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Wie weiß das Handy, wo ich bin? Satellitennavigation einfach erklärt
Dein Handy lauscht auf Signale von mindestens vier Satelliten und berechnet aus deren Laufzeit, wo du stehst. Möglich machen das Atomuhren, Lichtgeschwindigkeit und ein Stück Einstein. Europas Galileo kann sogar Notsignale weiterleiten und deren Empfang bestätigen.
Von Firas ·
Anfang November wird es früh dunkel. Wer nachmittags noch zu einer Herbstwanderung aufbricht, ist auf dem Rückweg oft froh über den kleinen blauen Punkt auf der Handykarte. Er wirkt so selbstverständlich, dass kaum jemand darüber nachdenkt. Dabei steckt hinter ihm ein Zusammenspiel aus Satelliten, extrem genauen Uhren und Physik, die sonst eher in Lehrbüchern steht.
Blitz, Donner, Satellit Das Grundprinzip kennst du vom Gewitter: Wer die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählt, kann abschätzen, wie weit das Unwetter entfernt ist. Satellitennavigation funktioniert ähnlich, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erklärt. Das Navigationsgerät misst, wie lange ein Signal vom Satelliten bis zu ihm unterwegs war. Statt mit Schallgeschwindigkeit reist dieses Signal allerdings mit Lichtgeschwindigkeit, also mit knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde.
Ein beruhigendes Detail am Rande: Die Satelliten selbst können dich nicht orten. Ihre Aufgabe ist nur das Senden, rechnen muss dein Gerät.
Warum es mindestens vier Satelliten braucht Kennt das Handy den Abstand zu einem Satelliten, weiß es nur, dass es irgendwo auf einer riesigen gedachten Kugel um diesen Satelliten liegt. Mit drei Satelliten schneiden sich drei solcher Kugeln, und der Schnittpunkt ist der Standort. Doch es gibt einen Haken: Die Uhr im Empfänger läuft nicht von selbst im Takt mit den Uhren an Bord der Satelliten. Ein vierter Satellit sorgt laut DLR dafür, dass sie synchron läuft. Deshalb braucht eine genaue Ortung Signale von mindestens vier Satelliten.
Wie wichtig die Zeit ist, zeigt eine Zahl des DLR: Eine Ungenauigkeit von nur einer Nanosekunde, also einer milliardstel Sekunde, führt bereits zu 30 Zentimetern Fehler bei der Entfernungsmessung. In den Galileo-Satelliten fliegen deshalb Atomuhren mit, die laut DLR auf die Nanosekunde genau sind.
Damit überall genug Satelliten am Himmel stehen, sind die Systeme sorgfältig geplant. Beim US-amerikanischen GPS, das die U.S. Space Force betreibt, verteilen sich die Satelliten auf sechs Bahnebenen in rund 20.200 Kilometern Höhe. So lassen sich laut der offiziellen GPS-Seite von nahezu jedem Punkt der Erde aus mindestens vier Satelliten sehen. Die europäischen Galileo-Satelliten kreisen in 23.222 Kilometern Höhe auf drei Bahnebenen.
Ein bisschen Einstein im Handy Jetzt wird es richtig spannend. Nach Einsteins Relativitätstheorie vergeht Zeit nicht überall gleich schnell. Bewegung lässt Uhren langsamer gehen, die schwächere Schwerkraft in großer Höhe lässt sie schneller laufen. Bei Satelliten in mehr als 20.000 Kilometern Höhe überwiegt der zweite Effekt, erklärt das DLR: Ihre Uhren ticken schneller als unsere am Boden.
Für GPS-Satelliten beziffern das Magazin „bild der wissenschaft“ und Lehrmaterial der Ohio State University den Unterschied auf rund 38 bis 39 millionstel Sekunden pro Tag. Klingt nach nichts, hätte aber Folgen: Ohne Korrektur läge das Navi jeden Tag um etwa zehn bis elf Kilometer weiter daneben. Deshalb werden die Satellitenuhren schon vor dem Start so eingestellt, dass sie am Boden ein wenig zu langsam laufen und im All dann im Takt mit den Uhren auf der Erde sind. Jede Ortung auf dem Handy ist damit auch ein kleiner Alltagsbeleg für Einsteins Theorie.
Galileo: Europas eigenes System Lange war Europa auf fremde Systeme angewiesen, vor allem auf das amerikanische GPS und das russische GLONASS. Als wichtigsten Grund für Galileo nennt die Europäische Weltraumorganisation ESA deshalb die europäische Unabhängigkeit. Galileo steht unter ziviler Kontrolle und arbeitet zugleich mit GPS und GLONASS zusammen. Weil seine Bahnen stärker geneigt sind als die von GPS, deckt es laut ESA hohe Breiten wie Nordeuropa besser ab, und es soll die Ortung auch in Städten mit hohen Gebäuden erleichtern.
Seit 2016 liefert Galileo seinen offenen Dienst. Nach Angaben der ESA nutzen ihn inzwischen mehr als fünf Milliarden Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer weltweit, die ESA bezeichnet Galileo als das genaueste Satellitennavigationssystem der Welt. Und das System wächst weiter: 2026 gingen zwei weitere neue Satelliten in Betrieb, der zweite im Juli. Die Grundkonstellation umfasst 24 Satelliten in festen Bahnpositionen, dazu kommen Reservesatelliten. Vier weitere Satelliten der ersten Generation warten noch auf ihren Start, das nächste Paar war laut ESA im Sommer für das Jahresende geplant.
Auch Deutschland spielt eine wichtige Rolle: Eines der beiden Galileo-Kontrollzentren steht beim DLR im bayerischen Oberpfaffenhofen, das andere im italienischen Fucino. Das DLR arbeitet zudem an noch genaueren Uhren für die Navigation der Zukunft.
Mehr als der blaue Punkt Galileo kann mehr, als dir den Weg nach Hause zu zeigen. Ein kostenloser Hochgenauigkeitsdienst erreicht laut ESA horizontal bis zu 20 Zentimeter Genauigkeit, allerdings nur mit hochwertigen Empfängern. Gängige Smartphones empfangen das dafür nötige Signal in der Regel nicht. Ein weiterer kostenloser Dienst kann bestätigen, dass Navigationsdaten tatsächlich von Galileo stammen und nicht verfälscht wurden.
Besonders schön ist der Such- und Rettungsdienst. Galileo-Satelliten leiten die Signale von Notfunkbaken an Rettungskräfte weiter. Kompatible Notsender erhalten sogar eine automatische Rückmeldung, dass ihr Notsignal angekommen ist. Nach Angaben der EU-Weltraumagentur EUSPA dauert das im Schnitt 37 Sekunden (Stand Anfang 2025), das Ziel lag bei 15 Minuten. EU-Kommissar Kubilius sagte laut EUSPA, Galileo helfe, jedes Jahr rund 2.000 Leben zu retten. Ein Dienst, der Katastrophenwarnungen direkt auf Smartphones bringen soll, ist in Entwicklung.
Wenn du also an einem dunklen Novemberabend auf die Karte schaust, arbeiten über dir Satelliten in mehr als 20.000 Kilometern Höhe, Atomuhren und Einsteins Physik zusammen, damit du gut nach Hause kommst.
Themen: Satellitennavigation, GPS, Galileo, Handy Ortung, Standortbestimmung, Atomuhren, Relativitätstheorie
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