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Vorfreude hebt die Stimmung: Was Studien über das Warten aufs Schöne zeigen
Wer sich auf etwas Schönes freut, ist oft schon vorher besser gelaunt. Eine Urlaubsstudie aus den Niederlanden und Forschung aus den USA zeigen, wie viel gute Stimmung im Warten steckt. Gerade im grauen November lohnt es sich, sich bewusst etwas vorzunehmen.
Von Madalina ·
Draußen wird es früh dunkel, morgens hängt Nebel über den Feldern, die Heizung läuft wieder. Der November hat bei vielen keinen guten Ruf. Dabei gibt es eine Stimmungsquelle, die schon wirkt, lange bevor das eigentliche Ereignis da ist: die Vorfreude. Die Psychologie hat sie in mehreren Studien untersucht.
Glücklicher schon vor der Abreise Ein Team um den Forscher Jeroen Nawijn von der Erasmus-Universität Rotterdam und der Hochschule NHTV Breda hat 1.530 Erwachsene in den Niederlanden befragt. 974 von ihnen fuhren im Untersuchungszeitraum in den Urlaub. Die Forschenden fragten nach dem Glücksempfinden vor und nach der Reise und verglichen die Urlauber mit Menschen, die zu Hause blieben. Die Ergebnisse erschienen 2010 in der Fachzeitschrift Applied Research in Quality of Life.
Das Überraschende: Schon vor der Abfahrt waren die Urlauber glücklicher als die Daheimgebliebenen. Die Forschenden führen das auf die Vorfreude zurück. Nach der Rückkehr dagegen unterschieden sich beide Gruppen im Schnitt nicht mehr. Nur wer eine sehr entspannte Reise hinter sich hatte, war in den ersten zwei Wochen danach etwas glücklicher. Nach acht Wochen war auch dieser Effekt verschwunden, die meisten waren schnell wieder im Alltag angekommen.
Die messbare Stimmungsspitze lag in dieser Studie also eher im Davor als im Danach. Nawijn leitete daraus eine Anregung ab: Zwei oder mehr kurze Auszeiten, übers Jahr verteilt, könnten mehr Glück bringen als ein einziger langer Urlaub.
Warum die Zukunft uns stärker bewegt als die Erinnerung Dass Vorfreude so kräftig ausfällt, passt zu einer Untersuchung von Leaf Van Boven und Laurence Ashworth von der University of Colorado in Boulder. In fünf Experimenten, die 2007 im Journal of Experimental Psychology: General erschienen, berichteten die Teilnehmenden stärkere Gefühle, wenn sie an ein kommendes Ereignis dachten, als wenn sie sich an ein vergangenes erinnerten. Untersucht wurden unter anderem das amerikanische Erntedankfest Thanksgiving und ein ausgedachter Skiurlaub, bei dem alle Kosten übernommen würden.
Die Erklärung der Forschenden: Wir malen uns Zukünftiges ausführlicher aus, als wir Vergangenes wieder abrufen. Genau dieses innere Ausmalen hing statistisch mit den stärkeren Gefühlen zusammen.
Erlebnisse schlagen Dinge, schon beim Warten Worauf wir uns freuen, macht dabei einen Unterschied. Amit Kumar und Thomas Gilovich von der Cornell University und Matthew Killingsworth von der University of California in San Francisco veröffentlichten 2014 in der Fachzeitschrift Psychological Science vier Studien zu dieser Frage. Ihr Befund: Das Warten auf ein Erlebnis, etwa ein Konzert oder eine Reise, macht mehr Freude als das Warten auf einen Gegenstand.
In einer der Studien wurden über 2.000 Erwachsene mehrmals täglich per Smartphone-App befragt, wie die Universität Mannheim in ihrem Magazin „Forschung erleben“ zusammenfasst. Wer gerade an einen geplanten Erlebniskauf dachte, berichtete mehr Vorfreude, weniger Ungeduld und bessere Laune. Das galt auch, wenn die geschätzten Kosten herausgerechnet wurden. In einer weiteren Auswertung von Zeitungsberichten über lange Warteschlangen zeigte sich: Menschen, die für ein Erlebnis anstanden, waren besser gelaunt und benahmen sich besser als jene, die auf eine Ware warteten.
Kumar beschreibt in einem Beitrag für die Society for Personality and Social Psychology außerdem eine Folgestudie mit Gilovich: Manche Menschen schieben ein schönes Erlebnis sogar bewusst etwas hinaus, um die Zeit der Vorfreude zu verlängern.
Vorfreude ist auch ein Gesundheitsthema Wie eng Vorfreude und seelisches Wohlbefinden zusammenhängen, zeigt eine aktuelle Studie aus Deutschland. Ein Team um Corinna Schulz und Prof. Nils Kroemer vom Universitätsklinikum Bonn hat mit Kolleginnen und Kollegen aus Tübingen, Jena und Magdeburg 103 Menschen mit und ohne Depression untersucht. Das Ergebnis, im Mai 2026 in Cell Reports Medicine erschienen: Menschen mit Depression verspürten vorab weniger Verlangen nach einer Belohnung in Form von Essen. Beim Essen selbst empfanden sie aber ähnlich viel Genuss wie die übrigen Teilnehmenden. „Interessanterweise stieg das Verlangen wieder an, sobald die Belohnungen konkret verfügbar waren“, sagt Schulz.
Kroemer sieht darin neue Perspektiven für die Therapie, etwa positive Erwartungen gezielt zu fördern und belohnende Aktivitäten im Alltag strukturiert zu stärken. Wichtig dabei: Wer zwei Wochen oder länger kaum noch Freude empfindet, sich antriebslos und niedergeschlagen fühlt, sollte das ärztlich abklären lassen. Laut dem Gesundheitsportal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen ist die Hausarztpraxis für die meisten die erste Anlaufstelle. Ist jemand akut gefährdet, sich das Leben zu nehmen, hilft der Notruf 112.
So holst du dir Vorfreude in den November Aus den Studien lassen sich ein paar einfache Anregungen ableiten:
Plane etwas Konkretes und lege es früh fest, zum Beispiel mit Tickets oder einer Reservierung. Kumar rät dazu, um die Zeit der Vorfreude zu verlängern. Setze auf Erlebnisse statt auf Dinge. Teuer muss es nicht sein, die Kosten erklärten die Unterschiede in den Studien nicht. Verteile kleine Auszeiten übers Jahr, statt alles auf einen großen Urlaub zu setzen. Male dir aus, was kommt, und erzähle davon. Erlebnisse eignen sich laut Kumar besonders gut als Gesprächsstoff. Verschenke gemeinsame Erlebnisse. Die Universität Mannheim regt das für die Geschenkeplanung an, und Weihnachten ist nicht mehr weit. Vielleicht ist das die schöne Pointe der Forschung: Das Gute beginnt nicht erst, wenn es da ist. Ein Konzert im Januar, ein Wochenende am Meer im Frühjahr oder ein Abend mit Freunden am Ende des Monats – schon der Eintrag im Kalender kann einen grauen Novembertag ein bisschen heller machen.
Themen: Vorfreude, Stimmung, Glück, Wohlbefinden, Psychologie, Erlebnisse, November
Vorfreude hebt die Stimmung: Was Studien über das Warten aufs Schöne zeigen