Hamburg · Hamburger Geschichte
Sülldorfer Bahnhof von 1883: „Club der 50“ kämpft gegen den Abriss – Ausgang offen
Die Bahn will das alte Empfangsgebäude abreißen. Nachbarn wollen es retten und träumen von Café und Stadtteiltreff.
Von Michael Beier ·
Seit mehr als 140 Jahren steht es an den Gleisen im Hamburger Westen, seit 2008 ist es leer: das Empfangsgebäude des Bahnhofs Sülldorf. Die Deutsche Bahn will es abreißen. Doch im Stadtteil formiert sich Widerstand – und zwar mit einer ungewöhnlichen Idee. Unter dem Namen „Club der 50“ sollen 50 Menschen aus der Nachbarschaft gemeinsam dafür sorgen, dass das Haus bleibt. Ob das gelingt, ist offen.
Ein Stück Eisenbahngeschichte an der Strecke nach Wedel Der Bahnhof gehört zur Strecke von Blankenese nach Wedel, die am 1. Dezember 1883 in Betrieb ging. Damals war es ein schlichtes Ensemble: ein anderthalbstöckiger Querbau im Westen, daran ein eingeschossiger Langbau. Drinnen lagen Gepäckabfertigung, Warteraum und Fahrkartenausgabe, im Osten eine Dienstwohnung mit fünf Räumen. Daneben standen ein Abort, ein Stall und ein Geräteschuppen.
Über die Jahrzehnte wuchs das Gebäude mit der Bahn. 1927 wurde der Bahnhof um ein zweites Gleis und einen zweiten Bahnsteig erweitert, das Empfangsgebäude bekam einen Anbau für die Sicherungstechnik. Mit der Elektrifizierung hielten ab Mai 1950 die Züge der Hamburger S-Bahn in Sülldorf. Seitdem erreichen Fahrgäste den Bahnsteig durch die Halle am Empfangsgebäude und ebenerdig über das südliche Gleis, gesichert durch Schranken.
Das Haus gilt heute als eines der ältesten Bahngebäude Hamburgs. Unter Denkmalschutz steht es trotzdem nicht: Das Denkmalschutzamt sieht zwar einen Kern aus dem 19. Jahrhundert, doch zahlreiche Um- und Anbauten, vor allem in den 1920er- und 1950er-Jahren, hätten den historischen Zeugniswert stark geschmälert.
Was die Bahn plant Die DB InfraGO hat beim Eisenbahn-Bundesamt ein Planfeststellungsverfahren beantragt. Der ebenerdige Übergang zum Bahnsteig soll wegfallen und durch einen neuen Zugang mit Treppen und Aufzügen ersetzt werden; der Bahnsteig soll ein Dach bekommen. Im Zuge der Arbeiten sollen das alte Bahnhofsgebäude und ein Telekommunikationsgebäude abgerissen werden. Hintergrund ist auch die Umstellung auf digitale Leit- und Sicherungstechnik.
Den Abriss begründet die Bahn mit dem schlechten baulichen Zustand: Bei Untersuchungen seien Asbest, Schimmel und Hausschwamm gefunden worden. Den ebenerdigen Übergang hält sie nach heutigem Regelwerk nicht mehr für zulässig. Bis zum 17. August 2026 konnten Betroffene Einwendungen gegen die Pläne erheben; Bürgerinnen und Bürger haben das fristgerecht getan. Entschieden hat das Eisenbahn-Bundesamt noch nicht. Als Baubeginn nennt die Bahn das dritte Quartal 2029.
Die Idee der Nachbarn Hinter dem „Club der 50“ steht eine Bürgerinitiative aus dem Stadtteil. Das Prinzip: 50 Menschen aus Sülldorf tragen den Erhalt gemeinsam. Nach früheren Angaben der Initiative soll jede und jeder mindestens 1.000 Euro beisteuern. Die Arbeitsgruppe Bahnhof des SülldorfForums hat zusammen mit dem Ortsverband Hamburg-Mitte des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB), der in Rissen bereits die Halle 15 betreibt, ein erstes Nutzungskonzept entwickelt. Für eine erste Grundsanierung hält der ASB rund 80.000 Euro für ausreichend – wie teuer eine Sanierung tatsächlich würde, weiß bislang aber niemand.
Das Konzept sieht einen kleinen Bahnhofsladen im früheren Blumengeschäft vor, ein Café auf etwa 120 Quadratmetern und abends Räume für Vereine und Initiativen. Auch der Bürgerverein Sülldorf sieht in dem Gebäude die Chance auf ein Bürgerzentrum. SülldorfForum-Sprecher Wolf Müller verweist auf einen Architekten, der das Haus bei einer gemeinsamen Begehung mit der Bahn für sein Alter in gutem Zustand befunden habe. Und zum Bahnsteigzugang sagt er: „Ein Zugang ohne Stufe braucht weder Strom noch Wartung.“
Noch viele offene Fragen Getragen werden soll das Projekt von einem gemeinnützigen Verein – gegründet ist er noch nicht. Ob die Finanzierung zusammenkommt, ist ungewiss; ob es öffentliche Fördermittel gibt, ist offen. Ein Bauträger hat laut Müller Interesse signalisiert, eine feste Zusage gibt es aber nicht.
Rückenwind kommt aus der Bezirkspolitik. Am 9. Juli 2026 einigte sich der Hauptausschuss der Bezirksversammlung Altona auf einen Kompromiss: Das Bezirksamt soll mit der Bahn und der Finanzbehörde verhandeln und gemeinsam mit dem SülldorfForum ein Nutzungskonzept entwickeln. Ob am Ende ein Café mit Geschichte entsteht oder die Bagger kommen, ist noch nicht entschieden. Sicher ist bisher nur, dass Menschen im Stadtteil sich mit viel Einsatz für ihren alten Bahnhof starkmachen.
Themen: Sülldorf, Bahnhof Sülldorf, Club der 50, Bürgerengagement, Hamburger Geschichte, Deutsche Bahn, Altona, S-Bahn
Sülldorfer Bahnhof von 1883: „Club der 50“ kämpft gegen den Abriss – Ausgang offen