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Stromexport Deutschland: Warum die Exporte wieder steigen
Mal kaufen wir Strom bei unseren Nachbarn, mal liefern wir ihn selbst über die Grenze. Anfang 2026 drehte sich die Bilanz überraschend: Deutschland wurde erstmals seit Ende 2023 wieder Nettoexporteur. Dahinter steckt mehr als nur eine Zahl – und ein verbreiteter Irrtum.
Von Max ·
Deutschland exportiert wieder mehr Strom – doch die eigentliche gute Nachricht steckt woanders Es ist einer dieser Momente, in denen eine alltägliche Sache plötzlich erstaunlich groß wirkt: Während morgens Kaffeemaschine, Toaster und Bahn gleichzeitig Strom brauchen, fließt Elektrizität längst über Ländergrenzen hinweg – mal nach Deutschland hinein, mal hinaus.
Und Anfang 2026 wechselte die Richtung tatsächlich: Deutschland lieferte erstmals seit Ende 2023 in einem gesamten Quartal wieder mehr Strom ins Ausland, als über die Grenzen hereinkam.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im ersten Quartal 2026 rund 126,6 Milliarden Kilowattstunden Strom in Deutschland erzeugt und ins Netz eingespeist. 53,3 Prozent davon kamen aus erneuerbaren Energien.
Gleichzeitig sanken die Stromimporte gegenüber dem Vorjahresquartal um 15,5 Prozent auf 16,4 Milliarden Kilowattstunden. Die Exporte legten dagegen um 20,4 Prozent auf 19,5 Milliarden Kilowattstunden zu.
Unter dem Strich blieben damit 3,1 Milliarden Kilowattstunden Exportüberschuss .
Der eigentliche Star war der Wind Hinter diesem Sprung steckt vor allem die Windenergie.
Windräder erzeugten im ersten Quartal rund 42,8 Milliarden Kilowattstunden Strom – 28,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Damit war Windkraft mit 33,8 Prozent der wichtigste einzelne Energieträger der inländischen Stromerzeugung.
Zu einer fairen Einordnung gehört allerdings ein kleines meteorologisches Sternchen.
Das erste Quartal 2025 war außergewöhnlich windarm. Im langfristigen Vergleich war die Windstromproduktion Anfang 2026 laut Statistischem Bundesamt deshalb keineswegs außergewöhnlich hoch, sondern eher durchschnittlich. Der große prozentuale Sprung erzählt also auch davon, wie wenig Wind im Vorjahr vorhanden war.
Trotzdem lässt sich daran gut erkennen, wie stark Wind und Sonne inzwischen den Strommarkt beeinflussen können.
Auf der Strommarktdaten-Plattform SMARD lag der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis in Deutschland im ersten Quartal 2026 bei 102,17 Euro je Megawattstunde – 8,7 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig lag Deutschland damit etwas unter dem Durchschnitt seiner Nachbarländer.
Deutscher Strom wurde für Käufer jenseits der Grenze dadurch häufiger attraktiv.
Warum zwei Statistiken unterschiedliche Zahlen nennen Wer genauer hinschaut, entdeckt dabei eine interessante Besonderheit.
SMARD nennt für das erste Quartal 17,9 Terawattstunden Exporte und 15,3 Terawattstunden Importe – etwas andere Zahlen als Destatis. Das ist kein Widerspruch: Destatis betrachtet physische Strommengen an den Grenzübergangspunkten, während SMARD den kommerziellen Außenhandel des Strommarktes auswertet. Beide Datensätze kommen jedoch zum selben Ergebnis: Deutschland war im ersten Quartal Nettoexporteur.
Nach SMARD war Österreich der größte Abnehmer deutschen Stroms. Besonders interessant: 57,1 Prozent der deutschen Stromexporte wurden rechnerisch erneuerbaren Energieträgern zugeordnet.
Bedeutet Stromimport eigentlich Strommangel? Nein – und genau hier steckt der vielleicht wichtigste Aha-Effekt.
Ein Land importiert Strom nicht automatisch deshalb, weil es selbst „zu wenig“ produzieren kann.
Der europäische Strommarkt funktioniert vielmehr wie ein großes verbundenes System. Strom wird häufig dort eingekauft, wo er zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlicher erzeugt werden kann. Die Bundesnetzagentur betont deshalb, dass Deutschland und seine Nachbarn von den jeweils günstigsten Erzeugungsbedingungen im europäischen Verbund profitieren können.
Vereinfacht könnte man es mit einem Wochenmarkt vergleichen: Wenn auf dem Nachbarstand Äpfel gerade günstiger angeboten werden, wäre es wenig sinnvoll, sie aus Prinzip selbst teurer zu produzieren.
Beim Strom ist die Sache technisch natürlich komplizierter – das wirtschaftliche Grundprinzip ist ähnlich.
Deshalb ist ein Exportüberschuss nicht automatisch ein Gütesiegel. Und ein Importüberschuss ist ebenso wenig ein Zeichen dafür, dass Deutschland „der Strom ausgeht“.
Wind, Sonne, Kraftwerksverfügbarkeit, Verbrauch, Preise und Netzkapazitäten entscheiden ständig neu, in welche Richtung Strom gehandelt wird.
Und wie ging es danach weiter? Wie beweglich dieses System ist, zeigt das mittlerweile veröffentlichte zweite Quartal 2026.
Deutschland wurde wieder Nettoimporteur: 18,1 Terawattstunden Import standen 14,2 Terawattstunden Export gegenüber.
Doch auch hier steckt eine interessante Entwicklung in den Details. Die Exporte lagen 15,6 Prozent höher als ein Jahr zuvor , während der Nettoimport gegenüber dem zweiten Quartal 2025 um 30,2 Prozent sank.
Und noch etwas geschah:
Die Photovoltaik erzeugte im zweiten Quartal 31,8 Terawattstunden Strom – mehr als jemals zuvor in einem Quartal. Erneuerbare Energien stellten insgesamt 66,4 Prozent der von SMARD erfassten realisierten Stromerzeugung.
Der größere Trend ist ebenfalls bemerkenswert.
Nach vorläufigen Daten der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik wurden im ersten Halbjahr 2026 rund 153 Terawattstunden erneuerbarer Strom erzeugt. Das waren sechs Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Rund 57 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs wurden damit rechnerisch durch erneuerbare Energien gedeckt.
Vielleicht ist deshalb die spannendste Nachricht am Ende gar nicht, ob Deutschland auf einer Quartalsabrechnung gerade „Exporteur“ oder „Importeur“ heißt.
Spannender ist, wie selbstverständlich Windräder an der Nordsee, Solaranlagen auf Hausdächern, Kraftwerke, Stromleitungen und die Netze unserer europäischen Nachbarn inzwischen miteinander zusammenspielen – und wie groß die Rolle erneuerbarer Energien dabei geworden ist.
Der Strom aus der Steckdose trägt schließlich keinen Reisepass.
Aber manchmal bringt er eine ziemlich interessante Reisegeschichte mit.