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Wasser für die Puszta: So schützt Ungarn sein UNESCO-Welterbe vor dem Austrocknen
Wo noch vor wenigen Wochen Trockenheit drohte, breitet sich wieder flaches Wasser aus: Ungarn leitet rund zwei Millionen Kubikmeter in die Feuchtgebiete des Hortobágy-Nationalparks. Die kurzfristige Rettungsaktion schützt Vögel und senkt die Brandgefahr – sie zeigt aber auch, wie Europas Landschaften langfristig widerstandsfähiger werden können.
Von Max ·
Zwei Millionen Kubikmeter Wasser: Ungarn rettet ein Vogelparadies vor der Dürre Über dem flachen Land der ungarischen Puszta flimmerte bereits früh im Jahr die Hitze. Der Frühling brachte zu wenig Regen, der Boden startete mit einem erheblichen Wasserdefizit in den Sommer und die Sümpfe des Hortobágy-Nationalparks konnten sich nicht wie gewohnt füllen. Nun fließt wieder Wasser in eines der ökologisch wertvollsten Gebiete des Landes.
Ungarische Behörden haben rund zwei Millionen Kubikmeter Wasser aus dem westlichen Bewässerungskanal Nyugati in das Feuchtgebiet Fekete-rét geleitet. Das entspricht ungefähr dem Inhalt von 800 olympischen Schwimmbecken. Der Zufluss dauerte Mitte Juli 2026 noch an. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung wäre das Gebiet ohne die zusätzliche Versorgung inzwischen vollständig ausgetrocknet.
Die Maßnahme ist mehr als eine kurzfristige Bewässerungsaktion. Sie soll flache Wasserflächen, Schilfzonen und schlammige Uferbereiche erhalten, in denen Wasservögel Nahrung finden, brüten oder während ihrer oft Tausende Kilometer langen Reisen rasten können. Gleichzeitig bleibt die Vegetation feuchter, wodurch das Risiko großflächiger Brände sinkt.
Ein Feuchtgebiet mit bewegter Geschichte Fekete-rét, auf Deutsch „Schwarze Wiese“, ist das größte zusammenhängende Sumpfgebiet innerhalb dieses Teils des Nationalparks. Einst gehörte es zur natürlichen Auenlandschaft der Theiß. Bei Hochwasser strömten große Wassermengen in die tiefer gelegenen Flächen, wurden dort gespeichert und anschließend langsam wieder an das Flusssystem abgegeben.
Die Feuchtgebiete der Region funktionierten damit wie ein natürlicher Wasserspeicher. Nach Angaben des Nationalparks umfasste die historische Sumpflandschaft von Egyek-Pusztakócs einst fast 10.000 Hektar. Flussregulierungen und Entwässerungsmaßnahmen veränderten diesen Wasserhaushalt jedoch grundlegend.
Die Folgen wurden in den vergangenen Jahren immer sichtbarer. Fekete-rét trocknete 2013 erstmals vollständig aus. Während der schweren Dürre von 2022 verschwand das Wasser erneut; anschließend brannten mehr als 800 Hektar der ausgetrockneten Landschaft. Auch der Grundwasserspiegel sinkt nach Beobachtungen der örtlichen Fachleute seit längerer Zeit.
2026 kam die Hitze ungewöhnlich früh. Zugleich fehlten die Niederschläge, die normalerweise im Frühjahr zur Wiederauffüllung der Sümpfe beitragen. Langfristige meteorologische Untersuchungen bestätigen, dass in der Großen Ungarischen Tiefebene bereits steigende Sommertemperaturen und abnehmende Niederschläge beobachtet werden – mit Folgen für Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und empfindliche Ökosysteme.
Einer der bedeutendsten Vogelräume Mitteleuropas Der Hortobágy-Nationalpark ist weit mehr als eine trockene Grassteppe. Die Landschaft besteht aus einem eng miteinander verbundenen Mosaik aus Weiden, salzhaltigen Böden, Wiesen, Fischteichen und Sümpfen. Seit 1999 gehört eine Fläche von 74.820 Hektar als Kulturlandschaft zum UNESCO-Welterbe. Das Gebiet ist außerdem Teil des europäischen Natura-2000-Netzes und umfasst international geschützte Ramsar-Feuchtgebiete.
