Wissenschaft | Geschichte | Forschung
Studie mit 40.000 Menschen und 86 Schimpansen: Wer führt, wagt im Schnitt mehr
Führungskräfte schätzen sich im Schnitt als risikofreudiger ein, ranghohe Schimpansen gelten als wagemutiger. Eine Spurensuche nach den Wurzeln von Führung.
Von Tobias ·
Wer ein Team leitet, muss Entscheidungen treffen, deren Ausgang offen ist. Dass Menschen in Führungspositionen dabei eher zum Wagnis neigen, ist eine verbreitete Vermutung. Forschende des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin haben sie nun mit großen Datensätzen überprüft – und dabei über die Grenzen unserer eigenen Art hinausgeschaut. Ihr Befund: Bei Menschen wie bei Schimpansen gehen höhere Stellung und größere Risikobereitschaft Hand in Hand.
Zwei Arten, ein Muster Für den menschlichen Teil der Studie werteten die Forschenden Angaben von mehr als 40.000 Teilnehmenden des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus. Diese repräsentative Langzeitbefragung läuft seit 1984 und ist am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) angesiedelt; derzeit geben darin jedes Jahr rund 30.000 Menschen in knapp 20.000 Haushalten Auskunft über ihr Leben. Die Befragten schätzten ihre allgemeine Risikobereitschaft selbst ein. Diese Angaben verglich das Team mit der beruflichen Position und dem Einkommen.
Das Ergebnis: Wer Führungsverantwortung trägt, bezeichnet sich im Durchschnitt als risikobereiter als Menschen ohne Führungsaufgaben. Auch ein höheres Einkommen geht mit größerer Risikofreude einher. Bemerkenswert: Zwischen Frauen und Männern unterschied sich der Zusammenhang zwischen Führung und Risikobereitschaft nicht.
Der zweite Teil der Studie führt nach Ostafrika. Dort untersuchte das Team 86 Schimpansen, die in Auffangstationen in Uganda und Kenia leben. Weil sich Schimpansen nicht per Fragebogen befragen lassen, schätzten erfahrene Tierpflegerinnen und Tierpfleger ein, wie risikofreudig die einzelnen Tiere sind. Diese Einschätzungen setzten die Forschenden in Beziehung zum sozialen Rang der Tiere in ihrer Gruppe. Auch hier zeigte sich: Ranghöhere Schimpansen gelten als wagemutiger als rangniedrigere – und der Zusammenhang fiel sogar stärker aus als beim Menschen.
Warum der Effekt beim Menschen schwächer ist Eine mögliche Erklärung für den Unterschied sehen die Forschenden in den unterschiedlichen Lebenswelten. Beim Menschen spielen für den Weg in eine Führungsrolle viele weitere Dinge mit, etwa Bildung und die Rahmenbedingungen von Institutionen. In Schimpansengruppen dagegen zählen direkte Konkurrenz und soziale Auseinandersetzungen stärker.
Geleitet wurde die Arbeit von Lou Marie Haux, Postdoktorandin im Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Instituts. Die Senior-Autorschaft teilten sich Ralph Hertwig und Esther Herrmann; beteiligt waren auch die Technische Universität Dresden und die University of Portsmouth. Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift „The Leadership Quarterly“.
Ein Blick in die gemeinsame Vergangenheit Menschen und Schimpansen gehen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück. Deshalb halten es die Forschenden für möglich, dass die Verbindung von Führung und Risikobereitschaft sehr alt ist – laut Pressemitteilung des Instituts könnte sie „tiefe evolutionäre Wurzeln haben“. Die Studie liefert dafür Hinweise, aber keinen Beweis.
Zusammenhang, nicht Ursache Wichtig ist eine Einschränkung, die das Team selbst betont. „Unsere Studie zeigt einen Zusammenhang, aber keine Kausalität“, sagt Lou Marie Haux. Offen bleibt also, ob risikofreudige Menschen eher in Führungspositionen gelangen oder ob eine Führungsrolle Menschen mutiger macht. Längsschnittdaten aus dem SOEP sprechen eher für die erste Erklärung – dass die Risikobereitschaft oft schon vorher da ist. Das müssen weitere Untersuchungen aber erst bestätigen. Hinzu kommt: Beim Menschen beruht die Risikobereitschaft auf Selbstauskunft, bei den Schimpansen auf der Einschätzung von Pflegekräften.
Die Forschenden sehen ihre Ergebnisse deshalb als Ausgangspunkt, etwa für Längsschnitt- und Experimentalstudien. Als Nächstes wollen sie prüfen, ob sich ähnliche Muster auch bei anderen Menschenaffen wie Bonobos zeigen. Die Frage, was Führung ausmacht, bekommt so eine neue, überraschend tierische Perspektive.
Themen: Führung, Risikobereitschaft, Studie, Schimpansen, Evolution, Verhaltensforschung, Max-Planck-Institut
Studie mit 40.000 Menschen und 86 Schimpansen: Wer führt, wagt im Schnitt mehr