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Wiederbelebung durch Laien: Quote seit 2010 von 14 auf über 50 Prozent gestiegen
Bricht jemand mit Herzstillstand zusammen, beginnen in Deutschland heute in mehr als der Hälfte der Fälle Laien mit der Wiederbelebung. 2010 waren es nur 14 Prozent. Was den Anstieg begleitet hat und welche drei Schritte im Ernstfall zählen.
Von Ulrike ·
Es ist einer dieser Momente, vor denen sich viele fürchten: Jemand sackt zusammen, reagiert nicht mehr, atmet nicht normal. Lange halfen in Deutschland in solchen Momenten nur wenige. 2010 begannen nur in 14 Prozent der Fälle Umstehende mit der Wiederbelebung, bevor der Rettungsdienst eintraf. 2024 lag diese sogenannte Laienreanimationsquote bei 55,4 Prozent. So steht es im aktuellen Infoblatt des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) und des Bundesgesundheitsministeriums, das sich auf das Deutsche Reanimationsregister stützt.
Auch der neueste Jahresbericht des Registers für 2025 bestätigt das Niveau: In mehr als der Hälfte der Fälle griffen Ersthelfende ein, bevor die Profis da waren. Die Autorinnen und Autoren heben das ausdrücklich als positiv hervor. Aus einer Ausnahme ist in 15 Jahren der Normalfall geworden.
Warum die ersten Minuten zählen Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand hört das Herz auf zu pumpen, Gehirn und Organe bekommen keinen Sauerstoff mehr. Laut BIÖG-Infoblatt nehmen Gehirnzellen schon nach drei bis fünf Minuten ohne Blutfluss bleibenden Schaden. Bis der Rettungsdienst eintrifft, vergehen im Schnitt acht Minuten oder länger. Diese Lücke können vor allem die Menschen füllen, die gerade in der Nähe sind.
Und das sind meist keine Fremden auf der Straße. Rund 70 Prozent der Herzstillstände passieren zu Hause, nur etwa jeder sechste im öffentlichen Raum. Wer Wiederbelebung lernt, lernt sie also vor allem für die eigene Familie, für Freunde und Nachbarn.
Der Bedarf ist groß: 2025 versuchten Rettungsdienste in Deutschland nach Hochrechnung des Registers bei rund 60.000 bis 65.000 Menschen eine Wiederbelebung. Laut Infoblatt könnten jedes Jahr schätzungsweise 10.000 Leben zusätzlich gerettet werden, wenn Augenzeugen sofort mit der Herzdruckmassage begännen.
Prüfen. Rufen. Drücken. Die gute Nachricht: Was zu tun ist, passt in drei Wörter. Prüfen: Reagiert die Person nicht und atmet sie nicht oder nicht normal? Rufen: die 112 wählen oder wählen lassen. Drücken: schnell und fest in der Mitte des Brustkorbs, etwa fünf Zentimeter tief und 100- bis 120-mal pro Minute, so lange, bis der Rettungsdienst übernimmt.
Und wer Angst hat, etwas falsch zu machen: Der Mediziner Johannes Nießen, zum Zeitpunkt des Infoblatts kommissarischer Leiter des BIÖG, schreibt dort, man könne bei der Laienreanimation „nichts falsch machen – außer nicht zu helfen“.
Ganz auf dich gestellt bist du dabei oft nicht. In gut 37 Prozent der Fälle leitete 2025 die Leitstelle die Helfenden am Telefon an. Erstmals weist das Register außerdem getrennt aus, wie oft per App alarmierte Ersthelfende und organisierte First Responder, etwa von Hilfsorganisationen oder Feuerwehr, mit der Wiederbelebung beginnen. Zusammen taten sie das in knapp zehn Prozent der Fälle, bevor der Rettungsdienst eintraf. Weil die App-Retter erst seit Mitte 2025 dokumentiert werden, dürften die Werte laut Register noch zu niedrig sein.
Was den Anstieg begleitet hat Begleitet wurde der Anstieg von viel Überzeugungsarbeit. Im September 2013 startete unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums die erste „Woche der Wiederbelebung“. Getragen wurde sie von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA), gemeinsam mit dem Deutschen Rat für Wiederbelebung (German Resuscitation Council) und der Stiftung Deutsche Anästhesiologie. Die Aktion war Teil der Kampagne „Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation“. Über 800 Aktionen gab es in Fußgängerzonen, Schulen, Betrieben und Kliniken. Laut Bilanz der Veranstalter lernten rund 170.000 Menschen, wie Wiederbelebung geht. Auf dem Schlossplatz in Münster übten 11.840 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig an Puppen, ein Guinness-Weltrekord.
Ein Jahr später kam die Schule ins Spiel: 2014 empfahl der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz den Ländern, ab Klasse 7 zwei Schulstunden pro Jahr für Wiederbelebung vorzusehen. Fachleute der DGAI verwiesen dabei auf Dänemark, wo das Training seit 2005 Pflicht ist.
Die Daten zeigen einen klaren Aufwärtstrend. Die Grafik im BIÖG-Infoblatt steigt von 2010 an fast Jahr für Jahr. Einen besonders deutlichen Sprung macht sie zwischen 2012 und 2013, dem Jahr der ersten Aktionswoche. Ob und wie stark die Kampagne dazu beigetragen hat, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ablesen. Die Aktionswoche gibt es weiterhin, die nächste ist für den 13. bis 19. September 2027 angekündigt.
Noch Luft nach oben So erfreulich der Weg von 14 auf über 50 Prozent ist, Deutschland ist nicht am Ziel. Von 2024 auf 2025 hat sich die Quote laut Register nicht messbar verändert. Für einige europäische Länder, etwa Norwegen, nennt das Infoblatt bereits Quoten von rund 70 bis 80 Prozent. Dänemark hat mit Schulunterricht und einer breiten Kampagne gezeigt, was möglich ist: Dort stieg die Quote von 20 Prozent im Jahr 2000 auf über 45 Prozent im Jahr 2010, und die Überlebensrate verdreifachte sich in dieser Zeit.
Auch in Deutschland gibt es noch Baustellen. Einen Defibrillator setzen Ersthelfende vor Eintreffen des Rettungsdienstes nur bei etwa zwei Prozent der Betroffenen ein. Der Rettungsdienst erreicht nur etwa 70 Prozent der Patientinnen und Patienten innerhalb von acht Minuten, angestrebt sind 80 Prozent. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung forderte 2024 gemeinsam mit dem Bundesverband Medizintechnologie in einem „Aktionsplan Wiederbelebung“ unter anderem, den Schulbeschluss bundesweit umzusetzen, die Telefonreanimation zu stärken und Defibrillatoren leichter auffindbar zu machen.
Trotzdem lohnt sich der Blick auf das, was schon erreicht ist. Laut Register überlebten 2025 nach einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses hochgerechnet rund 7.200 Menschen in Deutschland mindestens 30 Tage oder bis zur Entlassung aus der Klinik. Im europäischen Vergleich sehen die Autorinnen und Autoren Deutschland damit unter den zehn besten Ländern.
Und jede weitere Person, die die drei Schritte kennt, macht die Quote ein Stück größer. Ein Erste-Hilfe-Kurs oder eine Aktion in der nächsten Woche der Wiederbelebung ist ein guter Anfang.
Themen: Wiederbelebung, Erste Hilfe, Herzstillstand, Laienreanimation, Herzdruckmassage, Gesundheit
Wiederbelebung durch Laien: Quote seit 2010 von 14 auf über 50 Prozent gestiegen