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Von 300 Herdbuchtieren zum Markenzeichen: Das Comeback des Rhönschafs
Zeitweise standen nur noch rund 300 Rhönschafe in den Herdbüchern. Heute weiden die schwarzköpfigen Tiere wieder in der Rhön, pflegen artenreiche Bergwiesen und gelten als Markenzeichen des UNESCO-Biosphärenreservats.
Von Andre ·
Wer im Sommer über die Lange Rhön wandert, kann ihnen gut begegnen: weißen Schafen mit schwarzem Kopf, die gemächlich über die Bergwiesen ziehen. Dass dieses Bild wieder alltäglich ist, war vor einem halben Jahrhundert keineswegs absehbar. Das Rhönschaf stand damals kurz vor dem Verschwinden.
Am 3. November ist der Internationale Tag der Biosphärenreservate. Die UNESCO hat ihn 2021 ausgerufen, 2022 wurde er zum ersten Mal begangen. Die Rhön im Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen gehört seit März 1991 zum weltweiten Netz dieser Modellregionen. Und das Biosphärenreservat selbst zählt das Rhönschaf zu seinen Markenzeichen – neben dem Rotmilan, dem Birkhuhn und dem Sternenpark.
Ein Schaf für 200 Nebeltage Die offene, weite Landschaft der Rhön ist kein Zufall der Natur. Nach Angaben des Bundes Naturschutz in Bayern (BN) entstanden die Graslandschaften im 15. Jahrhundert, als Menschen den Wald durch Beweidung zurückdrängten. Das Rhönschaf ist ein Kind dieser Geschichte: eine robuste Landschafrasse, gemacht für lange Winter, Schneestürme, viel Regen und mehr als 200 Nebeltage im Jahr.
Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) wurde die Rasse 1844 erstmals erwähnt und zählt damit zu den ältesten Schafrassen Deutschlands. Um 1800 sollen in der Rhön „Hunderttausende“ Schafe geweidet haben, schreibt der BN. Meist gehörten sie kleinen Bauern mit wenigen Tieren, die im Sommer zu einer gemeinsamen Herde mit Hirten zusammengelegt wurden. Schon im 18. Jahrhundert verkauften Händler zahlreiche Herden von Rhönhammeln nach Frankreich, ihr Fleisch war auf den Pariser Märkten begehrt.
Der tiefe Fall Dann ging es bergab. Einfuhrbeschränkungen wegen Tierseuchen beendeten 1878 den Handel nach Frankreich. Später verschwanden mit der Modernisierung der Landwirtschaft die dörflichen Schäfereien; die letzten Gemeindeschäfereien der Rhön gaben in den 1960er-Jahren auf. In der DDR wurde die Rasse laut BLE durch ein zentrales Zuchtprogramm gezielt zurückgedrängt.
Der Tiefpunkt: Um 1960 waren laut BLE nur noch etwa 300 Rhönschafe in Herdbüchern eingetragen, und auch für 1975 nennt der BN bundesweit nur 300 Herdbuchtiere. Gerettet haben die Rasse damals wenige Menschen – nach BN-Angaben fünf über das Bundesgebiet verstreute Züchter und einige Idealisten in Thüringen.
40 Schafe und eine Wiese Die Wende kam Mitte der 1980er-Jahre. Angestoßen vom Würzburger Zoologieprofessor Gerhard Kneitz, begannen BN und BUND 1985 mit der Nachzucht. Den Grundstock bildeten 40 Tiere. Ein Jahr später, 1986, kaufte der BN am Südhang der Langen Rhön die 33 Hektar großen „Gassenwiesen“, um sie vor der Bebauung mit Sommerferiensiedlungen zu bewahren. Quellfluren, Bachläufe und Magerrasen bieten dort nach Angaben des Verbands Lebensraum für mehr als 500 Tier- und Pflanzenarten. Um solche Flächen schonend zu pflegen, eignet sich Beweidung – und wer könnte das besser als das Schaf, das hier zu Hause ist?
