Hamburg · Kiez-Helden | Gesellschaft
„Wer hat eigentlich das Problem?“ Hamburger Pflegeprofi wirkt am neuen Demenz-Standard mit
Der Leiter der ASB-Tagespflege Langenhorn wirkt am bundesweiten Fachstandard mit. Sein Thema: erst verstehen, dann handeln.
Von Michael Beier ·
Ein Patient läuft zufrieden umher, doch das Team möchte ihn lieber im Bett halten. So schilderte es laut ASB Hamburg eine Teilnehmerin. Sebastian Raasch, Leiter der ASB-Tagespflege in Langenhorn, begegnet solchen Momenten mit einer Frage, die den Blick dreht: „Wer hat eigentlich das Problem?“ Nach Angaben des Verbands wurde er in die Arbeit an einem bundesweiten Fachstandard berufen. Der ASB wertet das als große Anerkennung seiner Kompetenz.
Worum es bei dem Standard geht Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland lebten Ende 2025 mit einer Demenz, schätzt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. In Hamburg sind es demnach rund 32.000 allein in der Altersgruppe ab 65 Jahren. Wie gute Pflege für sie aussieht, beschreibt unter anderem der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“. Solche Standards erarbeitet das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege, kurz DNQP, ein bundesweiter Zusammenschluss von Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft. Sie geben Orientierung, sind aber nicht automatisch gesetzlich verpflichtend.
Nun hat das Netzwerk den Standard erstmals aktualisiert. Eine 14-köpfige Fachgruppe hat ihn dazu am aktuellen Wissensstand überprüft, am 25. September wurden die Ergebnisse bei einem Workshop in Osnabrück vorgestellt. Neu berücksichtigt werden etwa Menschen mit frontotemporaler Demenz und Menschen, die schon in jüngeren Jahren erkranken. Im Kern bleibt es dabei: Im Mittelpunkt steht, dass Menschen mit Demenz ihre Identität bewahren und stärken können. Für manche Empfehlungen fehlen eindeutige Studienbelege, dort stützt sich der Standard auf das Fachwissen der Beteiligten.
Erst verstehen, dann handeln Praktisch wird das mit einem Werkzeug namens Verstehenshypothese, das Raasch laut ASB im Workshop vorstellte. Auch das Programm des DNQP nennt ihn bei der Arbeitsgruppe zu diesem Thema. Am Anfang steht eine Beschreibung des Verhaltens, noch ohne Urteil. Dann sammelt das Team mögliche Gründe, zum Beispiel Schmerzen oder Langeweile. Ob etwas Körperliches dahintersteckt, klärt es dabei immer als Erstes.
Hinter der Methode steckt eine Haltung. Menschen mit Demenz sollen laut ASB auf Augenhöhe wahrgenommen und, so weit es ihnen möglich ist, selbst einbezogen werden. Der Verband verweist zudem auf eine Warnung im Standard: Das Streben nach Sicherheit kann in Einrichtungen die Selbstbestimmung der Betroffenen leicht in den Hintergrund drängen. In Langenhorn warten die Mitarbeitenden auch bei Angehörigen nicht ab: Sie laden sie von sich aus zu sogenannten „Gästebesprechungen“ ein.
Raasch rät laut ASB außerdem, Teams den Erfolgsdruck zu nehmen. Auch etwas auszuhalten gehört für ihn zur professionellen Arbeit.
Themen: Demenz, Pflege, Expertenstandard, ASB Hamburg, Tagespflege, Langenhorn, DNQP, Angehörige
„Wer hat eigentlich das Problem?“ Hamburger Pflegeprofi wirkt am neuen Demenz-Standard mit