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Vom Rübengeist zur Kürbislaterne: Die Geschichte eines Halloween-Brauchs
Bevor Kürbisse zu Halloween leuchteten, schnitzten Menschen in Irland und Schottland Gesichter in Rüben. Wie das Licht über den Atlantik und wieder zurück kam – und wie auch bei uns alte Rübengeister ein Comeback feiern.
Von Denise ·
Am Samstag ist Halloween, und an vielen Haustüren grinsen schon die ersten orangefarbenen Gesichter in die frühe Herbstdunkelheit. Was heute wie ein typisch amerikanisches Bild wirkt, hat eine längere Reise hinter sich: Ursprünglich waren solche Laternen keine Kürbisse, sondern Rüben – geschnitzt in Irland und Schottland.
Licht aus dem Gemüsekeller Irland und Schottland gelten als Ursprungsorte des Halloween-Brauchtums, wie das ZDF zusammenfasst. Der Name stammt von „All Hallows Eve“, dem Abend vor Allerheiligen, das die Kirchen seit dem Jahr 835 am 1. November feiern. Oft wird Halloween zudem auf das keltische Fest Samhain zurückgeführt, das den Übergang von der Erntezeit zum Winter markierte. Ganz sicher sind die Wurzeln allerdings nicht: Die ersten Belege stammen aus dem späten Mittelalter, und Fachleute vermuten, dass alte Herbstbräuche und das christliche Fest nach und nach verschmolzen.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert höhlten die Menschen in Irland und anderen keltisch geprägten Regionen vor allem Rüben aus, manchmal auch Kartoffeln oder Rote Bete, berichtet das Smithsonian Magazine. Der Grund war ganz praktisch: Laternen aus Metall waren teuer. In die Wand wurden Gesichter und Muster geschnitten, damit das Licht nach außen fiel. Die Laternen standen vor den Häusern oder wurden mitgetragen und sollten Geister fernhalten.
Wie so eine Rübenlaterne aussah, lässt sich bis heute nachvollziehen: Das National Museum of Ireland – Country Life im County Mayo besitzt einen Gipsabguss einer Rübenlaterne mit verkniffenem Gesicht. Das Original stammt aus Donegal, entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert und wurde 1943 von einer Lehrerin aus dem Dorf Fintown gespendet. Weil die echte Rübe zu zerfallen drohte, fertigte das Museum den Abguss an.
Die Sage vom schlauen Jack Die Kürbislaterne, englisch „Jack O'Lantern“, geht vermutlich auf eine irische Legende zurück, die in mehreren Fassungen erzählt wird. In der Version, die das ZDF wiedergibt, ist Jack ein übler Hufschmied, der sogar den Teufel überlistet. Nach seinem Tod kommt er nicht in den Himmel, und auch der Teufel nimmt ihn nicht auf. Alles, was Jack bleibt, ist ein Stück glühende Kohle. Er legt es in eine ausgehöhlte Rübe und irrt seither mit dieser Lampe durch die Nächte. Mit ähnlichen Lichtern erinnerten die Menschen in Irland an sein Schicksal.
Über den Atlantik – und zurück Mit der irischen Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert kam der Brauch in die USA. Dort wurde er populär, allerdings mit neuem Material: Weil Rüben in Nordamerika nicht heimisch waren, griffen die Neuankömmlinge zum Kürbis – und so wurde aus der Rübenlaterne die orangefarbene Kürbislaterne.
Nach Europa und Deutschland kehrte der Brauch erst Ende des 20. Jahrhunderts zurück. Dazu trugen laut ZDF in Europa stationierte US-Soldaten bei, ebenso die Gruselfilmreihe „Halloween“ ab 1978. Seit den 1990er-Jahren wird Halloween hierzulande immer beliebter – auch weil der Handel das Fest für sich entdeckt hat.
Rübengeister: Ein deutscher Herbstbrauch kehrt zurück Spannend ist: Leuchtende Rüben gab es auch in Deutschland. In verschiedenen Regionen wurden Fratzen in Futterrüben geschnitzt und ein Licht hineingestellt – die sogenannten Rübengeister. Wie der Evangelische Pressedienst (epd) berichtet, stammen die ersten schriftlichen Belege aus dem 19. Jahrhundert. Ob der Brauch mit den irischen und schottischen Rübenlaternen verwandt ist oder unabhängig entstand, lässt sich nicht mehr nachweisen. „Letztlich wissen wir sehr wenig darüber“, sagt Sabine Zinn-Thomas von der Landesstelle für Alltagskultur beim Landesmuseum Württemberg.
Vermutlich waren Rübengeister überall dort verbreitet, wo Futterrüben wuchsen: in Süddeutschland, in den Mittelgebirgen, im Rheinland, in Norddeutschland und in der Schweiz. Anders als bei Halloween gab es kein festes Datum – geschnitzt wurde während der ganzen Erntezeit. Verkleidungen gehörten nicht dazu. In manchen Regionen zogen die Kinder aber von Haus zu Haus und baten mit Sprüchen um Süßes. Damit verbindet der Brauch das Bitten um Gaben mit einem Lichterbrauch, wie man ihn vom Martinsfest kennt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet er zunehmend in Vergessenheit, unter anderem weil immer weniger Futterrüben angebaut wurden. Doch inzwischen leuchten die Rübengeister wieder. In Diedorf bei Augsburg hat Conny Stiefel, Leiterin des Umweltzentrums Schmuttertal, den Brauch aus ihrer Kindheit im Odenwald nach der Corona-Pandemie neu belebt. Sie fand einen Landwirt in der Nähe, der noch Futterrüben anbaut, und seitdem gibt es jedes Jahr ein Rübenfest mit rund 150 schnitzenden Kindern – in diesem Jahr am 10. Oktober. „Das war einfach schön in der dunklen Herbstzeit“, erinnert sie sich an früher. Auch im Ries im Landkreis Donau-Ries werden seit einigen Jahren wieder Rübengeister geschnitzt.
Wer am Wochenende einen Kürbis aushöhlt, hält also ein Stück Brauchgeschichte in der Hand, die einmal über den Atlantik und zurück gereist ist. Und wer es ursprünglicher mag, greift zur Rübe – das braucht allerdings etwas mehr Geduld, denn Futterrüben sind hart und mühsamer zu schnitzen.
Themen: Halloween, Kürbislaterne, Rübengeister, Jack O'Lantern, Brauchtum, Irland, Herbst
Vom Rübengeist zur Kürbislaterne: Die Geschichte eines Halloween-Brauchs