Politik | Wirtschaft | Finanzen
Von 246 auf 138 Millionen: Kinderarbeit seit 2000 fast halbiert
Im Jahr 2000 mussten weltweit rund 246 Millionen Kinder arbeiten, 2024 waren es laut ILO und UNICEF noch 138 Millionen. Nach einem Rückschlag bis 2020 geht die Kurve wieder nach unten. Was dabei hilft, benennen die Fachleute klar – und auch, warum der Weg noch lang ist.
Von Madalina ·
Manche Fortschritte passieren so langsam, dass sie in keiner Eilmeldung auftauchen. Der Rückgang der Kinderarbeit ist so ein Fall. Rund 246 Millionen Kinder arbeiteten im Jahr 2000 weltweit unter Bedingungen, die als Kinderarbeit gelten. 2024 waren es knapp 138 Millionen. Das sind mehr als 100 Millionen Kinder weniger – und das, obwohl die Zahl der 5- bis 17-Jährigen auf der Welt im selben Zeitraum gewachsen ist.
Die Zahlen stammen aus dem Bericht „Child Labour: Global estimates 2024, trends and the road forward“, den die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und das UN-Kinderhilfswerk UNICEF im Juni 2025 vorgelegt haben. Es sind Schätzungen auf Basis von Haushaltsbefragungen, keine exakte Zählung. Der Trend über ein Vierteljahrhundert ist aber deutlich: Kinderarbeit hat sich seit 2000 fast halbiert.
Ein Rückschlag – und die Wende Der Weg nach unten verlief nicht geradlinig. Zwischen 2000 und 2016 sank die Zahl arbeitender Kinder um 94 Millionen. Dann kam der Knick: Der Vorgängerbericht von 2021 meldete für 2020 rund 160 Millionen Kinder in Kinderarbeit, 8,4 Millionen mehr als vier Jahre zuvor. Es war der erste Anstieg seit zwei Jahrzehnten.
Umso wichtiger ist die neue Zahl. Von 2020 bis 2024 ging Kinderarbeit um mehr als 22 Millionen zurück. Bei besonders gefährlicher Arbeit – etwa in Minen – fiel der Rückgang sogar noch stärker aus: um 25 Millionen auf rund 54 Millionen Kinder. Die Kurve zeigt wieder klar nach unten.
Asien zeigt, was möglich ist Am deutlichsten ist die Entwicklung in Asien und im Pazifikraum. Dort sank die Zahl arbeitender Kinder seit 2020 von 49 auf 28 Millionen, die Quote hat sich ungefähr halbiert. Auch in Lateinamerika und der Karibik gibt es Fortschritte: elf Prozent weniger betroffene Kinder.
Schwieriger ist die Lage in Afrika südlich der Sahara. Dort leben rund 87 Millionen der betroffenen Kinder, fast zwei Drittel der weltweiten Zahl. Der Anteil arbeitender Kinder ist zwar gesunken, von 23,9 auf 21,5 Prozent. Weil die Bevölkerung schnell wächst, stagniert die absolute Zahl aber.
Was gegen Kinderarbeit hilft Warum gelingt der Rückgang? ILO und UNICEF nennen unter anderem diese Hebel: Gesetze, die Kinder schützen und Unternehmen in die Pflicht nehmen, mehr soziale Absicherung für arme Familien – zum Beispiel ein Kindergeld für alle –, gute Schulbildung für alle Kinder sowie menschenwürdige Arbeit für Erwachsene. Denn Eltern mit anständigem Einkommen können es sich eher leisten, ihre Kinder zur Schule statt zur Arbeit zu schicken. ILO-Generaldirektor Gilbert F. Houngbo bringt es auf eine kurze Formel: „Children belong in school, not in labour.“ – Kinder gehören in die Schule, nicht zur Arbeit.
Auch rechtlich hat sich viel bewegt. Im August 2020 ratifizierte Tonga als letzter Mitgliedstaat das ILO-Übereinkommen 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Damit gilt es in allen Mitgliedstaaten – laut ILO das erste Mal in ihrer Geschichte, dass ein Übereinkommen das geschafft hat. Es verbietet unter anderem Sklaverei, Menschenhandel, den Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten und gefährliche Arbeit.
Was das mit uns in Deutschland zu tun hat Das Bundesentwicklungsministerium zählt Kinderarbeit zu den Missständen in globalen Lieferketten. Laut ILO und UNICEF sind 61 Prozent der arbeitenden Kinder in der Landwirtschaft tätig, 27 Prozent im Dienstleistungsbereich und 13 Prozent in der Industrie, etwa im Bergbau oder in der Produktion. Beide Organisationen fordern unter anderem, Unternehmen entlang ihrer Lieferketten in die Pflicht zu nehmen.
In Deutschland gilt dafür seit 2023 das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz – zunächst für Unternehmen mit mindestens 3.000 Beschäftigten, seit 2024 schon ab 1.000. Sie müssen ihre Zulieferer auf Risiken prüfen und bei Missständen handeln. Die Bundesregierung will das Gesetz vereinfachen: Nach ihrem Entwurf, den der Bundestag im Januar 2026 in erster Lesung beraten hat, soll die Berichtspflicht entfallen, die Sorgfaltspflichten sollen bleiben.
Ehrlich bleiben: Das Ziel ist verfehlt So erfreulich der Trend ist, er hat eine Kehrseite. Die Weltgemeinschaft wollte Kinderarbeit bis 2025 vollständig beenden. Dieses Ziel ist verfehlt. Um es in den nächsten fünf Jahren doch noch zu erreichen, müsste der Fortschritt laut Bericht elfmal so schnell gehen wie bisher. Noch immer arbeiten fast acht Prozent aller Kinder weltweit, Jungen etwas häufiger als Mädchen. Rechnet man allerdings unbezahlte Hausarbeit von 21 Stunden und mehr pro Woche mit ein, sind Mädchen stärker betroffen.
UNICEF-Chefin Catherine Russell warnt zudem, dass weltweite Kürzungen bei der Finanzierung die hart erkämpften Erfolge wieder zunichtemachen könnten. Auch das gehört zur Wahrheit.
Und doch: 25 Jahre Daten zeigen, dass sich Kinderarbeit zurückdrängen lässt – und ILO und UNICEF benennen klar, was dabei hilft: Schulen, soziale Sicherung und Gesetze, die durchgesetzt werden. Über 100 Millionen arbeitende Kinder weniger als im Jahr 2000 sind ein Grund, genau daran weiterzuarbeiten.
Themen: Kinderarbeit, ILO, UNICEF, Menschenrechte, Lieferkettengesetz, Globaler Fortschritt
Von 246 auf 138 Millionen: Kinderarbeit seit 2000 fast halbiert