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Vom Übungsplatz zum Naturerbe: 164.000 Hektar für seltene Arten
Wo früher Panzer fuhren, brüten heute Ziegenmelker und Wiedehopf: Seit 2005 verkauft der Bund ausgewählte wertvolle Naturflächen nicht mehr, sondern widmet sie dem Naturschutz. Rund 164.000 Hektar sind so gesichert – und Vogelzählungen und eine neue Studie zeigen, dass sich die Pflege lohnt.
Von Andre ·
In der Oranienbaumer Heide in Sachsen-Anhalt grasen heute Heckrinder und Konikpferde zwischen Heiden, Magerrasen und Binnendünen. Bis 1992 wurde hier militärisch geübt. Heute ist die Fläche Teil des Nationalen Naturerbes – eines Programms, mit dem der Bund seit gut zwei Jahrzehnten Natur sichert, statt Land zu verkaufen.
Im Oktober 2025 feierte das Bundesumweltministerium in Berlin das 20-jährige Bestehen. Und im August 2026 hat die größte Trägerin der Flächen, das DBU Naturerbe, eine Studie vorgelegt, die aus ihrer Sicht zeigt: Die Mühe trägt Früchte.
Ein Erbe der Wiedervereinigung Die Geschichte beginnt mit dem Ende des Kalten Krieges. Nach 1990 brauchten Bundeswehr, alliierte Streitkräfte und die aufgelöste Nationale Volksarmee viele ihrer Übungsplätze nicht mehr. Dazu kamen das frühere Grenzgebiet, das heutige Grüne Band, und stillgelegte Braunkohletagebaue. Was damit geschehen sollte, war offen – auch ein Verkauf an Private stand im Raum.
Dabei hatten sich gerade dort, wo jahrzehntelang kaum jemand hindurfte, wertvolle Rückzugsorte entwickelt: Heiden und Sandmagerrasen, große Flächen, kaum von Straßen und Siedlungen zerschnitten, nicht intensiv bewirtschaftet, gedüngt oder umgepflügt. 2005 nahm die große Koalition die Sicherung dieser Bundesflächen als „Nationales Naturerbe“ erstmals in ihren Koalitionsvertrag auf. Die Bundesregierung beschloss, bis zu 125.000 Hektar von der Privatisierung auszunehmen.
Schritt für Schritt auf 164.000 Hektar Umgesetzt wurde das in Etappen. 2008 wurden rund 100.000 Hektar benannt, 2011 weitere rund 25.000 Hektar. Der Koalitionsvertrag von 2013 legte knapp 32.000 Hektar nach, der von 2018 kündigte eine vierte Runde mit 30.000 Hektar an.
Heute umfasst das Nationale Naturerbe rund 164.000 Hektar Wälder, Moore, Seen und Offenland.
Die Flächen gehen kostenlos, aber mit strengen Naturschutzauflagen an neue Eigentümer. Rund 70.000 Hektar auf 66 Flächen in zehn Bundesländern hat das DBU Naturerbe übernommen, eine gemeinnützige Tochter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Etwa 30.000 Hektar gingen an die Länder, rund 26.000 Hektar an Naturschutzorganisationen. Weitere rund 30.000 Hektar bleiben beim Bund und werden von den Bundesforsten betreut. Die neuen Eigentümer tragen alle Folgekosten selbst.
Mehr Heidelerchen, Hilfe für den Wiedehopf Was das konkret bringt, zeigt die Oranienbaumer Heide. Nach dem Ende der militärischen Nutzung vergraste das offene Land, Gehölze breiteten sich aus. Die Heidelerche, ein Vogel der offenen Heiden, verlor Lebensraum: Bis 2005 sank die Zahl ihrer Reviere von 92 auf 56.
2008 kamen die Weidetiere. Heckrinder und Konikpferde halten seitdem rund 770 Hektar offen. In seiner 2021 vorgestellten Auswertung meldete das DBU Naturerbe 155 Heidelerchen-Reviere – fast dreimal so viele wie 2005. Auch Ziegenmelker und Raubwürger nahmen zu. Dem Wiedehopf halfen zusätzlich Nistkästen: 2018 zog die Hälfte der Brutpaare darin ihre Jungen groß. 21 Wiedehopf-Reviere entsprechen dort rund 17 Prozent des Bestands in Sachsen-Anhalt.