Diese Kombination aus offenen Grasflächen und flachem Wasser macht die Region zu einem entscheidenden Knotenpunkt für Zugvögel. Besonders bekannt ist Hortobágy für seine Kraniche. Nach Angaben der Nationalparkverwaltung hielten sich während der jüngsten herbstlichen Zugspitzen regelmäßig mehr als 150.000 Kraniche in der Region auf. Damit zählt Hortobágy zu den weltweit wichtigsten Rastgebieten dieser Art.
Doch nicht nur Kraniche profitieren. Die Feuchtgebiete bieten Nahrung und Schutz für Enten, Gänse, Reiher, Kormorane, Limikolen und zahlreiche weitere Wasser- und Watvögel. Einige Arten, die früher häufig beobachtet wurden, sind inzwischen selten geworden. Andere breiten sich unter den veränderten klimatischen Bedingungen aus: So ist der Zwergscharbenbestand in Fekete-rét heute deutlich größer als noch vor einigen Jahrzehnten.
Auch die zeitlichen Abläufe des Vogelzugs verändern sich. Weil kalte Winter seltener werden, beginnt der Frühjahrszug teilweise früher und zieht sich über einen längeren Zeitraum hin. Für die Tiere wird es dadurch umso wichtiger, entlang ihrer Zugrouten verlässliche Rast- und Nahrungsräume vorzufinden.
Warum flaches Wasser so viel bewirken kann Für ein Feuchtgebiet zählt nicht allein die Wassermenge. Entscheidend sind auch Wasserstand, Zeitpunkt und Dauer der Überflutung. Flache Bereiche schaffen Lebensräume für Insekten, Amphibien, Fische und Wasserpflanzen – und damit die Nahrungsgrundlage vieler Vögel. Bleiben Sumpfböden feucht, erwärmen sie sich zudem langsamer als ausgetrocknete Flächen und können das lokale Mikroklima beeinflussen.
Natürliche Wasserrückhaltemaßnahmen können darüber hinaus den Grundwasserhaushalt unterstützen, Lebensräume verbessern und Landschaften sowohl gegenüber Dürre als auch gegenüber Starkregen widerstandsfähiger machen. Europäische Fachstellen betonen allerdings, dass solche Maßnahmen kein universelles Heilmittel sind: Ihre Wirkung hängt von Boden, Gelände, Wasserverfügbarkeit und regionalem Management ab.
Die aktuelle Einleitung von Kanalwasser ist deshalb vor allem eine ökologische Nothilfe. Sie verschafft den Sümpfen Zeit und verhindert, dass eine weitere Brutsaison oder Zugperiode durch vollständige Austrocknung verloren geht. Eine dauerhafte Lösung erfordert jedoch, Wasser bereits während niederschlagsreicher Perioden in der Landschaft zu halten.
Vom schnellen Eingreifen zur langfristigen Anpassung Genau darin liegt die größere Bedeutung der ungarischen Maßnahme. Verantwortliche des Nationalparks fordern, einen möglichst großen Teil des nach Ungarn fließenden Wassers im Land zurückzuhalten, statt es schnell durch begradigte Flüsse und Kanäle abzuführen. So könnten Feuchtgebiete langfristig stabilisiert und möglicherweise auch sinkende Grundwasserstände gebremst werden.
Historisch wäre das keine völlig neue Idee, sondern eine Annäherung an die frühere Funktionsweise der Landschaft. Vor den großflächigen Flussregulierungen nahmen die Auen Hochwasser auf, speicherten es und gaben es nach und nach wieder ab. Die UNESCO verweist darauf, dass die Regulierung der Theiß ab dem 19. Jahrhundert zahlreiche ehemalige Feuchtgebiete teilweise entwässerte und die verfügbare Wassermenge für natürliche Weiden verringerte.
Das Wasser in Fekete-rét löst Ungarns Dürreprobleme daher nicht allein. Doch die Aktion zeigt, wie schnell bestehende Infrastruktur zum Schutz der Natur eingesetzt werden kann – und wie aus einer akuten Rettungsmaßnahme ein langfristiges Konzept entstehen könnte: Wasser nicht erst dann zu suchen, wenn Böden und Sümpfe ausgetrocknet sind, sondern es frühzeitig dort zu speichern, wo es Menschen und Ökosysteme später dringend benötigen.
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Wasser für die Puszta: So schützt Ungarn sein UNESCO-Welterbe vor dem Austrocknen