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Wenn wir sie lassen: Wie erstaunlich schnell sich die Natur selbst wieder erholen kann
Wälder wachsen zurück, Flüsse werden lebendiger: Warum Natur oft erstaunlich gut regeneriert, sobald wir sie lassen.
Von Ulrike ·
Wenn wir sie lassen: Die erstaunliche Fähigkeit der Natur, sich selbst zu reparieren Ein umgestürzter Baum sieht zunächst nach Ende aus. Doch im Wald beginnt damit oft etwas Neues. Pilze zerlegen das Holz, Käfer ziehen ein, Moose speichern Feuchtigkeit, Keimlinge wachsen im Schutz des vermodernden Stammes. Was für menschliche Augen nach Unordnung aussieht, ist für die Natur häufig Teil eines ziemlich ausgeklügelten Neustarts.
Ökosysteme besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Regeneration. Wälder können auf aufgegebenen Flächen zurückkehren, Flüsse wieder natürlicher mäandern und Feuchtgebiete neu entstehen. Manchmal besteht die wirksamste Hilfe deshalb nicht darin, möglichst viel zu tun – sondern eine Belastung zu beenden und der Natur wieder Zeit und Raum zu geben. Genau das bezeichnet die Ökologie als natürliche Regeneration.
Die Natur arbeitet nicht nach einem Bauplan Nach einem Sturm, einer Überschwemmung oder dem Ende einer landwirtschaftlichen Nutzung beginnt häufig die sogenannte ökologische Sukzession . Pflanzen besiedeln freie Flächen, Insekten und Vögel bringen Samen mit, Mikroorganismen verändern den Boden. Nach und nach entsteht ein komplexeres Ökosystem.
Wie kraftvoll dieser Prozess sein kann, zeigt eine große Untersuchung tropischer Sekundärwälder in Amerika und Westafrika. Forschende analysierten 77 Standorte und zwölf verschiedene Eigenschaften der Wälder. Bereits nach rund 20 Jahren hatten die untersuchten Wälder im Durchschnitt 78 Prozent der Werte alter Wälder erreicht. Manche Eigenschaften des Bodens erholten sich innerhalb weniger Jahre. Für die ursprüngliche Artenzusammensetzung und Biomasse können dagegen weit mehr als 100 Jahre nötig sein.
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Ein Wald kann relativ schnell wieder wie ein Wald aussehen – ohne bereits wieder dasselbe Ökosystem wie zuvor zu sein.
Manchmal ist weniger Eingreifen tatsächlich mehr Ökologische Wiederherstellung bedeutet deshalb längst nicht immer Bagger, Setzlinge und große Pflanzaktionen. Das UN-Umweltprogramm UNEP zählt ausdrücklich auch das Beseitigen von Belastungen dazu, damit sich ein Ökosystem anschließend aus eigener Kraft regenerieren kann.
Bei tropischen Wäldern zeigte eine Meta-Analyse von 133 Studien sogar, dass natürliche Regeneration unter geeigneten Bedingungen bei mehreren untersuchten Merkmalen bessere Ergebnisse erzielen konnte als aktive Wiederaufforstung. Entscheidend sind allerdings die Ausgangsbedingungen: Sind Böden stark geschädigt, Samenquellen verschwunden oder Landschaften stark zerschnitten, reicht Abwarten allein häufig nicht aus.
Die moderne Restaurationsökologie denkt deshalb weniger in „eingreifen oder nichts tun“. Stattdessen geht es um die Frage: Wie viel Unterstützung braucht die Natur an diesem Ort tatsächlich? Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit beschreibt Wiederherstellung entsprechend als Kontinuum zwischen natürlicher Erholung und intensiver menschlicher Hilfe.
Biber werden zu Landschaftsarchitekten Dabei sind es nicht nur Pflanzen, die Landschaften reparieren können. Manche Tiere übernehmen gleich ganze Ingenieurbüros.
Biber bauen Dämme, stauen Wasser und schaffen dadurch Teiche, Feuchtgebiete und abwechslungsreiche Uferbereiche. Wasser bleibt länger in der Landschaft, Sedimente werden zurückgehalten und neue Lebensräume entstehen. Deshalb gelten Biber als sogenannte Ökosystemingenieure . Ihre Rückkehr kann natürliche Prozesse wieder in Gang bringen, die an vielen Flüssen über lange Zeit verschwunden waren.
Rewilding versucht genau solche Prozesse wieder zu ermöglichen. Eine globale Meta-Analyse von 42 Fallstudien und 305 Beobachtungen kam 2025 zu einem bemerkenswerten Ergebnis: In rund 68 Prozent der untersuchten Fälle erhöhte Rewilding die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen gegenüber Störungen. Allerdings gab es auch neutrale und negative Ergebnisse – insbesondere bei Herausforderungen wie Dürren und Waldbränden.
Natur ist robust. Unverwundbar ist sie nicht.
Deutschland hat noch überraschend wenig echte Wildnis Gerade in Deutschland bekommt das Prinzip „Natur Natur sein lassen“ dadurch eine besondere Bedeutung. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz gelten derzeit nur rund 0,6 Prozent der Landesfläche als großflächig gesicherte Wildnis .
Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt 2030 sieht deshalb vor, diesen Anteil auf mindestens zwei Prozent zu erhöhen. Dort sollen natürliche Prozesse weitgehend ohne menschliche Steuerung ablaufen können.
Auch auf europäischer Ebene hat sich einiges verändert. Die 2024 in Kraft getretene EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verlangt, dass bis 2030 Wiederherstellungsmaßnahmen auf mindestens 20 Prozent der Land- und 20 Prozent der Meeresflächen der EU umgesetzt werden. Außerdem sollen mindestens 25.000 Kilometer Flüsse wieder frei fließen können.
Selbstheilung braucht vor allem eines: die Chance dazu Die vielleicht faszinierendste Erkenntnis lautet deshalb nicht, dass Menschen Natur reparieren können. Sondern dass wir manchmal lediglich die Voraussetzungen dafür schaffen müssen, dass sie es selbst tut.
Das kann bedeuten, Flüsse nicht mehr einzuengen, Moore wiederzuvernässen, alte Bäume stehen zu lassen, Wildtiere zurückkehren zu lassen oder bestimmte Flächen schlicht nicht mehr intensiv zu bewirtschaften.
Doch daraus darf kein Freibrief zur Zerstörung werden. Alte Wälder, intakte Moore oder artenreiche Lebensräume lassen sich nicht beliebig ersetzen. Untersuchungen zeigen, dass sich Artenvielfalt und ökologische Funktionen selbst Jahrzehnte nach einer Störung noch deutlich von ungestörten Ökosystemen unterscheiden können. Schutz bleibt deshalb besser als Reparatur.
Und trotzdem steckt darin eine ausgesprochen gute Nachricht: Natur ist nicht nur ein empfindliches System, das wir verlieren können. Sie ist zugleich ein lebendiges Netzwerk mit erstaunlicher Fähigkeit zum Neubeginn.
Manchmal beginnt Naturschutz deshalb mit einer ungewöhnlich einfachen Entscheidung: Platz machen.
Warum das Hoffnung macht Ökosysteme sind dynamischer und widerstandsfähiger, als es der tägliche Blick auf Umweltkrisen manchmal vermuten lässt. Werden Belastungen beseitigt und Lebensräume miteinander verbunden, können natürliche Prozesse überraschend viel Wiederaufbau übernehmen. Das macht Wiederherstellung nicht einfach – aber vielerorts realistischer.
Wenn wir sie lassen: Wie erstaunlich schnell sich die Natur selbst wieder erholen kann