich für einen Zugvogel nicht durch das ganze Jahr ziehen.
Themen: Zugvögel, Vogelzug, Verhaltensforschung, Geolokatoren, Winterquartier, Universität Oldenburg, Ornithologie, Studie
Zu spät losgeflogen? Wie Zugvögel auf der Reise einen Teil ihrer Verspätung aufholen