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Vom Tief zum Hoch: Wahlbeteiligung steigt seit 2009 von 70,8 auf 82,5 Prozent
2009 gingen nur 70,8 Prozent der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl – so wenige wie nie zuvor. Seitdem ist die Beteiligung viermal in Folge gestiegen, 2025 auf 82,5 Prozent und damit so hoch wie seit 1987 nicht mehr. Besonders stark legten die Jüngeren zu.
Von Max ·
Wer über Demokratie in Deutschland spricht, landet schnell bei Frust, Verdrossenheit und leeren Wahllokalen. Ein Blick in die Zahlen der Bundeswahlleiterin erzählt für die Bundestagswahlen eine andere Geschichte: Seit 16 Jahren geht es mit der Wahlbeteiligung bergauf.
Der Tiefpunkt: 2009 Lange zeigte die Kurve nach unten. In den 1970er-Jahren gaben bei Bundestagswahlen rund 90 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, 1972 waren es sogar 91,1 Prozent. Danach sank der Wert in Etappen. 2009 erreichte er mit 70,8 Prozent den niedrigsten Stand seit Gründung der Bundesrepublik. Fast jede und jeder Dritte blieb zu Hause.
Die Forschung hatte dafür viele Erklärungen. Karl-Rudolf Korte nennt in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung unter anderem Unzufriedenheit mit Parteien und Politik, nachlassende Parteibindungen und einen Wertewandel: Wählen werde nicht mehr selbstverständlich als Bürgerpflicht verstanden. Die Bertelsmann Stiftung sprach 2013 von einer sozialen Kluft: In ihrer Umfrage mit dem Institut für Demoskopie Allensbach wollten 68 Prozent der Befragten aus der Oberschicht sicher wählen gehen, aber nur 31 Prozent aus der Unterschicht.
Viermal in Folge nach oben Doch dann drehte sich der Trend. 2013 stieg die Beteiligung leicht auf 71,5 Prozent, 2017 deutlich auf 76,2 Prozent. 2021 kam ein kleines Plus auf 76,4 Prozent hinzu. Und bei der vorgezogenen Neuwahl im Februar 2025 gaben 82,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab – knapp 50 Millionen Menschen.
Laut Bundeswahlleiterin ist das der höchste Wert seit 1987, als 84,3 Prozent wählen gingen. Damit liegt 2025 auch über allen Bundestagswahlen seit der Wiedervereinigung. Selbst 1998, bis dahin der Höchstwert im vereinten Deutschland, kam nur auf 82,2 Prozent.
Die Jüngeren holen auf Besonders spannend wird es, wenn man auf das Alter schaut. Die repräsentative Wahlstatistik der Bundeswahlleiterin zeigt: Bei den Wahlberechtigten bis 44 Jahre lag die Beteiligung 2025 um 7,1 bis 8,3 Prozentpunkte höher als 2021. Die Jüngeren legten also stärker zu als der Durchschnitt.
Ganz geschlossen ist die Lücke allerdings nicht. Trotz des Zuwachses lagen die bis 34-Jährigen noch unter dem Schnitt, am seltensten wählten die 21- bis 24-Jährigen mit 78,3 Prozent. Am häufigsten gaben die 50- bis 69-Jährigen ihre Stimme ab, nämlich 85,5 Prozent. In fast allen Altersgruppen gingen Frauen häufiger wählen als gleichaltrige Männer; nur ab 70 Jahren war es umgekehrt.
Auch zwischen Ost und West schrumpft der Abstand. Nach einer Auswertung der Friedrich-Ebert-Stiftung stieg die Beteiligung in Ostdeutschland um 7,4 Prozentpunkte auf 80,3 Prozent, im Westen um 5,9 Punkte auf 83,1 Prozent. Die höchste Beteiligung gab es in Bayern mit 84,5 Prozent.
Warum wieder mehr Menschen wählen Eine einzige, gesicherte Erklärung für den langen Anstieg gibt es nicht. Es gibt aber Hinweise. Nach der Wahl 2017 führte Jochen Roose für die Konrad-Adenauer-Stiftung Tiefeninterviews mit Wahlberechtigten. Sein Befund: Viele Menschen fühlen sich stark verpflichtet zu wählen, auch viele, die es dann doch nicht tun. Außerdem habe die Aussicht auf einen Einzug der AfD in den Bundestag sowohl deren Anhänger als auch deren Gegner an die Urne gebracht.
Für 2025 sieht Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen einen ähnlichen Mechanismus. Gegenüber dem ZDF verwies er auf eine „starke Polarisierung vor allem im Kontext der Migrations-/Asyl-Frage“. Das ZDF nennt außerdem einen stark polarisierenden Wahlkampf und mehrere Krisen im In- und Ausland.
Das gehört zur ehrlichen Bilanz: Ein Teil der höheren Beteiligung speist sich offenbar aus Streit und Sorge, nicht nur aus Begeisterung. Trotzdem steckt darin eine gute Nachricht. Wenn Menschen sich über die Richtung des Landes uneinig sind, tragen sie diesen Streit wieder verstärkt dorthin, wo er in einer Demokratie hingehört: in die Wahlkabine.
Wählen ist ansteckend Ein Befund aus der Forschung macht zusätzlich Mut. Die Bertelsmann Stiftung kam 2013 zu dem Ergebnis, dass kaum etwas so stark zur Stimmabgabe motiviert wie das eigene Umfeld. Wer Freundinnen und Freunde hat, die wählen gehen, wollte laut der Umfrage mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent selbst sicher wählen gehen. Bei einem Umfeld aus überwiegend Nichtwählern waren es nur 19 Prozent. „Nichts motiviert so stark, wählen zu gehen, wie ein politisch interessiertes Umfeld“, sagte damals Stiftungsvorstand Jörg Dräger.
Ob sich der Aufwärtstrend fortsetzt, kann heute niemand sagen. Auch ein paar Schattenseiten bleiben: Die Beteiligung der Menschen ab 70 Jahren sinkt laut Bundeswahlleiterin seit 2017, und ob die soziale Kluft zwischen wohlhabenden und ärmeren Vierteln 2025 kleiner geworden ist, lässt sich mit den hier ausgewerteten Daten nicht sagen.
Klar ist aber: Die oft erzählte Geschichte vom unaufhaltsamen Rückzug der Menschen aus der Politik stimmt für die Bundestagswahlen nicht mehr. Seit 2009 ist bei jeder Wahl ein größerer Anteil der Wahlberechtigten an die Urne gegangen als beim letzten Mal – zuletzt so viele wie seit fast vier Jahrzehnten nicht.
Themen: Wahlbeteiligung, Bundestagswahl, Wahlen, Demokratie, Politik, Junge Wähler, Deutschland
Vom Tief zum Hoch: Wahlbeteiligung steigt seit 2009 von 70,8 auf 82,5 Prozent