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Warum wir Laternen tragen: Was hinter dem Martinstag steckt
Laternen tragen wir für einen Soldaten, der der Legende nach seinen Mantel teilte – in der heutigen Form aber erst seit dem späten 19. Jahrhundert. Gans und Weckmann haben eigene Wurzeln, und seit März 2026 zählt die rheinische Martinstradition zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland.
Von Denise ·
Es wird früh dunkel, und in vielen Straßen sind dieser Tage wieder kleine Lichter unterwegs: Rund um den 11. November ziehen Kinder mit selbst gebastelten Laternen durch Dörfer und Städte, oft hinter einem Reiter im roten Mantel. Was wie ein uraltes Ritual wirkt, stammt in dieser Form erst aus dem späten 19. Jahrhundert. Die Idee dahinter ist viel älter – und lässt sich in einem Wort sagen: teilen.
In diesem Jahr gibt es einen zusätzlichen Grund, genauer hinzuschauen. Ende März haben Bund und Länder die „Martinstradition im Rheinland“ ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Sie vermittle „Werte wie Teilen, Solidarität und Zusammenhalt über Generationen hinweg“, sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dazu. Einen Antrag auf Anerkennung hatten schon 2017 zwei Männer aus Brüggen und Kempen gestellt, mit Rückhalt rheinischer Martinsvereine.
Ein echter Bischof und eine Legende Martin von Tours hat wirklich gelebt. Geboren wurde er um 316/317 im heutigen Ungarn, er diente als Soldat in der römischen Armee und wurde Anfang der 370er-Jahre Bischof von Tours. Er starb am 8. November 397 in Candes und wurde am 11. November beigesetzt. Daher stammt das Datum.
Die berühmteste Szene seines Lebens ist dagegen Überlieferung: In den 330er-Jahren soll der noch ungetaufte Soldat im Winter am Stadttor von Amiens einem frierenden Bettler begegnet sein, seinen Militärmantel mit dem Schwert geteilt und eine Hälfte verschenkt haben. In der Nacht darauf, so die Erzählung, erschien ihm Christus im Traum und trug den halben Mantel.
Die älteste Lebensbeschreibung verfasste in den 390er-Jahren sein Freund Sulpicius Severus. Sie wurde zum Muster für spätere Heiligenbiografien und will vor allem ein Vorbild zeigen, kein Protokoll liefern. Ein schönes Detail: Von einem Pferd ist bei der Mantelteilung in dieser ältesten Quelle gar nicht die Rede. Den Reiter haben erst spätere Darstellungen daraus gemacht.
Vom derben Fest zum Kinderzug Lange ging es am Martinstag alles andere als besinnlich zu. Das Fest war „ausgelassen, derb und laut“, wie das Portal „Alltagskulturen im Rheinland“ des Landschaftsverbands Rheinland beschreibt: Vor der Fastenzeit im Advent wurde noch einmal kräftig gefeiert, vor allem männliche Jugendliche zogen von Tür zu Tür und sammelten Eier, Speck und Alkohol, dazu brannten Feuer. Im 18. Jahrhundert wurden die Feuerbräuche vielerorts verboten.
Im 19. Jahrhundert machte das gebildete Bürgertum in den Städten daraus einen Kinderbrauch mit Laternenumzug. Wann genau das begann, wird unterschiedlich angegeben: Ein Antrag im Landtag von Nordrhein-Westfalen datiert die heutige Form auf die Zeit ab 1867, das LVR-Portal nennt 1890 in Düsseldorf als ersten so organisierten Zug und um 1900 als Entstehungszeit der heute bekannten Form. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sie sich auch in Eifel und Hunsrück durch.
Und warum gerade Laternen? Eine einzige sichere Antwort gibt es nicht. Licht gehörte schon zum älteren Fest. Das Erzbistum Köln hält es für wahrscheinlich, dass der Ursprung bei der Überführung von Martins Leichnam liegt, die auf dem Fluss von Laternenlicht begleitet worden sein soll. Ein älteres Skript aus demselben Haus sieht das Vorbild in kirchlichen Lichterprozessionen. Die kirchliche Deutung ist einfacher: Das Licht steht für das Erbarmen, das mit Martins Tat ins Dunkel kam.
Gans, Weckmann und ein Reformator Zur Martinsgans gehört die hübsche Geschichte vom Gänsestall: Martin habe sich dort versteckt, um nicht Bischof werden zu müssen, und das Geschnatter habe ihn verraten. Sie stammt aber erst aus dem 16. Jahrhundert und gilt als nachträgliche Erklärung. Nüchterner klingt die andere Erklärung: Am Martinstag endete das bäuerliche Wirtschaftsjahr, die Pacht wurde fällig, teils auch in Form von Gänsen.
Der Weckmann, ein Männchen aus Weizenteig mit Rosinenaugen und oft einer Tonpfeife, trägt je nach Gegend andere Namen, im Rheinland etwa Stutenkerl, Puhmann oder Buckmann. Ursprünglich gehörte er wohl zum Nikolaustag. Ein Skript des Erzbistums Köln deutet die Figur als Bischof und die Pfeife als verdrehten Bischofsstab: Stellt man sie auf den Kopf, erkennt man den Stab. Das LVR-Portal zeigt den Martinsweck, ein Hefegebäck, ausdrücklich als Symbol des Teilens.
Auch evangelische Kinder laufen mit, obwohl Heiligenverehrung dem Protestantismus fremd ist. Eine Brücke gibt es trotzdem: Martin Luther kam am 10. November 1483 zur Welt, wurde am Tag darauf getauft und erhielt seinen Namen vom Tagesheiligen. In manchen evangelischen Gegenden bezieht sich der Brauch auf ihn.
Was vom Mantel bleibt Nach 1945 bekam das Helfen mehr Gewicht. Mancherorts traten verschenkte Martinstüten an die Stelle des Sammelns von Tür zu Tür, und auch an Bedürftige wurde gedacht: Beim „Stillen Martinszug“ der Caritas legten Gemeindemitglieder Tüten vor einer Martinsstatue ab, die dann verteilt wurden.
Wenn in den nächsten Tagen ein Laternenzug an dir vorbeizieht, ist also vieles daran jünger, als es aussieht, und manches schlicht Legende. Der Kern hält trotzdem: Jemand sieht, dass ein anderer friert, und gibt die Hälfte ab.
Themen: Martinstag, Sankt Martin, Laternenumzug, Martinsgans, Weckmann, Brauchtum, Immaterielles Kulturerbe, Rheinland