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Spiel des Jahres seit 1979: Warum Deutschland so gern am Brett sitzt
Seit 1979 kürt eine unabhängige Jury aus Spielekritikern das „Spiel des Jahres“ und gibt so Orientierung im vollen Spieleregal. Gerade erst kamen 230.000 Menschen zur Spielemesse nach Essen – ein Rekord. Ein Blick auf eine Tradition, die November-Abende heller macht.
Von Madalina ·
Draußen wird es jetzt um fünf dunkel, drinnen klappert es: Der November ist Spieleabend-Saison. In Deutschland hat diese Leidenschaft eine besondere Tradition. Das zeigt ein Preis, der seit fast fünf Jahrzehnten Orientierung gibt: das „Spiel des Jahres“.
Eine Idee aus dem Biergarten Die Geschichte beginnt 1978. Laut dem Verein Spiel des Jahres stellte der WDR-Journalist Jürgen Herz die Idee im Februar jenes Jahres bei einem Treffen im Haus von Margot und Tom Werneck in Erlangen vor – am Rande der Nürnberger Spielwarenmesse. Mit dabei waren unter anderem Spieleautor Alex Randolph und Bernward Thole, später viele Jahre Vorsitzender des Vereins. Den eigentlichen Beschluss, einen Verein zu gründen, fasste die Runde später in einem Erlanger Biergarten.
Das Ziel war damals durchaus kühn. Auf der Vereinsseite heißt es dazu: „Das Spiel galt bis dahin nicht als Kulturgut.“ Der Preis sollte zeigen, dass jedes Jahr neue und oft hervorragende Spiele erscheinen und dass es mehr gibt als Mühle, Dame, Halma und Schach.
1979 wurde der Preis zum ersten Mal offiziell vergeben. Er ging an „Hase und Igel“ von David Parlett. In den Anfangsjahren half sogar das damalige Bundesministerium für Familie, Jugend und Gesundheit bei der Finanzierung.
Unabhängig von Anfang an Was den Preis glaubwürdig macht: Mitglied im Verein und damit stimmberechtigt kann nur werden, wer nicht von Herstellung oder Vertrieb von Spielen abhängt. Die Jury besteht aus Spielekritikerinnen und -kritikern, die ehrenamtlich arbeiten. Sie richtet sich nicht in erster Linie an Fachleute, sondern an alle, die vor einem überquellenden Regal stehen und eine „unabhängige und gleichzeitig kompetente Orientierungshilfe“ brauchen, wie es der Verein formuliert.
Über die Jahre ist der Preis gewachsen. Seit 2001 gibt es das „Kinderspiel des Jahres“, seit 2011 das „Kennerspiel des Jahres“ für alle, die gern etwas länger tüfteln. Erkennbar sind die Gewinner am Pöppel auf der Schachtel: rot, blau oder anthrazit.
Verlage zahlen für das Logo eine Lizenzgebühr, die sich nach der Zahl der verkauften Spiele richtet. Die Einnahmen fließen vor allem in die Öffentlichkeitsarbeit, aber auch in ein jährliches Stipendium für Spieleautorinnen und -autoren und in ein Förderprogramm. 2026 unterstützt der Verein darüber Projekte mit mehr als 75.000 Euro.
Ein kleiner Pöppel mit großer Wirkung Wie stark die Auszeichnung wirkt, lässt sich an Verkaufszahlen ablesen. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung, den die Online-Enzyklopädie Wikipedia zitiert, verkaufen sich Gewinnerspiele meist mehr als 300.000-mal innerhalb eines Jahres. „Die Siedler von Catan“ (1995) und „Carcassonne“ (2001) gelten dort mit ihren Millionenauflagen als die populärsten Preisträger.
Seit 1996 wird das Spiel des Jahres jeweils im Juli bei einer Preisverleihung in Berlin bekanntgegeben. 2026 ging die Auszeichnung an das Wortassoziationsspiel „Dito!“ von Martin Ang, bei dem es darum geht, Gemeinsamkeiten mit den Mitspielenden zu erahnen. Die Jury lobte, dass es die Runde als Gruppe verbindet.
Essen: Rekord bei der Spielemesse Wie lebendig die Spielkultur hierzulande ist, war gerade erst in Essen zu sehen. Die Messe SPIEL, nach eigenen Angaben die weltweit größte Publikumsmesse für Brettspiele, meldete für die Messetage vom 22. bis 25. Oktober 2026 einen Rekord: 230.000 Besucherinnen und Besucher, 10.000 mehr als im Vorjahr, alle Tage ausverkauft. 997 Aussteller aus 53 Ländern zeigten 2.012 Neuheiten, erstmals in allen Hallen des Messegeländes.
Auch die Branche selbst ist zufrieden. Nach Zahlen des Spielwarenverbands DVSI und des Verbands Spieleverlage lagen die Umsätze mit Gesellschaftsspielen in Deutschland von Januar bis Mitte September 2025 um 22 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Wichtigster Treiber waren Sammelkartenspiele, doch auch ohne sie wuchs der Bereich um mehr als sechs Prozent. Hermann Hutter, Vorstandsvorsitzender von Spieleverlage, sieht vor allem in Familien- und Erwachsenenspielen einen Ausdruck der deutschen Brettspielkultur.
Ein Gedächtnis für 40.000 Spiele Dass Spiele bei uns heute als Kulturgut gelten, zeigt auch ein besonderer Ort: das Deutsche Spielearchiv in Nürnberg. Gegründet hat es 1985 in Marburg Bernward Thole – derselbe Mann, der schon beim Preis von Anfang an dabei war. Seit 2010 gehört das Archiv zu den Museen der Stadt Nürnberg. Nach Angaben der Stadt bewahrt es heute mehr als 40.000 Gesellschaftsspiele aus vier Jahrhunderten.
Warum das eine gute Nachricht ist Hinter Rekordzahlen und Preisen steckt etwas Einfaches: Menschen setzen sich zusammen an einen Tisch. Genau das wollte der Verein von Anfang an fördern – den Wert des Spielens in Familien, unter Freunden und in der Gesellschaft. Fast 50 Jahre später ist daraus eine Tradition geworden, die Generationen verbindet. Und die nächste lange November-Nacht ist eine gute Gelegenheit, sie fortzusetzen.
Themen: Spiel des Jahres, Brettspiele, Spieleabend, SPIEL Essen, Deutsche Spielkultur, Gesellschaftsspiele
Spiel des Jahres seit 1979: Warum Deutschland so gern am Brett sitzt