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Warum das Handwerk plötzlich wieder junge Menschen lockt
Während künstliche Intelligenz Texte schreibt und Bilder erzeugt, entdecken mehr junge Menschen Berufe, in denen am Ende etwas Greifbares entsteht. Die Ausbildungszahlen im Handwerk steigen – doch dahinter steckt mehr als die Sorge vor KI.
Von Tobias ·
Warum das Handwerk plötzlich wieder junge Menschen lockt Einmal kurz nicht aufgepasst, schon schreibt die künstliche Intelligenz eine Bewerbung, plant den Urlaub und erklärt nebenbei den Unterschied zwischen Parkett und Laminat. Nur verlegen kann sie den Boden noch immer nicht.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der neuen Attraktivität des Handwerks. Während in vielen Büros darüber diskutiert wird, welche Aufgaben künftig von Software übernommen werden könnten, wächst bei jungen Menschen offenbar das Interesse an Berufen, in denen Denken und Anpacken zusammengehören.
Bis Ende Juni 2026 wurden im deutschen Handwerk knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge in die Lehrlingsrollen eingetragen. Das waren rund 3.160 Verträge oder 4,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Einen vergleichbar hohen Stand hatte es zu diesem Zeitpunkt zuletzt 2018 gegeben.
Das ist bemerkenswert, weil sich der gesamte Ausbildungsmarkt zuletzt in die andere Richtung entwickelte. Im Jahr 2025 wurden bundesweit rund 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – 2,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig ging das Angebot betrieblicher Ausbildungsplätze zurück.
Das Handwerk schwimmt also ein Stück weit gegen den Strom.
Ein Beruf, dessen Ergebnis man anfassen kann Über die Gründe lässt sich nicht auf einen einzigen Satz herunterbrechen. Handwerkspräsident Jörg Dittrich nennt mehrere mögliche Faktoren: bessere Karriere- und Verdienstmöglichkeiten, jahrelange Imagearbeit, weniger Ausbildungsplätze in Teilen der Industrie – und die wachsende Unsicherheit darüber, wie künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändern wird.
Die Vorstellung, das Handwerk sei grundsätzlich „KI-sicher“, wäre allerdings zu einfach. Auch Werkstätten, Bäckereien, Bauunternehmen oder Friseursalons werden digitaler. KI kann Angebote vorbereiten, Materialmengen berechnen, Wartungsdaten auswerten, Arbeitsabläufe planen oder bei der Kundenkommunikation helfen.
Doch zwischen einer Aufgabe und einem ganzen Beruf besteht ein wichtiger Unterschied. Internationale Untersuchungen zur generativen KI kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass Technologien zunächst einzelne Tätigkeiten verändern. Besonders stark betroffen sind Aufgaben, die am Computer erledigt werden und viel Sprache, Datenverarbeitung oder standardisierte Büroarbeit enthalten.
Eine defekte Heizungsanlage in einem verwinkelten Altbau verlangt dagegen mehr als eine gute Textvorhersage. Hier müssen Geräusche eingeordnet, Rohre geprüft, ungewöhnliche Lösungen gefunden und Entscheidungen direkt vor Ort getroffen werden. Dazu kommen Erfahrung, Feinmotorik und der Kontakt mit Menschen – manchmal auch mit Menschen, die überzeugt sind, „gestern habe das Gerät noch ganz normal geklappert“.
Handwerk ist längst nicht mehr nur Handarbeit Auch das alte Bild vom Handwerk als Gegenwelt zur Technik stimmt nicht mehr. Moderne Auszubildende arbeiten mit digitalen Messgeräten, computergesteuerten Maschinen, 3D-Modellen, Diagnosesoftware und zunehmend auch KI-Anwendungen.
Gerade diese Mischung könnte reizvoll sein: Technik nutzen, ohne den ganzen Tag ausschließlich vor einem Bildschirm zu sitzen. Probleme lösen und am Abend sehen, was entstanden ist. Ein Dach ist gedeckt, eine Solaranlage angeschlossen, ein Fahrrad fährt wieder oder aus Mehl, Wasser und Geduld ist tatsächlich ein Brot geworden.
Hinzu kommen vielfältige Aufstiegsmöglichkeiten. Nach der Ausbildung können Gesellen sich spezialisieren, den Meister machen, studieren oder einen eigenen Betrieb übernehmen. Deutschlandweit existieren mehr als eine Million Handwerksbetriebe. Im Jahr 2025 waren dort rund 346.000 Auszubildende beschäftigt.
Ein gutes Zeichen – aber noch keine Entwarnung Der Zuwachs löst den Fachkräftemangel nicht über Nacht. Nach Berechnungen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung fehlten 2024 in Handwerksberufen rechnerisch rund 107.700 passend qualifizierte Arbeitskräfte. Etwa die Hälfte der offenen Stellen konnte nicht mit entsprechend qualifizierten Arbeitslosen besetzt werden.
Zudem waren im Juli 2026 noch mehr als 20.000 Ausbildungsstellen über die Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern unbesetzt. Der Anstieg zeigt deshalb vor allem eine Richtung, nicht das Ende der Strecke.
Trotzdem steckt in diesen Zahlen eine erfreuliche Botschaft: Beruflicher Erfolg besitzt mehr als eine Tür. Manchmal führt sie in einen Hörsaal, manchmal in eine Werkstatt – und gelegentlich klemmt sie, bis jemand mit dem richtigen Werkzeug kommt.
Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt verändern. Doch sie erinnert uns möglicherweise auch daran, welchen Wert Fähigkeiten haben, die Wissen, Erfahrung, Kreativität und geschickte Hände verbinden. Das Handwerk wirkt damit plötzlich nicht wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit, sondern wie ein ziemlich moderner Entwurf für die Zukunft.