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Warum ein Lieblingslied die Laune hebt: Was dabei im Gehirn passiert
Wenn das Lieblingslied läuft, schüttet das Gehirn Dopamin aus – schon in Vorfreude auf die beste Stelle. Das zeigte 2011 ein Team in Montreal. Was die Forschung seitdem herausgefunden hat und warum eine eigene Gute-Laune-Liste im Novembergrau eine gute Idee ist.
Von Madalina ·
Draußen wird es früh dunkel, der Nebel hängt über den Feldern, und der Montag fühlt sich an wie ein zäher Kaugummi. Dann läuft im Radio dieses eine Lied – und plötzlich sitzt man etwas aufrechter. Vielleicht summt man mit, vielleicht kribbelt es sogar im Nacken. Was da passiert, ist kein Zufall und keine Einbildung: Die Hirnforschung hat inzwischen einiges darüber herausgefunden, warum Musik, die wir lieben, uns guttut.
Dopamin für die beste Stelle Einen wichtigen Nachweis lieferte 2011 ein Team um Valorie Salimpoor, damals Doktorandin im Labor des Neurowissenschaftlers Robert Zatorre am Montreal Neurological Institute der McGill University in Kanada. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift „Nature Neuroscience“.
Die Forschenden spielten Versuchspersonen Musik vor, die ihnen Gänsehaut bereitete, und verglichen das mit neutraler Musik. Diese Gänsehautmomente – Fachleute sprechen von „Chills“ – maßen sie über Hautleitfähigkeit, Herzschlag, Atmung und Temperatur. Gleichzeitig blickten sie mit zwei bildgebenden Verfahren ins Gehirn: mit der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT).
Das Ergebnis: Bei Musik, die als schön empfunden wurde, schüttete das Gehirn mehr Dopamin aus als bei neutraler Musik. Dopamin ist ein Botenstoff des Belohnungssystems, das auch bei Essen oder anderen angenehmen Erfahrungen anspringt. Je stärker die Gefühlsreaktion, desto mehr Dopamin wurde gemessen.
Schon die Vorfreude zählt Besonders spannend ist das Timing. Dopamin floss nicht erst im Gänsehautmoment selbst, sondern bereits in der Vorfreude darauf. Und beide Phasen liefen in unterschiedlichen Bereichen des sogenannten Striatums ab: Während der Erwartung war vor allem der Nucleus caudatus beteiligt, im Höhepunkt selbst der Nucleus accumbens.
Wer ein Lied gut kennt, weiß, wann der Refrain kommt, wann die Stimme hochgeht, wann der Beat einsetzt. Das Gehirn belohnt dieses Spiel aus Spannung und Auflösung gleich zweimal: in der Erwartung und im Höhepunkt. Laut Robert Zatorre war es nach Wissen des Teams der erste Nachweis, dass eine so abstrakte Belohnung wie Musik zur Ausschüttung von Dopamin führen kann.
Ohne Dopamin weniger Genuss Dass Dopamin nicht nur zufällig mitläuft, sondern den Musikgenuss tatsächlich mitbestimmt, zeigte 2019 ein Team um Laura Ferreri von der Universität Barcelona in der Fachzeitschrift PNAS. An dieser Studie war auch Robert Zatorre beteiligt.
27 Teilnehmende bekamen in drei Sitzungen, jeweils mindestens eine Woche auseinander, entweder Levodopa (eine Vorstufe von Dopamin), ein Placebo oder Risperidon, einen Wirkstoff, der Dopamin blockiert. Danach hörten sie ihre Lieblingslieder und zehn vom Team ausgewählte Stücke. Sie bewerteten, wie gut ihnen die Musik gefiel, und gaben an, ob und für wie viel Geld sie die Lieder kaufen würden.
