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Von 3 auf 46 Prozent: Wie das Elterngeld Väter in die Familienzeit brachte
Vor 2007 bezogen nur etwa drei Prozent der Väter das damalige Erziehungsgeld. Beim Geburtsjahrgang 2023 bezog bei 46,4 Prozent der Kinder mit Elterngeld auch der Vater die Leistung. Eine Familienleistung hat Rollenbilder verschoben – auch wenn Väter im Schnitt nur 3,4 Monate nehmen.
Von Silvia ·
Es ist eine der eher leisen Erfolgsgeschichten der deutschen Familienpolitik. Bevor es das Elterngeld gab, bezogen nur etwa drei Prozent der Väter das damalige Erziehungsgeld. Heute ist ein Vater, der nach der Geburt eine Auszeit nimmt, kein Exot mehr: Von allen Kindern des Geburtsjahrgangs 2023, für die Elterngeld floss, hatten 46,4 Prozent einen Vater, der die Leistung bezogen hat. Das sind die jüngsten Zahlen, die das Statistische Bundesamt im Juni 2026 veröffentlicht hat.
Das Elterngeld, eingeführt 2007, zeigt damit, wie eine Geldleistung nicht nur Haushaltskassen, sondern auch Gewohnheiten verändern kann. Zur ehrlichen Bilanz gehört allerdings auch: Seit einigen Jahren tritt die Entwicklung auf der Stelle – und bei der Dauer liegen Mütter und Väter noch weit auseinander.
Zwei Monate, die viel bewegt haben Das Prinzip ist schnell erklärt. Das Basiselterngeld ersetzt in der Regel 65 Prozent des Nettoeinkommens vor der Geburt, mindestens 300 und höchstens 1.800 Euro im Monat. Der Clou steckt in der Aufteilung: Ein Paar bekommt bis zu 14 Monate Basiselterngeld – aber nur, wenn jeder Elternteil mindestens zwei Monate übernimmt. Nimmt nur einer, ist nach zwölf Monaten Schluss.
Diese Partnermonate haben sich laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) als das wirksamste Mittel erwiesen, um Väter ins Boot zu holen. Und sie wirkten schnell: Nach einer DIW-Auswertung lag der Anteil der Väter mit Elterngeld schon 2007 bei gut 15 Prozent, bis 2016 stieg er auf knapp 37 Prozent.
Die aktuelle Zeitreihe des Statistischen Bundesamts beginnt mit dem Geburtsjahrgang 2012. Damals lag die Väterbeteiligung bei 30,0 Prozent. Seitdem ging es Jahr für Jahr nach oben, bis auf 46,4 Prozent für die Kinder des Jahrgangs 2023. Rechnerisch heißt das: Bei fast jedem zweiten Kind mit Elterngeld war auch der Vater mit dabei.
Was die Zahl genau misst Ein Blick ins Kleingedruckte lohnt sich, denn die Prozentwerte stammen nicht aus einer einzigen, durchgehenden Messreihe. Das Statistische Bundesamt zählt nicht Väter, sondern Kinder: Die Väterbeteiligung ist der Anteil der Kinder, für die mindestens ein Mann Elterngeld bekommen hat – gemessen an allen Kindern eines Geburtsjahrgangs mit bewilligtem Elterngeld. Ausgewertet wird erst, wenn alle Bezüge eines Jahrgangs abgeschlossen sind. Deshalb sind die Kinder von 2023 der neueste verfügbare Stand.
Anfang 2020 hat das Amt die Berechnung zudem umgestellt. Früher flossen auch Kinder ohne Anspruch in die Rechnung ein, etwa Kinder von Schutzsuchenden aus dem Ausland. Heute zählen nur Kinder mit gemeldetem Bezug, und die Zeitreihe ab 2012 wurde einheitlich nach der neuen Methode dargestellt. Ältere Werte – etwa 20,5 Prozent für Kinder, die im zweiten Quartal 2008 geboren wurden – sind deshalb nicht eins zu eins vergleichbar.
Die drei Prozent aus der Zeit vor 2007 stammen aus der DIW-Analyse und beziehen sich auf das damalige Erziehungsgeld, also auf eine andere Leistung mit anderen Regeln. Der Sprung „von 3 auf 46“ beschreibt deshalb die Größenordnung des Wandels, keine exakt gleich gemessene Kurve. An der Richtung ändert das nichts.
Auch Oma und Opa denken um Spannend ist, dass die Wirkung offenbar über die Familien hinausreicht, die das Geld bekommen. Eine DIW-Studie von Ulrike Unterhofer, Clara Welteke und Katharina Wrohlich aus dem Jahr 2017 hielt fest, dass es inzwischen gesellschaftlich akzeptiert zu sein scheint, wenn Väter in Elternzeit gehen – meist allerdings nur für die zwei Mindestmonate.