Bis 2010 war die Herde des BN auf rund 400 Mutterschafe und 200 Lämmer gewachsen. Viele junge weibliche Tiere gingen an Schafhalter in der Region und wurden dort zum Start neuer Zuchten.
Vom Projekt zur Bewegung Der eigentliche Erfolg zeigte sich, als andere mitzogen. 1992 gründeten Landwirte aus der Region eine eigene Weidegemeinschaft mit mehreren hundert Rhönschafen. Wie früher bei den Dorfschäfereien zogen danach wieder mehrere Herden in der Weidesaison über die Lange Rhön. Gemeinsam mit Gasthöfen der Region baute das Projekt Verarbeitung und Vermarktung auf, sodass Lammfleisch aus der Rhön auf die Speisekarten kam.
2005 erhielt das Projekt den Biosphärenpreis. Zum 25-jährigen Bestehen 2010 zog der BN eine bemerkenswerte Bilanz: Zehn Jahre zuvor lebten noch mehr Rhönschafe außerhalb der Rhön als in ihr – nun befanden sich fast alle Herden wieder in ihrer Heimat. Der Verband sieht sein Projekt zudem als bundesweit erstes Modell, das Biotoppflege und den Erhalt einer alten Haustierrasse gezielt mit Beweidung und Vermarktung verbunden hat.
Landschaftspfleger auf vier Beinen Warum sich das für die Natur lohnt, erklärt der BN so: Schafe kommen gut an Hängen zurecht, sie arbeiten leise und ohne Sprit. In ihrem Fell tragen sie Pflanzensamen von einer Wiese zur nächsten und verbinden so Lebensräume. Viele Kulturlandschaften und Magerrasen sind überhaupt erst durch jahrhundertelange Schafbeweidung entstanden – Beweidung ist deshalb wichtig, damit sie erhalten bleiben.
Genau diese Verbindung von Nutzen und Schutz ist die Idee eines Biosphärenreservats. Es ist kein reines Naturschutzgebiet: In der Rhön leben auf gut 2.400 Quadratkilometern rund 210.000 Menschen, die Kernzonen machen nur etwa drei Prozent der Fläche aus. „Wie regionale Wertschöpfungsketten nachhaltig funktionieren können, zeigt das Beispiel Rhönschaf“, wird die damalige hessische Umweltministerin Priska Hinz auf dem Portal deutschland.de zitiert.
Wo das Rhönschaf heute steht Gerettet ist das Rhönschaf, aus dem Schneider ist es aber noch nicht ganz. Die aktuelle Rote Liste gefährdeter Nutztierrassen der BLE (Stand September 2025) führt die Rasse als „Beobachtungspopulation“. Das ist die niedrigste Gefährdungsstufe: Der Bestand gilt noch als gefährdet und wird weiter beobachtet. Für 2023 verzeichnet die Liste 4.643 weibliche und 122 männliche Zuchttiere.
Die nationale Datenbank TGRDEU nennt für 2024 sogar 9.764 weibliche und 274 männliche Zuchttiere. Die Zahlen schwanken je nach Erhebung und Jahr deutlich. Doch beide liegen weit über den rund 300 Herdbuchtieren der Krisenjahre. Für die Rasse sind dort anerkannte Zuchtverbände aus vielen Bundesländern eingetragen, von Schleswig-Holstein bis Baden-Württemberg.
Die BLE nennt das Rhönschaf inzwischen einen Sympathieträger der Region. Es ist auch eine kleine Erinnerung daran, dass Artenschutz manchmal mit einer Wiese, 40 Schafen und ein paar Menschen beginnt, die nicht aufgeben.
Themen: Rhönschaf, Biosphärenreservat Rhön, Artenschutz, Landschaftspflege, Nutztierrassen, Rhön, Comeback
Von 300 Herdbuchtieren zum Markenzeichen: Das Comeback des Rhönschafs