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Wenn die Natur sich neu sortiert: Forschende zeigen Wege für klimaresiliente Ökosysteme
Pflanzen wandern, Tiere verlieren vertraute Partner und ganze Lebensgemeinschaften setzen sich neu zusammen. Eine internationale Forschungsarbeit zeigt, warum der Naturschutz deshalb nicht kapitulieren muss – sondern lernen kann, Veränderungen gezielt zu begleiten.
Von Tobias ·
Wenn die Natur neue Regeln schreibt: Wie der Klimawandel Ökosysteme verändert Ein Wald, in dem plötzlich andere Baumarten gedeihen. Ein Korallenriff, das zwar weiterlebt, aber völlig anders aussieht als vor wenigen Jahrzehnten. Oder eine Stadtfläche, auf der neue Kombinationen aus Pflanzen, Insekten und Mikroorganismen entstehen: Der Klimawandel verändert nicht nur einzelne Arten. Er mischt ganze Lebensgemeinschaften neu.
Für dieses Phänomen verwenden Forschende den Begriff „ökologische Neuartigkeit“ . Gemeint sind Umweltbedingungen und Artengemeinschaften, für die es am jeweiligen Ort kein vergleichbares historisches Vorbild gibt. Manche Arten verschwinden, andere wandern ein, wieder andere verändern ihr Verhalten, ihre Fortpflanzungszeiten oder ihre Beziehungen zu Nahrungspartnern und Bestäubern.
Ein internationales Forschungsteam hat nun ausgewertet, wie solche neuartigen Ökosysteme entstehen, wo sie bereits sichtbar werden und welche Handlungsmöglichkeiten dem Naturschutz bleiben. Die im Fachjournal Nature Climate Change veröffentlichte Arbeit kommt zu einem nüchternen, aber zugleich ermutigenden Ergebnis: Viele Veränderungen lassen sich nicht vollständig zurückdrehen. Sie können jedoch beobachtet, begrenzt und in bestimmten Fällen sogar so gelenkt werden, dass wichtige ökologische Funktionen erhalten bleiben.
Arten reagieren nicht im gleichen Tempo Ökosysteme funktionieren wie fein abgestimmte Netzwerke. Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen sind über Nahrung, Bestäubung, Konkurrenz und Fortpflanzung miteinander verbunden. Doch auf steigende Temperaturen, veränderte Niederschläge oder häufigere Extremereignisse reagieren sie unterschiedlich schnell.
Einige Arten können in kühlere Regionen oder größere Höhen ausweichen. Andere sind weniger mobil oder auf bestimmte Böden, Nahrungspflanzen und Lebensräume angewiesen. Dadurch bewegen sich ehemals eng verbundene Arten zunehmend auseinander.
Der Weltklimarat IPCC hat Daten von mehr als 12.000 Arten ausgewertet. Bei den genauer untersuchten Arten hatte sich etwa die Hälfte bereits in Richtung höherer Breitengrade oder größerer Höhenlagen verlagert. Rund zwei Drittel der untersuchten Frühjahrsereignisse – etwa Blüte, Austrieb oder Fortpflanzungsbeginn – fanden früher statt. Solche zeitlichen und räumlichen Verschiebungen verändern zwangsläufig die Zusammensetzung von Lebensgemeinschaften.
Das kann bedeuten, dass eine Pflanze bereits blüht, bevor ihre wichtigsten Bestäuber aktiv sind. Zugvögel treffen möglicherweise erst dann in ihren Brutgebieten ein, wenn ein wichtiger Teil des Insektenangebots bereits vorüber ist. Gleichzeitig begegnen sich Arten, die früher räumlich voneinander getrennt waren.
Die Natur wird dadurch nicht automatisch ärmer – aber oft unberechenbarer.
Korallenriffe zeigen, wie schnell neue Natur entstehen kann Besonders deutlich wird die Entwicklung in Korallenriffen. Erwärmung, Versauerung der Meere, stärkere Stürme und wiederholte Korallenbleichen wirken dort gleichzeitig. Empfindliche Korallenarten gehen zurück, widerstandsfähigere Arten gewinnen an Bedeutung und auch die Zusammensetzung der Fische und anderer Rifforganismen verändert sich.