Der Aha-Moment steckt bei den Großeltern. Großmütter, deren Sohn Elternzeit genommen hat, lehnten die Aussage, Frauen sollten sich in erster Linie um die Familie kümmern, deutlich häufiger ab: 35 Prozent gegenüber 21 Prozent bei Großmüttern, deren Sohn vor der Einführung des Elterngelds Vater geworden war und es deshalb nicht beziehen konnte. Bei den Großvätern zeigte sich eine ähnliche Entwicklung. Grundlage waren Befragungsdaten des Beziehungs- und Familienpanels pairfam aus den Jahren 2012 und 2013.
Das war kein Zufall, sondern Absicht. „Es war von der Politik gewünscht, dass sich Einstellungen und soziale Normen verändern“, sagte DIW-Ökonomin Katharina Wrohlich damals.
Sachsen vorn, Nordrhein-Westfalen holt auf Zwischen den Bundesländern liegen spürbare Unterschiede. Beim Jahrgang 2023 lag Sachsen mit 55,1 Prozent an der Spitze, gefolgt von Bayern mit 53,9 Prozent sowie Baden-Württemberg und Thüringen mit jeweils 50,5 Prozent. Am niedrigsten war die Väterbeteiligung im Saarland mit 35,0 Prozent und in Bremen mit 36,8 Prozent.
Die größte Aufholjagd seit 2012 hat Nordrhein-Westfalen hingelegt: Dort stieg der Wert von 22,0 auf 41,2 Prozent – fast eine Verdopplung. Auch Niedersachsen und Sachsen-Anhalt legten um mehr als 18 Prozentpunkte zu.
Die ehrliche Seite: Stillstand und ungleiche Dauer So erfreulich der lange Anstieg ist – zuletzt ist er weitgehend zum Stillstand gekommen. Für den Jahrgang 2021 lag die Väterbeteiligung bei 46,2 Prozent, für 2022 bei 46,3 und für 2023 bei 46,4 Prozent. In einigen Ländern, etwa Berlin, Brandenburg, Thüringen und Sachsen, sind die Werte seit 2021 sogar leicht gesunken.
Noch deutlicher ist der Unterschied bei der Dauer. Väter des Jahrgangs 2023 bezogen im Schnitt 3,4 Monate Elterngeld, zuvor waren es fünf Jahre in Folge 3,3 Monate. Mütter kamen auf durchschnittlich 14,0 Monate, also mehr als viermal so lang. Von rund 10 Millionen bewilligten Elterngeldmonaten für diesen Jahrgang entfielen nur 10,1 Prozent auf Männer. Das flexiblere ElterngeldPlus nutzten 15,2 Prozent der Väter, aber 34,0 Prozent der Mütter.
Warum Väter gar keine Elternzeit oder nur die zwei Mindestmonate nehmen, hat das DIW 2019 anhand von Befragungsdaten untersucht. Am häufigsten nannten Väter finanzielle Gründe; die Sorge vor beruflichen Nachteilen war mit knapp 20 Prozent der dritthäufigste Grund. Ins Bild passt eine Zahl aus der amtlichen Statistik: Das für die Berechnung maßgebliche Nettoeinkommen im Jahr vor der Geburt lag bei Männern mit Elterngeld im Schnitt bei 2.314 Euro im Monat, bei Frauen bei 1.776 Euro. Hinzu kommt laut DIW, dass Mindest- und Höchstbetrag des Elterngelds seit der Einführung 2007 nicht erhöht wurden und damit real deutlich weniger wert sind.
Wie es weitergehen könnte Die Politik hat zuletzt an einer Stellschraube gedreht. Für Kinder, die ab dem 1. April 2024 geboren werden, können beide Eltern grundsätzlich nur noch einen Monat lang gleichzeitig Basiselterngeld beziehen, und zwar innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate. Ausnahmen gelten etwa für Frühchen, Mehrlinge und Kinder mit Behinderung. Der eine gemeinsame Monat soll es vor allem ermöglichen, dass sich im Geburtsmonat beide Eltern zusammen um das Kind kümmern; laut Familienministerium nehmen rund 50 Prozent der Väter mit Elterngeld die Leistung nach der Geburt des Kindes in Anspruch. Darüber hinaus soll die neue Regel Eltern dazu bringen, sich abzuwechseln – und so eine partnerschaftliche Aufteilung langfristig stärken.
Ob das gelingt, verraten die Zahlen noch nicht: Die jüngsten Daten betreffen Kinder, die 2023 geboren wurden, also vor der Reform.
Fest steht schon jetzt, wie weit wir gekommen sind. Was vor knapp zwei Jahrzehnten eine Randerscheinung war, ist heute bei fast jedem zweiten Kind mit Elterngeld Alltag. Die Frage lautet heute oft nicht mehr, ob ein Vater Elterngeld nimmt – sondern wie lange.
Themen: Elterngeld, Väterbeteiligung, Familienzeit, Rollenbilder, Familienpolitik, Elternzeit
Von 3 auf 46 Prozent: Wie das Elterngeld Väter in die Familienzeit brachte