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Vorsorge-Darmspiegelung: Darmkrebs-Sterberate um mehr als ein Drittel gesunken
Seit Oktober 2002 zahlen die gesetzlichen Kassen die Darmspiegelung zur Vorsorge. Von 2000 bis 2018 sank die Darmkrebs-Sterberate laut Deutschem Krebsforschungszentrum um mehr als ein Drittel. Und da geht noch mehr: Längst nicht alle nutzen das Angebot.
Von Ulrike ·
Viele Früherkennungsuntersuchungen sollen Krebs möglichst früh finden. Die Darmspiegelung kann noch etwas mehr: Ärztinnen und Ärzte entdecken dabei Vorstufen von Darmkrebs und können sie direkt entfernen, wie der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erklärt. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), bringt es auf den Punkt: Die Früherkennung „verhindert, dass Darmkrebs überhaupt entsteht“.
Seit Oktober 2002 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Darmspiegelung zur Vorsorge. Gut zwei Jahrzehnte später zeigen Registerdaten, was sich seitdem getan hat: Darmkrebs ist in Deutschland seltener geworden, und deutlich weniger Menschen sterben daran. Weil seit April 2025 auch Frauen schon ab 50 zur Vorsorge-Darmspiegelung gehen können, lohnt sich ein genauer Blick.
Wie die Darmspiegelung zur Kassenleistung wurde Am 21. Juni 2002 beschloss der damalige Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, die Koloskopie zur Früherkennung in den Leistungskatalog aufzunehmen. Ab dem 1. Oktober 2002 hatten Versicherte ab 55 Anspruch auf zwei Darmspiegelungen, die zweite frühestens zehn Jahre nach der ersten. Wer das nicht wollte, konnte stattdessen alle zwei Jahre einen Test auf verborgenes Blut im Stuhl machen. Vor der Wahl stand ein Beratungsgespräch über Vor- und Nachteile beider Verfahren.
Eine Einladung gab es damals nicht. Bis 2019 musste man sich selbst darum kümmern – Fachleute sprechen von einem „opportunistischen“ Screening.
Weniger Erkrankungen, deutlich weniger Todesfälle Was sich seither verändert hat, hat ein Team um Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg ausgewertet. Für die 2021 im Deutschen Ärzteblatt erschienene Studie nutzten die Forschenden bundesweite Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten und die amtliche Todesursachenstatistik.
Das Ergebnis: Zwischen 2000 und 2016 sank die altersstandardisierte Neuerkrankungsrate bei Männern um 22,4 Prozent und bei Frauen um 25,5 Prozent – also um knapp ein Viertel. Noch deutlicher fiel der Rückgang bei der Sterblichkeit aus: Von 2000 bis 2018 ging sie bei Männern um 35,8 Prozent und bei Frauen um 40,5 Prozent zurück. Altersstandardisiert heißt, dass die Raten so berechnet sind, dass die älter werdende Bevölkerung den Vergleich nicht verzerrt.
Auch in absoluten Zahlen ging es abwärts, obwohl die Gesellschaft gealtert ist. Die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr fiel laut Studie zwischen 2000 und 2016 von etwa 60.400 auf 58.300, die der Todesfälle zwischen 2000 und 2018 von etwa 28.700 auf 24.200.
Besonders stark war der Rückgang ab 55 Jahren, also in dem Alter, für das die Darmspiegelung angeboten wurde. Und er betraf vor allem Tumoren im Enddarm und im unteren Dickdarm. Im oberen Dickdarm sank die Zahl der Neuerkrankungen dagegen kaum. Dort wurden Tumoren aber häufiger in früheren Stadien entdeckt, was laut DKFZ zum Rückgang der Sterblichkeit beigetragen hat. Den geringeren Effekt im oberen Dickdarm erklärt Brenner unter anderem damit, dass Vorstufen dort bei der Spiegelung schwerer zu erkennen sind und andere biologische Eigenschaften haben.
Was Registerdaten zeigen können – und was nicht Ein Beweis im strengen Sinn ist die Studie nicht. Beobachtet werden Trends in der gesamten Bevölkerung – wer selbst zur Spiegelung gegangen ist, lässt sich darin nicht erkennen. Der Grund: Krebsregisterdaten dürfen in Deutschland aus Datenschutzgründen nicht mit den Teilnahmedaten verknüpft werden. Auch andere Einflüsse könnten mitgespielt haben: Bei der Sterblichkeit nennen die Forschenden etwa Fortschritte in der Behandlung. Dass Lebensstil oder die Einnahme von Aspirin den Rückgang hauptsächlich erklären, halten sie aber für unwahrscheinlich.
Dass die Vorsorge einen großen Anteil hat, stützen andere Untersuchungen. In der ESTHER-Studie hat das DKFZ mehr als 9.000 Menschen rund 17 Jahre lang begleitet, ausgewertet mit Daten des saarländischen Krebsregisters. Wer eine Vorsorge-Darmspiegelung hatte, erkrankte rund 60 Prozent seltener an Darmkrebs, das Risiko, daran zu sterben, lag rund 70 Prozent niedriger. Auch das ist eine Beobachtungsstudie, sie vergleicht aber Teilnehmende direkt mit Menschen ohne Spiegelung.
