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Winzige Muskeln, altes Erbe: Was hinter Gänsehaut bei Kälte und Musik steckt
Bei Kälte stellen winzige Muskeln in der Haut unsere Härchen auf – vermutlich ein Erbe von Vorfahren mit dichtem Fell. Bei Musik kann das Kribbeln ein Hochgefühl begleiten: Eine kleine Studie maß dabei die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn, und auch der Körper reagierte mit.
Von Andre ·
Wird es im November draußen frostig, zieht der Wind unter den Jackenärmel, und auf dem Unterarm stehen die Härchen stramm. Dasselbe Kribbeln kann uns auch im warmen Wohnzimmer erwischen, mitten in einem Lied. Zwei sehr verschiedene Anlässe, eine Haut: Was dahintersteckt, lässt sich zu einem guten Teil erklären.
Ein winziger Muskel am Haar Die Wurzel eines Härchens sitzt im Haarbalg, und an dem setzt in der Regel ein Bündel winziger glatter Muskelzellen an: der Musculus arrector pili. Gesteuert wird er vom Sympathikus, einem Teil des vegetativen Nervensystems. Deshalb können die meisten von uns Gänsehaut weder per Willenskraft bestellen noch abstellen. Zieht sich der Muskel zusammen, richtet sich das Haar auf, und um seine Wurzel wölbt sich ein kleiner Hügel.
Ein Erbe aus Fellzeiten Warum wir das überhaupt noch können? Eine gängige Theorie führt zu unseren Urahnen mit dichtem Fell: Aufgestellte Haare halten ein Luftpolster am Körper, das wärmt. Auch wer bei Gefahr die Haare sträubt, wirkt größer, wie eine Katze zeigt, die einem Hund begegnet. Uns selbst bringt der Reflex offenbar kaum noch etwas, dafür ist unser Haarkleid zu dünn.
Ganz arbeitslos ist das System trotzdem nicht. Ein Team um Ya-Chieh Hsu von der Harvard University berichtete 2020 im Fachblatt Cell: Bei Mäusen umschlingt der Nerv, der den Muskel steuert, auch die Stammzellen im Haarfollikel. Der Muskel hält diese Verbindung aufrecht; ohne ihn zieht sich der Nerv zurück. Kurze Kälte löst nur die Gänsehaut aus. Hält die Kälte an, gibt der Nerv mehr Botenstoffe ab, die Stammzellen werden aktiv, und neues Haar wächst. Ein Zweistufenplan also. Das Ergebnis stammt allerdings aus dem Tierversuch: Dass Frieren beim Menschen die Haare sprießen lässt, zeigt die Studie nicht.
Und was hat das mit Musik zu tun? In der Forschung heißt das musikalische Kribbeln oft „Chills“ oder „Frisson“. Eine Forschungsarbeit nannte den Effekt schon 1980 „Thrill“. Und auch hier springt nachweislich das vegetative Nervensystem an.
Wie stark das Gehirn dabei mitfeiert, zeigte 2011 ein Team um Valorie Salimpoor und Robert Zatorre an der McGill University in Montreal. Von 217 Interessierten blieben nach fünf Auswahlrunden acht Teilnehmende, die zuverlässig Chills erlebten und eigene Instrumentalstücke mitbrachten. Verglichen mit neutraler Musik stiegen beim Hören ihrer Lieblingsstücke Herzschlag, Atemfrequenz und Hautleitfähigkeit, und im Striatum, einem Teil des Belohnungssystems, wurde mehr vom Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Spannend: Schon vor dem Höhepunkt, in der Phase der Vorfreude, war vor allem ein anderer Bereich dieser Hirnregion aktiv als im Moment selbst. Die Gruppe war klein, und warum ausgerechnet die Haarmuskeln mitziehen, beantwortet die Studie nicht.
Nicht jede Musik, nicht jeder Mensch Was in der Musik den Ausschlag gibt, untersuchte auch der Musikphysiologe Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Nach seinen Angaben 2018 in der taz fördern überraschende Wechsel, der Beginn von etwas Neuem und steigende Lautstärke den Effekt. Besonders tief wirke die menschliche Stimme, und Streichinstrumente erzeugten ihren Klang ähnlich wie unsere Stimmlippen. Rund 70 Prozent der Menschen kennen laut Altenmüller das Gänsehautgefühl überhaupt, und sichtbar auf der Haut zeigt es sich nicht immer. Ein Stück, das bei allen zuverlässig wirkt, hält er für kaum machbar: Dafür spielen Geschmack, Hörbiografie, Genetik und Prägung zu sehr mit.
Selbst bei der Stimmung ist sich die Forschung nicht einig. Die Arbeit von 1980 fand den Effekt häufiger bei fröhlicher Musik, eine Studie von 1995 häufiger bei trauriger. Für den nächsten Novemberabend heißt das: Die richtige Playlist für die Gänsehaut muss jeder selbst finden.
Themen: Gänsehaut, Körperreaktion, Musik, Kälte, Dopamin, Evolution, Neurowissenschaft
Winzige Muskeln, altes Erbe: Was hinter Gänsehaut bei Kälte und Musik steckt