Wissenschaft | Geschichte | Forschung
Verräterische Ohren: Die Muskeln, die Darwin abschrieb, reagieren auf unsere Gefühle
Forschende aus dem Saarland messen: Kleine Ohrmuskeln werden aktiver, wenn uns etwas packt. Das soll Hörgeräten helfen.
Von Tobias ·
Hunde und Katzen machen aus ihrer Stimmung kein Geheimnis: Ohren angelegt bei Angst und Wut, Ohren aufgestellt bei Aufmerksamkeit. Charles Darwin hat das genau beschrieben, dem Menschen einen solchen Gefühlsausdruck 1872 aber abgesprochen. Schon ein Jahr zuvor hatte er unsere Ohrmuskeln für verkümmert erklärt.
Ganz so still ist es am menschlichen Ohr offenbar nicht. Ein Forschungsteam aus dem Saarland hat gemessen, dass kleine Muskeln dort aktiver werden, wenn uns eine Filmszene packt. Sehen kann man das nicht, messen schon. „Was Darwin für verloren hielt, ist nur leiser geworden“, sagt der Neurowissenschaftler und Informatiker Daniel J. Strauss. Seine Arbeitsgruppe gehört zur Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes und zur Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes.
Ein Lachen brachte die Idee Die Vorgeschichte beginnt beim Zuhören. 2020 zeigte die Gruppe in der Fachzeitschrift eLife, dass die Ohrmuskeln verraten, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten: Auf der Seite des beachteten Geräuschs waren sie stärker aktiv. Die Bewegungen dabei sind winzig. Bei einer Testperson machte das Team sie mit hochauflösenden Kameras und einer Bewegungsvergrößerung am Computer sichtbar, sie lagen unter einem Millimeter.
Bei diesen Versuchen fiel der Neurotechnologin Farah Corona-Strauss etwas auf: Die kleinen inneren Ohrmuskeln regten sich auch, wenn Teilnehmende lachten, sogar schon kurz davor. Reagiert das Ohr also nicht nur auf das, was wir hören wollen, sondern auch auf das, was uns berührt? Die Doktorandin Sophie Bonnaire ging der Frage systematisch nach.
Dreißig Menschen, neun Filmclips An der in den „IEEE Transactions on Affective Computing“ erschienenen Studie nahmen 30 Personen teil, im Schnitt rund 26 Jahre alt, darunter 12 Frauen. Sie sahen neun jeweils 30 Sekunden lange Clips: drei negativ aufwühlende, drei neutrale, drei positiv aufwühlende. Elektroden auf der Haut zeichneten dabei die Aktivität von Ohrmuskeln wie dem Tragicus und dem Antitragicus auf, außerdem schätzten die Teilnehmenden ein, wie stark eine Szene sie erregte.
Das Ergebnis: Bei aufwühlenden Clips stieg die Muskelaktivität statistisch signifikant an, und zwar bei angenehmen wie unangenehmen. Bei neutralen Clips tat sich nichts Nennenswertes. Je erregter sich die Teilnehmenden selbst einstuften, desto aktiver waren auch die Muskeln. Die Reaktion komme schnell, berichtet die Universität: Laut Bonnaires Auswertung legten die Muskeln „innerhalb von Sekundenbruchteilen“ zu, und zwar umso stärker, je erregender eine Szene sei. Der Ausschlag sagt demnach eher etwas darüber, wie sehr uns etwas packt, als darüber, ob es uns gefällt.
Was der Fund noch nicht leistet Die Einordnung gehört dazu. 30 junge Erwachsene im Labor sind eine kleine Gruppe. Als das Team dieselben Clips ohne Ton zeigte, verfehlte der Anstieg die statistische Signifikanz; nur der Zusammenhang mit der gefühlten Erregung blieb. Die Autorinnen und Autoren selbst sprechen vorsichtig von dem Potenzial, Erregung aus diesen Muskeln abzulesen.
Auch für den Alltag gibt es Hürden, die das Team offen benennt: Die Signale liegen im Bereich millionstel Volt und teilen sich das Ohr mit viel stärkeren Störquellen wie Kauen, Schlucken oder Sprechen. Für sich genommen sei der Kanal zudem mehrdeutig, weil auch Aufmerksamkeit und die Eigenschaften eines Reizes hineinspielen. Ob das Ganze außerhalb des Labors trägt, ist offen.
Vom Hörgerät bis zur Datenbrille Trotzdem sieht das Team eine naheliegende Anwendung, denn Hörgeräte, Earbuds und die Bügel von Datenbrillen sitzen ohnehin am richtigen Ort. Folgestudien der Gruppe deuten darauf hin, dass die Ohrmuskeln auch anzeigen, wie anstrengend das Zuhören gerade ist; die Untersuchung mit Hörgeräteträgern nennen die Autoren selbst vorläufig. Die Gruppe arbeitet nach Angaben von Corona-Strauss mit Hörgeräteherstellern und internationalen Technologiepartnern daran, dass ein Gerät darauf eingehen kann, ohne Kamera und ohne Fragebogen. Ein fertiges Produkt oder einen Zeitplan nennt das Team nicht.
Eine Maschine, die Gefühle liest? Weiter greift ein zweiter, im Oktober erschienener Beitrag des Teams in „Frontiers in Artificial Intelligence“. Er entwirft die Idee einer „super-emotionalen Intelligenz“: Systeme, die Gefühle besser erkennen und darauf eingehen als geschulte Fachleute. „Ausdrücklich nicht gemeint ist eine Maschine, die fühlt“, stellt Strauss klar. Belegt ist das Konzept nicht: Es handelt sich um einen Perspektivartikel, seine Thesen sind laut den Autoren Hypothesen und Entwurfsvorschläge, eine Studie, die das Gesamtkonzept bestätigt, gibt es bisher nicht.
Die Forschenden warnen auch selbst: Mit einem anderen Ziel könne dieselbe Technik zur „hypermanipulativen Maschine“ werden, sagt Strauss. In der EU ist KI-Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen seit Februar 2025 grundsätzlich verboten, Ausnahmen gibt es aus medizinischen oder Sicherheitsgründen. Der Mensch müsse das Ziel setzen, fordert die Gruppe, und fasst ihre Haltung so zusammen: „Es geht um Fürsorge statt Kontrolle.“
Bleibt eine schöne Pointe, ganz ohne Technik: Die Ohren aufstellen wie die Katze auf dem Sofa können wir nicht mehr. Abgeschaltet ist das alte System aber offenbar nicht. Es arbeitet nur sehr leise.
Themen: Ohrmuskeln, Gefühle, Neurowissenschaft, Hörgeräte, Forschung, Saarland, Emotionen
Verräterische Ohren: Die Muskeln, die Darwin abschrieb, reagieren auf unsere Gefühle