Auf neun DBU-Flächen im Land, überwiegend frühere Übungsplätze, erfassten Kartierer über vier Jahre knapp 4.000 Brutvogelreviere. Mit über 200 Revieren lebt etwa ein Fünftel aller Ziegenmelker Sachsen-Anhalts auf diesen Flächen. Der Vogel mit dem schnurrenden Gesang gehört zu den Arten, deren Bestände seit Jahrzehnten schrumpfen.
Eine Studie zeigt: Mehr Arten als in der Umgebung Im August 2026 legte das DBU Naturerbe Ergebnisse aus 64 seiner Gebiete vor. Verglichen wurden sie mit ähnlichen, zufällig ausgewählten Flächen in der Umgebung. Das Ergebnis: rund 22 Prozent mehr Farn- und Blütenpflanzenarten – und sogar 32 Prozent mehr Arten der Roten Liste.
Insgesamt wachsen auf den DBU-Flächen rund 1.500 Pflanzenarten, das ist mehr als die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Farn- und Blütenpflanzen. 266 davon stehen auf der Roten Liste Deutschlands. Die größte Vielfalt fanden die Fachleute nicht im Wald, sondern im Offenland: in Heiden, Magerrasen und Binnendünen – auf kargen Böden, die in der intensiv genutzten Landschaft selten geworden sind. Künstlicher Dünger und Pestizide sind auf den Wiesen, Weiden und Äckern des DBU Naturerbes tabu.
Wildnis im Wald, Pflege auf der Heide Das Naturerbe verfolgt zwei Wege. Wälder dürfen sich möglichst ohne Eingriff entwickeln, Totholz bleibt liegen, alte Bäume fallen nur durch Sturm. Die Deutsche Wildtier Stiftung, der der Bund seit 2007 elf Flächen mit rund 3.700 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern übertragen hat, nennt dort Mopsfledermaus, See- und Schreiadler, Schwarzstorch und Kranich als Bewohner. Die Flächen seien „von unschätzbarem Wert für die biologische Vielfalt“, sagt Petra Riemann, Leiterin des Flächenmanagementteams der Stiftung.
Offene Heiden dagegen wachsen ohne Pflege mit Gräsern, Büschen und jungen Bäumen zu. Sie brauchen Schafe, Ziegen, Rinder oder Pferde, Mahd oder Säge.
Ehrlich gesagt: Das Erbe hat Altlasten Leicht ist die Arbeit nicht. In der Glücksburger Heide bei Jessen, ab 1936 Truppenübungsplatz und nach 1945 Panzerübungsplatz russischer Streitkräfte, kann noch Munition im Boden liegen. Um dort zunächst 50 Hektar von Kiefern und Gehölz zu befreien, setzte das DBU Naturerbe Harvester und Traktoren mit gepanzerten Bodenplatten und splittersicherem Glas ein, auf stark belasteten Stellen ferngesteuerte Technik. Das machte die Pflege sehr teuer. Das Ziel: in einigen Jahren mindestens weitere 200 Hektar beweidbar zu machen – für Ziegenmelker, Wiedehopf und Italienische Schönschrecke.
Und nicht jede Fläche ist schon übergeben. Vier Übungsplätze, darunter Schwanewede in Niedersachsen und Paderborn-Lieth in Nordrhein-Westfalen, gehen erst an das DBU Naturerbe, wenn das Militär sie nicht mehr braucht. Auch beziehen sich die Zählungen auf einzelne Gebiete und Zeiträume; sie zeigen Entwicklungen vor Ort, nicht für alle Flächen des Naturerbes.
Ein Erbe für die nächsten Generationen Trotzdem: Auf rund 164.000 Hektar hat Deutschland entschieden, dass Natur Vorrang hat – auf Land, das sonst womöglich verkauft worden wäre. DBU-Generalsekretär Alexander Bonde nennt die Ausweisung der Flächen „einen Meilenstein in der Geschichte des deutschen Naturschutzes“. Wo früher Schüsse und Kettenfahrzeuge den Takt vorgaben, schnurrt heute nachts der Ziegenmelker. Ein Stück Geschichte, das gut ausgegangen ist.
Themen: Nationales Naturerbe, Naturschutz, Artenvielfalt, Biodiversität, DBU Naturerbe, Militärflächen, Artenschutz
Vom Übungsplatz zum Naturerbe: 164.000 Hektar für seltene Arten