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Über 10 Millionen junge Menschen: Was das Deutsch-Französische Jugendwerk bewirkt
Seit 1963 hat das Deutsch-Französische Jugendwerk nach eigenen Angaben über 10 Millionen jungen Menschen einen Austausch ermöglicht, vom Ferienlager bis zum Praktikum. Eine Befragung Ehemaliger zeigt, was Jahre später bleiben kann: Freundschaften, Umzüge und manchmal eine neue Lebensrichtung.
Von Max ·
Ein halbes Jahr die Austauschpartnerin oder den Austauschpartner aus Frankreich zu Hause aufnehmen, danach selbst ein halbes Jahr nach Frankreich gehen: Das ist das Voltaire-Programm für Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klasse. Wer im Schuljahr 2027/2028 dabei sein will, konnte sich noch bis zum 6. November 2026 bewerben.
Hinter dem Angebot steht eine Einrichtung, die seit mehr als 60 Jahren still und beharrlich arbeitet: das Deutsch-Französische Jugendwerk, kurz DFJW. Nach eigenen Angaben hat es seit 1963 über 10 Millionen jungen Menschen die Teilnahme an 400.000 Austauschprogrammen ermöglicht. Was als politisches Versprechen zweier ehemaliger Kriegsgegner begann, ist heute Alltag aus Schulaustausch, Sprachkurs, Sportbegegnung und Praktikum.
Ein Fonds für die Jugend Am 9. September 1962 sprach Charles de Gaulle in Ludwigsburg zur deutschen Jugend. Wenige Monate später, am 22. Januar 1963, unterzeichneten er und Bundeskanzler Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag, der die Gründung eines Jugendwerks ankündigte. Geplant war ein gemeinsamer Fonds von 40 Millionen D-Mark für den Austausch von Schülern, Studierenden, jungen Handwerkern und jungen Arbeitern.
Am 5. Juli 1963 war es so weit: In Bonn unterzeichneten die Außenminister Maurice Couve de Murville und Gerhard Schröder das Gründungsabkommen, de Gaulle und Adenauer waren dabei. Nach eigener Darstellung war das DFJW die erste supranationale deutsch-französische Organisation. Schon 1967 überschritt es laut seiner Chronik die Marke von einer Million Teilnehmenden. Der Historiker Ansbert Baumann nennt das Jugendwerk laut Konrad-Adenauer-Stiftung „mit Sicherheit das erfolgreichste unmittelbare Ergebnis des Elysée-Vertrags“.
Vom Kindergarten bis in den Beruf Das Angebot richtet sich an fast alle jungen Menschen: an Kindergartenkinder ebenso wie an Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende, junge Berufstätige und junge Arbeitslose. Es gibt Ferienlager, Workshops, Praktika, Sprachkurse und Jugendwettbewerbe. Jedes Jahr fördert das DFJW rund 8.000 Begegnungen, davon etwa 4.700 Gruppen- und 3.300 Einzelaustausche.
Organisiert werden sie meist nicht vom Jugendwerk selbst, sondern von Partnern vor Ort: Sportvereinen, Schulen, Volkshochschulen, Jugendverbänden, Partnerschaftskomitees oder Handelskammern. 2024 standen dafür etwa 35 Millionen Euro zur Verfügung, je zur Hälfte von der deutschen und der französischen Regierung. Rund 100 Beschäftigte arbeiten in Paris, Berlin, Saarbrücken und Straßburg. Den Vorsitz im Verwaltungsrat teilen sich die für Jugend zuständige Bundesministerin Karin Prien und ihre französische Amtskollegin Marina Ferrari.
Wichtig ist dem Jugendwerk, dass nicht nur Kinder aus gut gestellten Familien profitieren. Nach eigenen Angaben hat ein Fünftel aller Teilnehmenden erschwerten Zugang zu solchen Mobilitätsangeboten. Das französische Außenministerium beziffert den Anteil besonders förderbedürftiger Jugendlicher für den Stand Juli 2023 auf 23,36 Prozent und damit auf mehr als die 20 Prozent, die der Aachener Vertrag von 2019 als Ziel vorgibt.
Ein Werk, das sich öffnet Das Jugendwerk ist mit der Geschichte gewachsen. Seit 1976 können auch junge Menschen aus weiteren Ländern teilnehmen. Nach dem Fall der Mauer öffnete das DFJW seine Programme für Jugendliche aus der DDR, bis Ende 1991 nahmen mehr als 8.000 von ihnen teil. Seit etwa 2000 arbeitet es mit Ländern des Balkans zusammen und half 2016, ein regionales Jugendwerk für den Westbalkan zu gründen, das Regional Youth Cooperation Office (RYCO). Zum gemeinsamen Jubiläum trafen sich im Juli 2026 in Paris 24 junge Menschen aus Frankreich, Deutschland und sechs Staaten des Westbalkans.
Was bleibt? Eine Studie fragt nach Dass ein Austausch schöne Wochen beschert, glaubt man gern. Aber hinterlässt er Spuren? Das Deutsch-Französische Institut in Ludwigsburg hat das im Auftrag des DFJW am Beispiel von Auslandspraktika untersucht. Die Forschenden Vincent Goulet, Stefan Seidendorf und Susanne Binder werteten Praktikumsberichte aus und befragten 2019 ehemalige Praktikantinnen und Praktikanten, zwei bis sechs Jahre nach ihrem Aufenthalt. Die Ergebnisse erschienen 2021.
Gut zwei Drittel der Befragten stimmten der Aussage zu, das Praktikum habe ihrem Leben eine entscheidende Wendung gegeben. 73 Prozent nannten es „mehr als eine Arbeitserfahrung“. Rund 70 Prozent hielten noch Jahre später Kontakt zu mindestens einem Menschen aus der Praktikumszeit, und zwei Drittel hatten anderen schon zu einem Praktikum im Nachbarland geraten oder dabei geholfen. 14 Prozent waren tatsächlich ins Partnerland gezogen.
