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Was Kinder über Gefühle lernen, wirkt noch Jahre später
Kinder, die in der Schule lernen, Gefühle zu erkennen und gute Beziehungen aufzubauen, profitieren oft noch Jahre später. Das zeigt eine Auswertung von 82 Programmen mit über 97.000 Kindern und Jugendlichen: weniger Verhaltensprobleme, weniger seelische Belastung, bessere Schulleistungen.
Von Madalina ·
Wut im Bauch, Kloß im Hals, Lampenfieber vor dem Referat: Gefühle kennt jedes Kind. Sie zu benennen und gut mit ihnen umzugehen, ist dagegen eine Fähigkeit, die man üben kann. In etlichen Ländern stehen genau solche Übungen inzwischen auf dem Stundenplan. Doch bringt das auf Dauer etwas – oder verpufft es, sobald das Programm vorbei ist?
Eine große Auswertung im Fachjournal „Child Development“ hat genau das untersucht. Die kurze Antwort: Die positiven Effekte waren in den Nachuntersuchungen noch messbar, teils viele Jahre später. Die längere Antwort lohnt sich, denn sie zeigt auch, wo die Forschung noch Lücken hat.
Was hinter dem Kürzel SEL steckt Fachleute sprechen von sozial-emotionalem Lernen, kurz SEL. Gemeint sind Schulprogramme, in denen Kinder lernen, ihre Gefühle zu erkennen und einzuordnen, mit anderen mitzufühlen, Entscheidungen zu treffen und Beziehungen aufzubauen und zu halten.
Dass solche Programme kurzfristig etwas bewirken, hatte schon eine viel zitierte Metaanalyse aus dem Jahr 2011 gezeigt: Direkt nach den Programmen ging es den Kindern seelisch besser, sie hatten mehr soziale Fähigkeiten und bessere Leistungen. Offen blieb die Frage, ob davon etwas bleibt.
82 Programme, über 97.000 Kinder, bis zu 18 Jahre Nachbeobachtung Ein Team um Rebecca D. Taylor von der US-Organisation CASEL (Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning), Eva Oberle (University of British Columbia), Joseph A. Durlak (Loyola University Chicago) und Roger P. Weissberg (CASEL und University of Illinois at Chicago) hat dafür 82 Schulprogramme ausgewertet. Alle richteten sich an ganze Klassen oder Schulen, nicht nur an Kinder mit Auffälligkeiten.
Zusammen umfassten die Studien 97.406 Kinder und Jugendliche, vom Vorschuljahr bis zur Highschool. 38 der Programme liefen außerhalb der USA. Entscheidend war der Blick auf die Zeit danach: Die Forschenden werteten nur Nachuntersuchungen aus, die frühestens sechs Monate und spätestens 18 Jahre nach Programmende stattfanden – jeweils im Vergleich mit Kontrollgruppen ohne Programm. Erschienen ist die Metaanalyse im Juli 2017.
Was nach Jahren noch messbar war Die Kinder aus den Programmen schnitten in den Nachuntersuchungen bei sozialen und emotionalen Fähigkeiten, bei ihren Einstellungen und beim hilfsbereiten Verhalten besser ab als die Vergleichsgruppen. Gleichzeitig zeigten sie seltener Verhaltensprobleme, weniger seelische Belastung und griffen seltener zu Drogen.
Besonders auffällig sind die Schulleistungen: Im Schnitt rund dreieinhalb Jahre nach dem Programm lagen die Teilnehmenden 13 Perzentilpunkte vor den Vergleichsgruppen ohne Programm. Anschaulich gesagt: Stünde das durchschnittliche Kind der Vergleichsgruppe auf einer Skala von 1 bis 100 genau in der Mitte, also bei 50, käme das durchschnittliche Kind mit SEL-Programm auf etwa 63. Dieser Befund stützt sich allerdings nur auf acht Studien.
Eine weitere gute Nachricht: Die Effekte fielen ähnlich aus, egal welche Herkunft die Kinder hatten, aus welchen sozialen Verhältnissen sie kamen oder wo ihre Schule lag. Und am besten ließ sich das spätere Wohlbefinden daran ablesen, wie stark die sozial-emotionalen Fähigkeiten direkt am Ende des Programms gewachsen waren. Das spricht dafür, dass es tatsächlich auf diese Fähigkeiten ankommt.
Einzelne der einbezogenen Langzeitstudien berichteten laut einer Zusammenfassung von CASEL zudem über höhere Abschlussquoten an Highschool und College, weniger Festnahmen und seltener diagnostizierte psychische Erkrankungen bei den ehemaligen Teilnehmenden. Das sind allerdings Ergebnisse einzelner Studien, kein Durchschnitt über alle Programme.
Ehrlich hingeschaut: Was die Studie nicht zeigt So ermutigend die Ergebnisse sind, sie haben Grenzen. Eine Metaanalyse bildet Durchschnittswerte über sehr unterschiedliche Programme. Sie sagt nicht, dass jedes einzelne Programm wirkt.