Eine Modellrechnung des DKFZ aus dem Jahr 2014 bezog sich auf die rund 4,4 Millionen Vorsorge-Darmspiegelungen der Jahre 2003 bis 2012. Demnach verhinderten sie etwa 180.000 Darmkrebsfälle, weitere rund 40.000 Tumoren wurden früh entdeckt, meist noch in heilbarem Stadium. Zur ehrlichen Bilanz gehört auch: Dieselbe Rechnung weist rund 4.500 Überdiagnosen aus, etwa eine pro 1.089 Darmspiegelungen.
Wo Deutschland heute steht Der Trend hat sich fortgesetzt. Nach einem kurzen Anstieg sinken die altersstandardisierten Erkrankungsraten laut Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) seit etwa 2003. Für das Jahr 2023 meldet das ZfKD rund 55.300 Neuerkrankungen (25.070 bei Frauen, 30.250 bei Männern) und rund 22.700 Todesfälle (Stand der Seite: August 2026). Die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei 66 Prozent für Frauen und 63 Prozent für Männer.
Zum Vergleich: Um das Jahr 2000 waren es nach der DKFZ-Studie noch etwa 60.400 Neuerkrankungen und 28.700 Todesfälle pro Jahr. Weil beide Werte aus unterschiedlichen Auswertungen stammen, taugt der Vergleich nur als grobe Orientierung.
Das Angebot ist breiter geworden Seit 2002 hat sich die Vorsorge weiterentwickelt. Seit April 2019 können Männer schon ab 50 zur Darmspiegelung, seit Juli 2019 schreiben die Krankenkassen ihre Versicherten an. Im Jahr 2019 stieg die Zahl der Vorsorge-Darmspiegelungen laut einer vorläufigen Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) auf 512.428, nach 447.840 im Jahr zuvor – ein Plus von 14,4 Prozent. Dem Einladungsverfahren schreibt das Zi dabei „vermutlich eine zentrale Rolle“ zu.
Seit dem 1. April 2025 gilt für Frauen dasselbe wie für Männer. Stand heute haben gesetzlich Versicherte ab 50 die Wahl: zwei Darmspiegelungen im Abstand von zehn Jahren oder alle zwei Jahre ein Stuhltest. Ist der Stuhltest auffällig, besteht immer Anspruch auf eine Darmspiegelung. Einladungen kommen mit 50, 55, 60 und 65 Jahren, sofern man nicht widerspricht. Im ersten Halbjahr 2025 gab es laut KBV mehr als 339.000 Vorsorge-Darmspiegelungen, 3,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Ob die Vorsorge schon mit 45 beginnen sollte, berät der G-BA laut eigener Mitteilung vom Januar 2025. Das von ihm beauftragte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) fand dafür keine guten Studien und hat stattdessen verschiedene Varianten durchgerechnet; die Entscheidung liegt nun beim G-BA. Für Menschen unter 50 mit familiärem Risiko hat der G-BA im August 2026 entschieden, das Programm nicht auszuweiten, weil belastbare Belege fehlen. Wer ein bekanntes familiäres Risiko hat, ist nach Einschätzung des G-BA meist ohnehin in ärztlicher Betreuung, und bei Beschwerden ist eine Darmspiegelung jederzeit möglich.
Da geht noch mehr Die größte Stellschraube ist die Teilnahme. Knapp 20 Jahre nach dem Start hatte laut DKFZ gut die Hälfte der über 50-Jährigen schon einmal eine Darmspiegelung – nach Angaben der Studie allerdings nur etwa zur Hälfte zur Vorsorge, sonst zur Abklärung von Beschwerden. Im Vergleich mit Ländern wie den Niederlanden, Dänemark oder den USA wird die Darmkrebsvorsorge hierzulande laut DKFZ deutlich seltener genutzt.
Wie groß das Potenzial ist, zeigt eine Modellrechnung, die das DKFZ im Februar 2026 im Deutschen Ärzteblatt vorgestellt hat. Bei konsequenter Teilnahme ließen sich demnach bis zu drei Viertel aller Darmkrebserkrankungen verhindern, die Zahl der Todesfälle würde um mehr als 80 Prozent sinken – ob mit Stuhltest oder Darmspiegelung. „Beide Vorsorgestrategien sind hochwirksam“, sagt Studienleiter Hermann Brenner. Entscheidend sei vor allem, dass Menschen überhaupt mitmachen. Er wirbt für gut organisierte Programme mit wiederholten persönlichen Einladungen und einfachen Zugängen, etwa Stuhltests, die direkt nach Hause geschickt werden.
Für dich heißt das ganz praktisch: Bist du gesetzlich versichert, kommt mit 50 Post von deiner Krankenkasse – mit einer Information des G-BA, die Ablauf, Vor- und Nachteile erklärt. Welche Methode zu dir passt, kannst du in der Arztpraxis besprechen. Die Zahlen seit 2002 zeigen, was eine gut genutzte Vorsorge bewirken kann.
Themen: Darmkrebsvorsorge, Darmspiegelung, Krebsfrüherkennung, Vorsorgeuntersuchung, Darmkrebs, Gesundheit
Vorsorge-Darmspiegelung: Darmkrebs-Sterberate um mehr als ein Drittel gesunken