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Strahlung direkt am Tumor: Klinikum Bielefeld behandelt Lebermetastasen erstmals mit SIRT
Winzige radioaktive Kügelchen bestrahlen Lebertumoren von innen: neu am Klinikum Bielefeld, aber kein Wundermittel.
Von Ulrike ·
Der Weg führt durch die Blutbahn, die Fracht ist kaum zu sehen: Am 28. Oktober hat ein Team am Klinikum Bielefeld – Mitte zum ersten Mal einen Patienten mit einer selektiven internen Radiotherapie behandelt, kurz SIRT. Dabei gelangen winzige Kügelchen mit einer radioaktiven Substanz direkt zu den Tumoren in der Leber. Einen offenen Bauchschnitt braucht es dafür nicht.
Ein medizinischer Durchbruch ist das nicht, und das Klinikum hat auch keine neue Methode erfunden. Das Klinikum Stuttgart, die Universitätsmedizin Mainz und das Universitätsklinikum Gießen und Marburg beschreiben die SIRT in ihren Angeboten, der Krebsinformationsdienst führt sie in einer Übersicht mit Stand 2020 auf. Die gute Nachricht ist also eine regionale: Das Klinikum erweitert nach eigener Darstellung das Behandlungsangebot für Menschen in Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe um eine weitere Möglichkeit.
Bestrahlung von innen Der Trick der Methode steckt in der Blutversorgung der Leber. Viele Lebertumoren und Metastasen, also Tochtergeschwülste anderer Krebsarten, beziehen ihr Blut vor allem aus den Leberarterien. Gesundes Lebergewebe bekommt es dagegen vor allem aus der Pfortader.
Genau das nutzen die Ärztinnen und Ärzte: Über einen Katheter, den sie nach örtlicher Betäubung in der Leiste einführen, bringen sie die Kügelchen in die Leberschlagader oder deren Äste. Dort strahlen sie nur über eine kurze Strecke. So trifft die Dosis vor allem das Tumorgewebe, während das gesunde Lebergewebe weitgehend geschont wird.
In Bielefeld arbeiteten dafür Nuklearmedizin und Radiologie zusammen: Chefarzt Dr. Stephan Block, Oberarzt Medhat Atito und Chefarzt Prof. Dr. Nasreddin Abolmaali führten die erste Behandlung gemeinsam durch. Vorab steht eine gründliche Untersuchung. Fachquellen zufolge wird dabei etwa per Gefäßdarstellung oder mit einer Testsubstanz geprüft, ob die Kügelchen dort ankommen, wo sie hinsollen. Für die SIRT selbst plant das Klinikum drei Tage stationär ein, mit Überwachung auf der nuklearmedizinischen Station und besonderem Strahlenschutz.
Für wen sie infrage kommt Die SIRT ist keine Standardlösung für alle mit Krebs in der Leber. Ob sie passt, wird im Tumorboard abgewogen, einer Fallkonferenz, in der Fachleute gemeinsam über den Einzelfall beraten. Es zählen unter anderem die Ausbreitung der Erkrankung, der Zustand der Leber, bisherige Therapien und die Belastbarkeit.
Die Universitätsmedizin Mainz nennt als Voraussetzungen: Der Krebs lässt sich nicht operieren, die Leber ist das am stärksten betroffene Organ, und es ist genug gesundes Lebergewebe vorhanden. Dem Krebsinformationsdienst zufolge kommt das Verfahren etwa infrage, wenn andere Therapien nicht mehr wirken oder Metastasen über die ganze Leber verteilt sind. In einzelnen Fällen kann die SIRT laut Klinikum Bielefeld auch große Operationen ersparen oder die Zeit bis zu einer möglichen Lebertransplantation überbrücken.
Ausführlich geht das Klinikum auf Lebermetastasen des Uveamelanoms ein, eines seltenen Krebses, der von den pigmentbildenden Zellen im Auge ausgeht. Eine Immuntherapie reiche hier oft allein nicht aus, erklärt Prof. Dr. Selma Ugurel, Direktorin der Bielefelder Universitäts-Hautklinik. Die SIRT kann sie dann ergänzen.
Was sie nicht kann Eine Heilung versprechen die Fachleute nicht. Die Universitätsmedizin Mainz schreibt, die SIRT werde im Allgemeinen „nicht als Heilungsmethode betrachtet“, das Universitätsklinikum Gießen und Marburg stuft sie als palliativ ein, also als Behandlung, die den Krebs nicht heilt. Bei wenigen Betroffenen kann sie Tumoren aber so stark verkleinern, dass später eine Operation möglich wird. Zudem ist sie eine örtliche Behandlung: Sie zielt auf die Leber, nicht auf Krebsherde anderswo im Körper. Wie es dem ersten Patienten des Klinikums geht, dazu macht das Haus keine Angaben.
Auch Nebenwirkungen gehören dazu. Zwar bleibt Haarausfall laut Klinikum aus, weil keine Zellgifte im ganzen Körper verteilt werden, und die Behandlung wird laut Abolmaali meist gut vertragen. Doch sein Zusatz ist eindeutig: „Nebenwirkungsfrei ist die Methode jedoch nicht.“ Nach Angaben aus Mainz kann es zu Bauchschmerzen, Fieber, Übelkeit, Müdigkeit und Appetitverlust kommen, die mit der Zeit abklingen. Selten kann es nach Angaben aus Gießen und Marburg ernster werden, etwa mit Entzündungen von Gallenblase oder Bauchspeicheldrüse, Darmgeschwüren oder einer strahlenbedingten Einschränkung der Leberfunktion. Deshalb kommt es auf die genaue Platzierung der Kügelchen und die enge Überwachung an.
Fragen stellen in Bielefeld Wer mehr über Krebsbehandlungen in der Region wissen möchte, kann am Samstag, 14. November, von 11 bis 16 Uhr zum ersten Patienteninformationstag „UK OWL gegen Krebs“ ins Hauptgebäude der Universität Bielefeld kommen. Die Teilnahme ist kostenlos. Ob die SIRT im eigenen Fall sinnvoll ist, klärt am Ende nur das behandelnde Team.
Themen: SIRT, Lebermetastasen, Leberkrebs, Strahlentherapie, Klinikum Bielefeld, Krebsbehandlung, Ostwestfalen-Lippe, Medizin
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