Auf die Frage, in welchem Lebensbereich das Praktikum Spuren hinterlassen hat, nannten die Ehemaligen am häufigsten Ausbildung und Beruf. Wer aber in eigenen Worten beschreibt, worin die Wendung bestand, erzählt vor allem Persönliches: mehr Selbstständigkeit, Abstand zur eigenen Herkunft, das Gefühl, sich auch in der Fremde durchschlagen zu können. Und manchmal das ganz Private: Acht Befragte erwähnten von sich aus eine Liebesbeziehung aus der Praktikumszeit. Die Forschenden merken augenzwinkernd an, man könne die Umfrage in einigen Jahren wiederholen, um die Zahl der „DFJW-Babys“ zu erfahren.
Die Studie hat Grenzen, und die Autoren benennen sie selbst. Nur ein Viertel der rund 1.400 Angeschriebenen antwortete, vermutlich eher jene, die vom Praktikum profitiert hatten. Die Stichprobe ist deshalb nicht repräsentativ, und eine Vergleichsgruppe ohne Auslandspraktikum gibt es nicht. Auch beim Sprachniveau fällt die Bilanz nüchtern aus: Bei gut der Hälfte lag die selbst eingeschätzte Sprachkenntnis Jahre später auf dem Stand von vor dem Praktikum, bei einem Fünftel darunter, nur bei einem Sechstel darüber. Als mögliche Gründe nennen die Forschenden, dass viele die Sprache danach kaum noch nutzten oder ihr Niveau vorher überschätzt hatten.
Aus Gegnern wurden Sympathisanten Wie sehr sich das Verhältnis beider Länder gewandelt hat, zeigen alte Umfragen. Die Forscherin Claire Demesmay, die beim DFJW ein Referat leitet, hat sie für eine Jugendstudie des Jugendwerks zusammengetragen. 1953 hielten nur 12 Prozent der befragten Westdeutschen die Beziehung zu Frankreich für gut oder sehr gut. 1965 nannten in Frankreich nur 6 Prozent Deutschland das sympathischste von zehn Ländern, 19 Prozent dagegen das unsympathischste. Anfang 2021 gaben 91 Prozent der Befragten in Frankreich an, ein gutes Bild von Deutschland zu haben.
Daran haben viele mitgewirkt: symbolträchtige Gesten der Staats- und Regierungschefs, Städtepartnerschaften, gemeinsame Studiengänge. Demesmay nennt den Jugendaustausch ausdrücklich unter den zivilgesellschaftlichen Kontakten, die das gegenseitige Vertrauen gefestigt haben. Wie groß der Anteil des Jugendwerks daran genau ist, lässt sich nicht messen.
Auch die heutige Jugend blickt vergleichsweise zuversichtlich auf die Partnerschaft. In einer vom DFJW beauftragten Umfrage, für die Kantar Public im Oktober 2022 mehr als 3.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in beiden Ländern befragte, sahen 45 Prozent die deutsch-französische Zusammenarbeit der nächsten fünf Jahre optimistisch. Beim Klimaschutz waren es nur 20 Prozent. Kein anderer abgefragter Bereich schnitt so gut ab wie die Zusammenarbeit beider Länder.
Die Kehrseite: Weniger Französisch Ganz ohne Gegenwind läuft es nicht. Während der Pandemie fanden Begegnungen teilweise nur virtuell statt, danach legte das Jugendwerk einen eigenen Wiederaufnahmeplan für 2023 bis 2025 auf. Und die Partnersprache verliert an Boden: Im Schuljahr 2022/2023 lernten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt nur noch 14,6 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen Französisch, ein neuer Tiefstand. Im Schuljahr 2009/2010 waren es noch 19,1 Prozent. Im Saarland lernte dagegen 2021/2022 gut die Hälfte der Schülerinnen und Schüler Französisch.
In Frankreich sieht es spiegelbildlich aus. Der Anteil der Deutschlernenden an weiterführenden Schulen sank binnen drei Jahren von 15,7 auf 13,5 Prozent, wie der damalige französische Minister für Bildung und Jugend, Gabriel Attal, Ende 2023 in der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung berichtete. Begegnungen zwischen beiden Ländern nannte er dort die höchste Priorität, um Kultur und Sprache zu lernen.
Ein Austausch, der weitergeht Zum 60. Geburtstag im Juli 2023 nannte die damalige Bundesjugendministerin Lisa Paus das DFJW „eine Erfolgsgeschichte“. Das Besondere ist, dass diese Geschichte nicht abgeschlossen ist: Jedes Jahr kommen Tausende neue Kapitel hinzu, geschrieben von Jugendlichen, die vorher vielleicht nie im Nachbarland waren.
Wer selbst einsteigen will, hat viele Wege. Neben dem Voltaire-Programm gibt es zum Beispiel das Brigitte-Sauzay-Programm: Schülerinnen und Schüler der 8. bis 11. Klasse verbringen drei Monate in Frankreich und nehmen im Gegenzug ihre Austauschpartnerin oder ihren Austauschpartner ebenso lange auf. Dazu kommen Ferienbegegnungen, Sprachkurse und Praktika. Alle Angebote stehen auf der Website des Jugendwerks.
Themen: Deutsch-Französisches Jugendwerk, Jugendaustausch, Frankreich, Élysée-Vertrag, Europa, Schüleraustausch, Völkerverständigung, Französisch
Über 10 Millionen junge Menschen: Was das Deutsch-Französische Jugendwerk bewirkt