Reise | Kultur | Abenteuer
Vom Fleischmarkt zum Glühwein: So entstanden die Weihnachtsmärkte
Bevor es Glühwein und Lichterketten gab, kauften die Menschen auf winterlichen Märkten ihren Festtagsbraten. Aus solchen Märkten des Spätmittelalters wurden unsere Weihnachtsmärkte – und den Titel des ältesten beanspruchen Bautzen und Dresden bis heute beide.
Von Madalina ·
Noch stehen die Buden vielerorts leer, doch der Countdown läuft: Ende November öffnen in vielen Städten die Weihnachtsmärkte. Der Dresdner Striezelmarkt etwa beginnt traditionell am Mittwoch vor dem ersten Advent. Zeit für einen Blick zurück – denn hinter Glühweinduft und Lebkuchenherzen steckt eine Geschichte, die mehr als 600 Jahre zurückreicht und ganz bodenständig begann.
Am Anfang stand der Braten Die Weihnachtsmärkte gehen auf Verkaufs- und Wintermärkte des Spätmittelalters zurück. Dort deckten sich die Menschen zu Beginn der kalten Jahreszeit mit Fleisch und Vorräten ein. Im 14. Jahrhundert kamen Handwerker dazu: Spielzeugmacher, Korbflechter und Zuckerbäcker durften Stände aufbauen und Geschenke fürs Fest anbieten. Auch geröstete Kastanien, Nüsse und Mandeln gab es schon damals.
Ein frühes Beispiel liegt gar nicht in Deutschland: 1296 erhielten Wiener Händler von Herzog Albrecht I. das Recht, einen „Dezembermarkt“ abzuhalten. Aus München ist für 1310 ein Nikolausmarkt überliefert, aus Frankfurt am Main stammt die erste urkundliche Erwähnung eines Weihnachtsmarkts von 1393. Damals gehörten dort meist kirchliche Mysterienspiele auf dem Römerberg dazu.
Bautzen gegen Dresden: Wer war zuerst da? Spannend wird es in Sachsen. Bautzen beruft sich auf das Jahr 1384: König Wenzel gewährte der Stadt damals das Recht auf einen Fleischmarkt. Ab Michaelis durften Fleischer samstags öffentlich verkaufen, und zwar bis Weihnachten. 1505 wurde die Regel noch ausgeweitet. Über die Jahrhunderte wurde aus diesem Fleischmarkt ein klassischer Weihnachtsmarkt, der seit 2009 Wenzelsmarkt heißt.
Dresden wiederum verweist auf ein Privileg vom 19. Oktober 1434. Kurfürst Friedrich II. und sein Bruder Herzog Sigismund erlaubten einen eintägigen freien Fleischmarkt kurz vor Heiligabend – die Dresdner kauften dort nach den Fastentagen im Advent ihren Weihnachtsbraten. Der Markt bewährte sich und blieb.
Wer hat nun recht? Beide, ein bisschen. 2015 kam das Rekord-Institut für Deutschland zu einem diplomatischen Ergebnis: Der Striezelmarkt gilt als „Deutschlands ältester beurkundeter Weihnachtsmarkt“, der Wenzelsmarkt als „Deutschlands ältester in einer Chronik genannter Weihnachtsmarkt“. Beide Städte werben bis heute mit dem Titel. Die Antwort hängt also davon ab, was man zählt.
Nürnberg ist jünger als gedacht Wie schwierig solche Datierungen sind, zeigt Nürnberg. Lange galt eine kleine Spanschachtel im Germanischen Nationalmuseum als Beleg dafür, dass es den Christkindlesmarkt schon 1628 gab. Auf ihrer Unterseite steht eine Widmung, in der der „Kindles marck“ erwähnt wird – doch die dritte Ziffer der Jahreszahl ist verschmiert und teilweise von einem Tintenklecks verdeckt.
Im Oktober 2025 legten Stadtarchiv und Museum ihre Ergebnisse vor. Dafür wurden die Namen in der Widmung mit Lebensdaten abgeglichen: Die beschenkte junge Frau lebte von 1663 bis 1731, die Schenkende kann frühestens 1651/52 geboren sein. Die Jahreszahl muss also 1678 lauten. Damit feiert Nürnberg 2028 nicht 400, sondern 350 Jahre Christkindlesmarkt. Oberbürgermeister Marcus König nimmt es gelassen und erinnert an den Prolog des Christkinds: „Mein Markt bleibt immer jung!“
Stollen, Lebkuchen und Glühwein Viele Leckereien, die wir heute mit dem Weihnachtsmarkt verbinden, haben ihre eigene Geschichte. Der Dresdner Striezelmarkt trägt seinen Namen nach dem Striezel – so hieß der Dresdner Stollen im Mittelhochdeutschen. Der Christstollen ist erstmals 1474 auf einer Rechnung des Dresdner Bartolomai-Hospitals belegt. Damals war er ein schlichtes Fastengebäck aus Mehl, Hefe und Wasser, denn die Kirche verbot in der Fastenzeit Butter. Erst der sogenannte Butterbrief von Papst Innozenz VIII. hob dieses Verbot 1491 auf.
Nürnberg wurde schon im Mittelalter zur Lebkuchenstadt. Die Lage an Handels- und Gewürzstraßen und der Honig aus dem Reichswald machten es möglich. 1643 bekamen die Lebküchner ihre erste geschworene Zunft, und seit 1996 ist „Nürnberger Lebkuchen“ eine von der EU geschützte geografische Angabe.
Und der Glühwein? Gewürzten Wein kannten schon die Römer: Apicius empfahl dafür Zimt, Lorbeer, Nelken und Safran. Rezepte, die unserem heutigen Glühwein ähneln, tauchen in Deutschland aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, eines stammt von 1843. Fertig in Flaschen gab es ihn erstmals 1956: Der Augsburger Weinhändler Rudolf Kunzmann wagte das und musste eine Geldbuße zahlen, weil man Wein damals nicht zuckern durfte. Erst eine Änderung des Weingesetzes Anfang der 1960er-Jahre erlaubte das.
Ein deutscher Brauch, der reist Die Idee hat längst Grenzen überschritten. Seit den 1990er-Jahren gibt es in Großbritannien „Frankfurter Weihnachtsmärkte“, der größte davon findet in Birmingham statt. Die Veranstalter beschreiben ihn als größten authentischen Weihnachtsmarkt außerhalb Deutschlands und Österreichs – und dort hat die Saison schon begonnen: Laut Veranstalter läuft der Markt am Victoria Square und in der New Street seit dem 5. November.
Bei uns heißt es noch ein paar Wochen warten. Wer dann mit einem Becher Glühwein zwischen den Buden steht, kann an die Dresdner von 1434 denken, die eigentlich nur ihren Festtagsbraten kaufen wollten.
Themen: Weihnachtsmärkte, Geschichte, Glühwein, Dresden, Bautzen, Nürnberg, Brauchtum
Vom Fleischmarkt zum Glühwein: So entstanden die Weihnachtsmärkte