Ein Riff kann deshalb weiterhin Lebensraum bieten, obwohl es kaum noch dem Ökosystem früherer Jahrzehnte entspricht. Die neue Forschungsübersicht beschreibt die weltweiten Korallenriffe als Systeme, in denen ökologische Neuartigkeit bereits besonders ausgeprägt ist.
Auch an Land können sich mehrere Einflüsse gegenseitig verstärken. Als Beispiel führt die Arbeit die kanadische Jasper-Region an. Dort wirkten langfristige Klimaentwicklung, veränderte Störungsereignisse, Insektenbefall und Waldbrände zusammen und veränderten die Landschaft über Jahrzehnte hinweg.
Mehr als die Hälfte der Landfläche ist bereits stark betroffen Wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, verdeutlicht eine globale Untersuchung aus dem Jahr 2025. Dafür kartierten Forschende drei wichtige Treiber ökologischer Neuartigkeit: Klimaänderungen, den Verlust von Tierarten und die Veränderung der Pflanzenwelt durch eingeführte Arten.
Das Ergebnis: Rund 58 Prozent der terrestrischen Biosphäre waren demnach bereits einem hohen Maß neuartiger ökologischer Bedingungen ausgesetzt. Selbst Schutzgebiete waren ähnlich stark betroffen wie nicht geschützte Flächen. Ein Schutzstatus kann lokale Zerstörung begrenzen, aber Temperaturanstieg, verschobene Jahreszeiten oder wandernde Arten machen nicht an Nationalparkgrenzen halt.
Diese Zahl bedeutet nicht, dass auf 58 Prozent der Landfläche sämtliche natürlichen Funktionen verloren wären. Sie zeigt vielmehr, wie groß der Anteil der Erde ist, auf dem sich Klima, Tierwelt oder Vegetation bereits deutlich von früheren Referenzzuständen entfernt haben.
Neu bedeutet nicht automatisch besser Die Vorstellung neuer Ökosysteme kann zunächst positiv klingen: Die Natur passt sich an und findet neue Wege. Tatsächlich können neu zusammengesetzte Lebensgemeinschaften wichtige Aufgaben übernehmen. Sie können Böden stabilisieren, Wasser speichern, Kohlenstoff binden, Lebensraum schaffen oder Städte kühlen.
Doch ökologische Neuartigkeit ist kein Ersatz für den Schutz intakter Natur. Manche neuen Systeme sind artenreich und widerstandsfähig, andere werden von wenigen anpassungsfähigen Arten dominiert. Spezialisierte oder langsam wandernde Arten können verloren gehen. Auch Nahrungsketten und ökologische Funktionen können instabil werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Ist ein Ökosystem neu oder alt? Sondern: Welche Arten, Funktionen und Leistungen bleiben erhalten – und welche drohen dauerhaft verloren zu gehen?
Drei Wege für einen Naturschutz im Wandel Die Forschenden beschreiben Schutzmaßnahmen als ein Spektrum aus drei grundsätzlichen Strategien.
1. Veränderungen abwehren Wo wertvolle und weitgehend intakte Ökosysteme noch erhalten sind, kann es sinnvoll sein, ihre Veränderung möglichst lange zu begrenzen. Dazu gehören der Schutz kühler Rückzugsräume, die Wiederherstellung natürlicher Wasserstände, die Verringerung von Schadstoffeinträgen oder die Bekämpfung besonders problematischer invasiver Arten.
Auch größere und miteinander verbundene Lebensräume helfen Arten, auf veränderte Bedingungen zu reagieren. Der IPCC bewertet den Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen, die Verringerung zusätzlicher Belastungen und den Ausbau ökologischer Korridore als wirksame Anpassungsmaßnahmen.
2. Veränderungen akzeptieren Nicht jeder frühere Zustand lässt sich dauerhaft bewahren. Wo sich Temperatur, Wasserhaushalt oder Artenzusammensetzung bereits grundlegend verändert haben, kann der Versuch einer vollständigen Rückkehr unverhältnismäßig teuer oder ökologisch wenig erfolgreich sein.
In solchen Fällen kann Naturschutz bedeuten, Veränderungen zuzulassen und gleichzeitig genau zu beobachten, ob zentrale Funktionen erhalten bleiben. Entscheidend ist, nicht vorschnell aufzugeben, sondern realistische Ziele zu setzen.
