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Solarenergie: Wie aus einer Utopie in 50 Jahren eine globale Erfolgsgeschichte wurde
Vor 50 Jahren galt Solarenergie als Spinnerei. Heute liefert sie Rekorde – und verändert weltweit die Stromversorgung.
Von Andre ·
Solarenergie: Wie aus einer Utopie in 50 Jahren eine globale Erfolgsgeschichte wurde Ein paar Solarkollektoren, Windradmodelle und die ziemlich kühne Idee, Energie eines Tages anders zu erzeugen: Was Mitte der 1970er-Jahre noch nach Zukunftswerkstatt klang, ist heute Weltwirtschaft. Solarenergie wächst schneller als fast jede andere Stromquelle – und ihre Geschichte zeigt, wie erstaunlich schnell aus einer Nische Normalität werden kann.
Ende Mai 1976 geschieht im kleinen Sasbach am Kaiserstuhl etwas, das aus heutiger Sicht beinahe unscheinbar wirkt. Auf dem Gelände der Winzergenossenschaft werden Solarkollektoren, Windradmodelle und Ideen zum Energiesparen gezeigt. Gerade einmal zwölf Aussteller sind dabei – doch mehr als 12.000 Menschen kommen zu den „Sasbacher Sonnentagen“.
Die Veranstaltung entsteht im Umfeld der Protestbewegung gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl. Doch die Beteiligten wollen nicht nur gegen etwas sein. Sie möchten zeigen, wie eine andere Energieversorgung aussehen könnte. Solarenergie ist damals exotisch, teuer und weit davon entfernt, größere Teile eines Landes mit Strom zu versorgen.
Was damals nach Zukunftsmusik klingt, wirkt 50 Jahre später fast prophetisch.
Als Solarstrom noch etwas fürs Weltall war Die technische Geschichte beginnt noch früher. Bereits 1839 wird der photovoltaische Effekt entdeckt. Den entscheidenden Schritt zur modernen Solarzelle machen Forscher der Bell Laboratories Mitte der 1950er-Jahre: Ihre Siliziumzellen erreichen zunächst einen Wirkungsgrad von rund sechs Prozent.
Für gewöhnliche Stromversorgung sind sie viel zu teuer. Doch im Weltraum zählt weniger der Preis als die Möglichkeit, fernab jedes Kraftwerks zuverlässig Elektrizität zu erzeugen. Solarzellen werden deshalb früh zur Energiequelle für Satelliten. Anfang der 1970er-Jahre versorgen sie bereits zahlreiche Raumfahrzeuge.
Dann kommt die Ölkrise von 1973. Energie wird plötzlich zu einer Frage von Versorgungssicherheit und politischer Unabhängigkeit. Forschung an Solarzellen erhält neuen Schub – und in Orten wie Sasbach beginnen Menschen darüber nachzudenken, ob aus einer Weltraumtechnik nicht irgendwann eine Energiequelle für Hausdächer werden könnte.
Sie konnten damals kaum ahnen, wie dramatisch sich die Rechnung verändern würde.
Der vielleicht wichtigste Teil der Erfolgsgeschichte: der Preis 2010 kostete Strom aus neuen großen Photovoltaikanlagen weltweit im Durchschnitt noch rund 41,7 US-Cent pro Kilowattstunde. Bis 2024 sank dieser Wert auf etwa 4,3 Cent.
Das entspricht einem Rückgang um rund 90 Prozent innerhalb von nur 14 Jahren .
Noch eindrucksvoller ist die Entwicklung bei den Modulen selbst: Die Preise kristalliner Siliziummodule gingen zwischen 2010 und Ende 2024 nach Berechnungen der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien IRENA um rund 97 Prozent zurück. Größere Fabriken, effizientere Zellen, automatisierte Produktion, technischer Fortschritt und weltweiter Wettbewerb machten aus dem teuren Spezialprodukt eine industriell gefertigte Massenware.
Das verändert die Energieökonomie grundlegend. Neue Photovoltaik-Großanlagen gehörten 2024 weltweit zu den günstigsten Möglichkeiten, zusätzliche Stromerzeugung aufzubauen. Laut IRENA waren ihre durchschnittlichen Stromgestehungskosten rund 41 Prozent niedriger als bei der günstigsten neu gebauten fossilen Alternative.
Solarenergie setzte sich damit nicht allein durch Klimaschutzargumente durch. Sie wurde schlicht wirtschaftlich attraktiv.
2,8 Terawatt: Aus der Nische ist ein Weltmarkt geworden Der Ausbau beschleunigt sich inzwischen von Jahr zu Jahr.
Allein 2025 kamen weltweit mehr als 600 Gigawatt neue Photovoltaikleistung hinzu. Damit stieg die installierte Solarleistung nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA auf ungefähr 2,8 Terawatt .
Solar machte mehr als drei Viertel des gesamten weltweiten Zubaus erneuerbarer Kraftwerksleistung aus. 2025 war bereits das 23. Jahr in Folge, in dem der globale Ausbau erneuerbarer Energien einen neuen Rekord erreichte.