Mit gebremstem Dopamin gefiel die Musik weniger, die Bereitschaft zu zahlen sank und die körperlichen Reaktionen fielen schwächer aus. Mit mehr Dopamin war es umgekehrt: mehr Freude, mehr Zahlungsbereitschaft, stärkere Reaktionen. Für die Forschenden ein Beleg, dass Dopamin direkt mit dem Musikgenuss und der Lust auf mehr verbunden ist.
Auch körpereigene Opioide spielen mit 2025 kam ein weiteres Puzzleteil hinzu. Forschende des PET-Zentrums der Universität Turku in Finnland zeigten, dass Lieblingsmusik auch das körpereigene Opioidsystem in Gang setzt – also jene Botenstoffe, die mit Wohlgefühl und Schmerzlinderung zu tun haben. Die Freisetzung von Opioiden in Hirnregionen, die mit Genuss verbunden sind, hing damit zusammen, wie oft die Teilnehmenden beim Hören angenehme Gänsehaut erlebten.
Das Team um Vesa Putkinen und Lauri Nummenmaa vermutet, dass sich so auch die schon früher beobachtete schmerzlindernde Wirkung von Musik erklären lassen könnte. Das ist allerdings eine Annahme, die weitere Forschung prüfen muss.
Im Alltag: Fröhliche Musik senkt Stress Und was heißt das für den grauen Novembertag? Hinweise liefert eine Studie der Universität Wien, erschienen 2023 in der Fachzeitschrift JAMA Network Open. Das Team um Anja Feneberg und Urs Nater begleitete im ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 mehr als 700 Erwachsene aus Österreich und Italien. Per Smartphone-App gaben sie mehrmals täglich an, wie gestresst sie waren, wie es ihnen ging und ob sie Musik gehört hatten.
Nach dem Musikhören berichteten die Teilnehmenden von weniger Stress, besserer Stimmung und mehr Energie – teils noch Stunden später. Am stärksten verbesserte sich die Stimmung bei Menschen, die besonders unter Dauerstress standen. Ein interessantes Detail: Musik, die als fröhlich empfunden wurde, hing mit besonders deutlichen Verbesserungen zusammen. Musik nur zur Ablenkung zu hören ging dagegen mit höheren Stresswerten einher.
Eine eigene Gute-Laune-Liste Aus diesen Befunden lässt sich eine kleine, einfache Idee ableiten: eine eigene Liste mit Liedern, die du als fröhlich empfindest und auf deren beste Stelle du dich freust. Welche das sind, ist ganz persönlich – die Wiener Forschenden haben die Musikrichtung gar nicht erfasst. Entscheidend scheint eher, wie die Musik auf dich wirkt.
So lässt sich die Liste nutzen:
Lieder sammeln, die dir selbst gute Laune machen, egal welches Genre. Vor allem Stücke wählen, die sich fröhlich anfühlen – solche Musik hing in der Wiener Studie mit den deutlichsten Verbesserungen zusammen. Die Vorfreude auf den Lieblingsmoment im Lied genießen. Ein ehrlicher Blick auf die Grenzen Musik ist kein Allheilmittel. Eine große Auswertung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main aus dem Jahr 2026 mit Daten aus dem schwedischen Zwillingsregister fand keine Hinweise darauf, dass mehr Musikhören im Alltag die psychische Gesundheit verbessert oder verschlechtert. Seniorautorin Miriam Mosing fasst zusammen, dass „das bloße Hören von Musik im Alltag nicht zwangsläufig zu einer besseren psychischen Gesundheit führt“. Gezielte Musiktherapien können laut früheren Studien dagegen durchaus therapeutische Vorteile haben.
Für einen grauen Montag ist das Lieblingslied also eine schöne kleine Belohnung – mehr nicht, aber auch nicht weniger. Wer über Wochen niedergeschlagen ist, sich kaum noch an etwas freuen kann oder schlecht schläft, sollte das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen.
Themen: Lieblingslied, Musik Wirkung, Dopamin, Gute Laune, Stress reduzieren, Gehirnforschung, Wohlbefinden
Warum ein Lieblingslied die Laune hebt: Was dabei im Gehirn passiert