3. Veränderungen gezielt lenken In manchen Regionen können Fachleute neu entstehende Ökosysteme aktiv in eine widerstandsfähigere Richtung begleiten. Dazu zählen beispielsweise klimaangepasste Pflanzkonzepte, die Auswahl geeigneter Herkünfte bei Wiederaufforstungen, neu gestaltete Stadtvegetation oder die vorsichtige Umsiedlung gefährdeter Arten in künftig geeignete Lebensräume.
Solche Eingriffe sind allerdings mit Unsicherheiten verbunden. Sie erfordern langfristige Beobachtung, regionale Kenntnisse und klare ökologische Ziele. Die neue Forschungsarbeit betrachtet deshalb das Abwehren, Akzeptieren und aktive Lenken nicht als konkurrierende Weltanschauungen, sondern als Werkzeuge, die je nach Ort unterschiedlich kombiniert werden können.
Auch Klimaschutzmaßnahmen verändern Ökosysteme Eine besonders wichtige Erkenntnis lautet: Nicht nur der Klimawandel selbst, sondern auch Maßnahmen zu seiner Begrenzung oder Anpassung können neuartige Lebensräume schaffen.
Gründächer, Regenrückhaltebecken, neu angelegte Mangrovenflächen, künstliche Feuchtgebiete oder klimaangepasste Stadtparks werden häufig von Artengemeinschaften besiedelt, die es an diesem Ort zuvor nicht gab. Solche Systeme können wertvoll sein – etwa für Kühlung, Wasserrückhalt oder Insekten. Sie sollten jedoch von Beginn an so geplant werden, dass sie möglichst vielen Arten zugutekommen und keine neuen ökologischen Probleme verursachen.
Damit verändert sich auch die Rolle des Naturschutzes. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, ein historisches Bild der Natur zu konservieren. Zunehmend geht es darum, ökologische Prozesse, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit in einer Welt zu sichern, deren Bedingungen sich bereits verändert haben.
Die Vergangenheit bleibt wichtig – aber sie ist nicht das einzige Ziel Historische Zustände bleiben unverzichtbare Orientierungspunkte. Sie zeigen, welche Arten früher vorkamen, wie Ökosysteme funktionierten und welche Veränderungen durch menschliche Eingriffe entstanden sind.
Doch die Vergangenheit kann nicht überall detailgetreu rekonstruiert werden. Wird Naturschutz ausschließlich daran gemessen, ob ein Lebensraum exakt wie vor 100 oder 200 Jahren aussieht, könnten funktionierende neue Systeme übersehen oder unnötig bekämpft werden.
Ein zukunftsfähiger Naturschutz braucht daher beides: den entschlossenen Schutz noch intakter Lebensräume und die Bereitschaft, unvermeidbare Veränderungen intelligent zu begleiten.
Weniger Erwärmung bedeutet weiterhin weniger Verlust Die Anpassungsfähigkeit der Natur ist kein Argument dafür, beim Klimaschutz nachzulassen. Im Gegenteil: Je stärker die Erwärmung ausfällt, desto häufiger drohen abrupte Verschiebungen ganzer Vegetationszonen und Lebensgemeinschaften.
Nach Einschätzung des IPCC könnte das Risiko großräumiger Biomverschiebungen bei sehr starker Erwärmung bis zu 35 Prozent der globalen Landfläche betreffen. Eine Begrenzung der Erwärmung auf unter zwei Grad würde dieses Risiko deutlich reduzieren. Gleichzeitig können Schutz, Wiederherstellung und bessere Vernetzung von Lebensräumen die Widerstandsfähigkeit vieler Ökosysteme erhöhen.
Die hoffnungsvolle Botschaft der neuen Forschungsübersicht lautet deshalb nicht, dass die Natur jeden Schaden problemlos ausgleicht. Sie lautet: Auch in einer sich verändernden Welt gibt es Handlungsmöglichkeiten.
Naturschutz muss nicht zwischen nostalgischem Festhalten und resigniertem Aufgeben wählen. Er kann schützen, was bewahrt werden kann, Veränderungen begrenzen und dort, wo neue Natur entsteht, dafür sorgen, dass sie möglichst vielfältig, stabil und lebenswert bleibt.
Wenn die Natur sich neu sortiert: Forschende zeigen Wege für klimaresiliente Ökosysteme