Viele Effekte sind nach gängigen statistischen Maßstäben klein. Beim Rückgang von Verhaltensproblemen lag die Effektstärke etwa bei 0,14, wie das Portal Mad in America berichtet. Die Autorinnen und Autoren halten dagegen, dass diese Maßstäbe für Programme, die sich an alle Kinder richten, und für Langzeitdaten wenig passen. Auch ein kleiner Effekt könne für Lehrkräfte, Eltern und Kinder spürbar sein.
Hinzu kommt: Rund drei Viertel der einbezogenen Studien stützten sich laut Mad in America auf Selbstauskünfte, also darauf, was die Kinder und Jugendlichen selbst angaben. Und zwei der vier Autoren, Rebecca Taylor und Roger Weissberg, waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bei CASEL tätig – einer Organisation, die sich für sozial-emotionales Lernen einsetzt. Mad in America weist ausdrücklich auf diesen möglichen Interessenkonflikt hin. Studien, die Kinder bis ins junge Erwachsenenalter begleitet haben, gibt es zudem nur wenige.
Und in Deutschland? In deutschen Lehrplänen spielte das Thema zuletzt nur eine Nebenrolle – das ergab eine Auswertung aus dem Jahr 2023. Julius Grund und Jorrit Holst von der Freien Universität Berlin haben dafür 422 Lehrpläne aus allen Bundesländern, Schulformen und vielen Fächern untersucht. In 42 Prozent davon taucht die Förderung emotionaler Kompetenzen gar nicht als Ziel auf, wie News4teachers im April 2023 berichtete. Die Forscher sprechen von einer „unzureichende[n] Verankerung von emotionaler Kompetenz in den deutschen Lehrplänen“. In Grundschullehrplänen kommt das Thema noch am ehesten vor, an weiterführenden Schulen seltener.
Es gibt aber auch hierzulande Programme, die genau das in die Klassen bringen – etwa Papilio. Es entstand ursprünglich für Kindergärten – entwickelt vom beta Institut in Augsburg zusammen mit unter anderem der Freien Universität Berlin, der Universität Augsburg und der Augsburger Puppenkiste. Mit Papilio-6bis9 (in der Fachstudie „Papilio-6to9“) gibt es inzwischen eine Variante für Grundschulen und Horte, gedacht für Kinder von sechs bis neun Jahren.
Die Klassen arbeiten dabei 27 Unterrichtsstunden lang mit dem Programm. Es gibt Regeln fürs Miteinander, Puppengeschichten über Gefühle – von Freude und Wut bis zu Neid, Scham und Stolz –, zu Beginn jeder Stunde eine Achtsamkeitsübung sowie eine kindgerechte Form der Übung „Drei gute Dinge“, bei der die Kinder positiv auf ihren Tag zurückblicken. Die Lehrkräfte werden dafür drei Tage lang geschult.
Eine Pilotstudie der Freien Universität Berlin, veröffentlicht im November 2025 in „Frontiers in Psychology“, begleitete 224 Erstklässlerinnen und Erstklässler aus zwölf Klassen an sechs Schulen in Bayern und Nordrhein-Westfalen. Nach Einschätzung ihrer Lehrkräfte zeigten die Kinder mit Programm mehr soziale Fähigkeiten, weniger Probleme und eine engere Beziehung zur Lehrkraft als die Vergleichsklassen. Einige Effekte waren auch drei Monate nach Programmende noch sichtbar.
Auch hier gilt: Es ist ein erster, kleiner Test. Die Bewertungen stammen allein von den Lehrkräften, die wussten, ob ihre Klasse teilnahm. An drei der sechs Schulen ließ sich die zufällige Zuteilung nicht durchhalten, und in einer strengeren statistischen Auswertung bestätigte sich nur ein Teil der Befunde. Finanziert wurde das Projekt von der Knappschaft über die Papilio gGmbH, die das Programm selbst anbietet. Die Forschenden selbst mahnen zur Vorsicht bei der Deutung und wünschen sich größere Studien.
Gefühle sind lernbar Was bleibt? Eine neuere, noch größere Metaanalyse eines Teams um Christina Cipriano und Michael Strambler von der Yale University, 2023 ebenfalls in „Child Development“ erschienen, wertete 424 Studien mit mehr als einer halben Million Kindern und Jugendlichen aus über 50 Ländern aus. Auch sie fand, dass die positiven Effekte auf sozial-emotionale Fähigkeiten sechs Monate und länger nach Programmende anhielten. Die internationale Forschung spricht also dafür, dass Kinder vom Üben sozialer und emotionaler Fähigkeiten nicht nur kurzfristig profitieren. Wie groß der Effekt im Einzelfall ist, hängt vom Programm ab, und manche Fragen sind noch offen.
Die schöne Botschaft dahinter ist trotzdem klar: Mit Gefühlen umzugehen ist keine Frage von Glück oder Charakter, sondern etwas, das sich lernen lässt – und was Kinder dabei mitnehmen, kann sie lange begleiten.
Themen: Sozial-emotionales Lernen, Schule, Kinder, Bildung, Psychische Gesundheit, Achtsamkeit, Gefühle, Studie