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Wasserstoff statt Erdgas: In Lingen startet der Test einer 34-Megawatt-Kraftwerksturbine
Im Emsland läuft eine Gasturbine an, die künftig reinen Wasserstoff verbrennen soll. Was der Test zeigen kann.
Von Firas ·
Was macht man an einem windstillen Winterabend, wenn kaum Sonnen- und Windstrom ins Netz fließt? Heute springen dann oft Gaskraftwerke ein. Künftig sollen sie dafür Wasserstoff statt Erdgas verbrennen können. Wie gut das im großen Maßstab funktioniert, wird jetzt in Lingen im Emsland erprobt.
Am Freitag, 6. November, haben der Energiekonzern RWE und das japanische Unternehmen Kawasaki Heavy Industries dort den Testbetrieb einer Gasturbine mit 34 Megawatt Leistung gestartet. Sie steht auf dem Gelände des Gaskraftwerks Emsland, dessen drei Blöcke zusammen rund 1,8 Gigawatt leisten. Gefördert wird das Projekt von der japanischen Organisation NEDO. Zur Höhe der Förderung machen die Berichte keine Angaben.
Erdgas, Wasserstoff oder beides Die Turbine kann mit Erdgas, mit Wasserstoff oder mit jeder beliebigen Mischung aus beidem laufen. Reiner Wasserstoff ist allerdings noch nicht erreicht: In den kommenden Monaten sollen schrittweise bis zu 100 Prozent getestet werden. Der Feldversuch ist auf mehrere Monate angelegt. Geprüft werden verschiedene Betriebsweisen und Lastzustände, wie sie für flexibel einspringende Kraftwerke wichtig sind.
Nach Angaben der Unternehmen wurde die Verbrennungstechnik bisher in kleineren Anlagen getestet, in Lingen wird sie erstmals auf eine Anlage im industriellen Maßstab übertragen. RWE und Kawasaki nennen die Turbine die größte ihrer Art in Europa. RWE-Generation-Chef Nikolaus Valerius sagt, sie werde bis zu zehnmal so viel Leistung bringen wie bisherige Wasserstoffturbinen. Unabhängig geprüft sind diese Angaben nicht.
Den Wasserstoff liefert die Nachbarschaft. Elektrolyseure des Projekts GET H2 Nukleus spalten mit Ökostrom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, RWE nutzt dafür nach eigenen Angaben vor allem Windstrom aus der Nordsee. Geplant sind dort drei Elektrolyseure mit je 100 Megawatt. Die ersten beiden sind in der Inbetriebnahme und erzeugen seit dem Sommer erste Mengen Wasserstoff. Der ist allerdings vor allem für den Chemiepark Marl in Nordrhein-Westfalen gedacht.
Wozu wasserstofffähige Kraftwerke? Der Test fällt in eine wichtige Woche. Am 3. November hat die Bundesnetzagentur in einer ersten Ausschreibung elf Zuschläge für neue steuerbare Kapazitäten mit zusammen rund 5.160 Megawatt vergeben (gerechnet als sogenannte reduzierte Leistung). Die Anlagen sollen laut Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche spätestens ab 2031 zur Verfügung stehen und in Dunkelflauten einspringen, wenn Wind und Sonne nicht genug Strom liefern. RWE erhielt Zuschläge für drei wasserstofffähige Gaskraftwerke in Nordrhein-Westfalen mit zusammen rund 2,1 Gigawatt. Erfahrungen aus Lingen können zeigen, wie solche Anlagen später mit Wasserstoff zuverlässig laufen.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sprach bei der Eröffnung von einem schrittweisen Umbau: „Wir werden noch eine ganze Zeit fossiles Gas brauchen“. Japans Botschafterin in Deutschland, Mitsuko Shino, sagte, ihre Regierung zähle Wasserstoff zu den Kernbereichen der grünen Transformation.
Was noch offen ist Die große Frage ist der Preis. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Energieinfrastrukturen und Geothermie (IEG), über die im Juli berichtet wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass wasserstofffähige Kraftwerke im Jahr 2035 mit 8,77 bis 15,16 Euro je Kilogramm Wasserstoff rechnen müssen. Industriebetriebe mit gleichmäßigem Bedarf kämen demnach mit 4,41 bis 8,43 Euro aus. Der Grund: Kraftwerke laufen gerade dann, wenn wenig Ökostrom da ist. Der Wasserstoff muss also vorher erzeugt und gespeichert werden, und Netzentgelte verteilen sich auf wenige Betriebsstunden.
Auch was „wasserstofffähig“ genau heißt, ist umstritten. Die Umweltorganisation Germanwatch kritisierte im April, der Referentenentwurf zur Kraftwerksstrategie lasse offen, wie die Umrüstfähigkeit nachgewiesen werde und welche Umrüstkosten anfallen dürften. „Das birgt erhebliche finanzielle Risiken für die Stromkunden“, sagte Simon Schreck von Germanwatch. Die Deutsche Umwelthilfe bemängelt, dass bei der Ausschreibung Batteriespeicher leer ausgingen.
Ein Selbstläufer ist der Abschied vom Erdgas also nicht. Aber ob eine große Turbine mit reinem Wasserstoff stabil läuft, lässt sich nicht am Schreibtisch klären. In Lingen gibt es darauf in den nächsten Monaten eine Antwort aus der Praxis.
Themen: Wasserstoff, Gasturbine, Lingen, Emsland, RWE, Kawasaki, Energiewende, Versorgungssicherheit
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