Noch wichtiger als die Zahl der Anlagen ist, was sie tatsächlich produzieren: Photovoltaik erzeugte 2025 weltweit fast 2.700 Terawattstunden Strom . Ihr Anteil an der globalen Elektrizität überschritt damit erstmals acht Prozent.
Innerhalb nur eines Jahres legte die Solarstromproduktion um rund 600 Terawattstunden zu – laut IEA der größte jährliche Zuwachs, den eine einzelne Stromquelle außerhalb außergewöhnlicher Erholungsjahre nach globalen Krisen jemals erreicht hat.
Aus einer technischen Utopie ist innerhalb eines halben Jahrhunderts eine Säule der weltweiten Stromversorgung geworden.
Deutschland zeigt, wie stark sich Normalität verändern kann Auch Deutschland liefert dafür ein anschauliches Beispiel.
Im Jahr 2000 kamen lediglich 6,3 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. 2025 waren es bereits 55,1 Prozent. Das Umweltbundesamt sieht das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000 als einen wesentlichen Motor dieser Entwicklung.
Photovoltaik erreichte 2025 eine neue Größenordnung: Rund 92 Terawattstunden Solarstrom wurden nach Daten der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik erzeugt. Damit war Photovoltaik nach der Windenergie bereits die zweitwichtigste Quelle der deutschen Stromerzeugung – vor Braunkohle und Erdgas.
Auch der Ausbau geht weiter. Ende 2025 waren in Deutschland rund 117 bis 120 Gigawatt Solarleistung installiert, abhängig von Datenstand und statistischer Abgrenzung. Allein 2025 kamen rund 16 bis 18 Gigawatt hinzu.
Und 2026 setzte sich die Entwicklung fort: Im ersten Halbjahr speisten Photovoltaikanlagen nach Fraunhofer ISE mit 43,2 Terawattstunden so viel Solarstrom wie noch nie in einem deutschen Halbjahr in das öffentliche Netz ein.
Der Solarpionier, dessen Haus zum Kraftwerk wurde Zu den Menschen, die früh zeigen wollten, dass Gebäude mehr sein können als Energieverbraucher, gehört der Freiburger Architekt Rolf Disch.
1994 errichtet er das „Heliotrop“: ein drehbares Solarhaus, dessen verglaste Seite sich je nach Jahreszeit zur Sonne oder von ihr weg bewegen kann. Photovoltaik auf dem Dach erzeugt Strom, Solarkollektoren liefern Wärme.
Das Gebäude gilt als früher Meilenstein des sogenannten Plusenergie-Konzepts: Häuser sollen über das Jahr gerechnet mehr Energie erzeugen, als ihre Bewohner verbrauchen. Später überträgt Disch das Prinzip auf die Freiburger Solarsiedlung.
Was damals experimentelle Architektur war, findet sich heute in ähnlicher Form auf Millionen Dächern: Gebäude werden selbst zu kleinen Kraftwerken.
Erfolg heißt noch nicht: Aufgabe erledigt Die Erfolgsgeschichte der Solarenergie hat allerdings eine zweite Seite.
Je größer ihr Anteil wird, desto wichtiger werden Stromnetze, Speicher und ein flexibler Verbrauch. Solarstrom entsteht schließlich nicht immer genau dann, wenn er gebraucht wird. Netzanschlüsse und Genehmigungen bremsen neue Projekte in manchen Ländern bereits stärker als die Technik selbst. Gleichzeitig müssen Lieferketten breiter aufgestellt und Rohstoffe möglichst effizient genutzt und recycelt werden.
Doch auch bei einem entscheidenden Baustein verändert sich die Wirtschaftlichkeit schnell: Die Kosten großer Batteriespeicher sanken nach IRENA zwischen 2010 und 2024 um rund 93 Prozent . Damit wird es zunehmend günstiger, Solarstrom zeitlich zu verschieben und Stromnetze flexibler zu betreiben.
Die nächste Phase der Solarrevolution besteht deshalb weniger darin, zu beweisen, dass Photovoltaik funktioniert. Das ist längst erledigt. Jetzt geht es darum, sie intelligent in ein Stromsystem einzubauen, in dem Erzeugung, Speicher, Netze, Elektroautos, Wärmepumpen und Industrie miteinander zusammenspielen.
Eine Utopie mit erstaunlich kurzer Halbwertszeit Vielleicht liegt genau darin die spannendste Erkenntnis dieser Geschichte.
1976 konnten Besucher in Sasbach einige frühe Solartechniken noch wie technische Kuriositäten bestaunen. Fünf Jahrzehnte später gehören Photovoltaikmodule zum Bild von Einfamilienhäusern, Fabriken, Parkplätzen und riesigen Kraftwerken rund um den Globus.
Und das Wachstum dürfte weitergehen. Die IEA erwartet zwischen 2025 und 2030 weltweit rund 4.600 Gigawatt zusätzliche erneuerbare Kraftwerksleistung. Fast 80 Prozent davon sollen auf Photovoltaik entfallen.
Die Solarpioniere der 1970er-Jahre haben also nicht in jedem Detail vorhergesehen, wie die Energieversorgung von heute aussehen würde.
Aber mit einer Sache lagen sie bemerkenswert richtig: Die Sonne war keine technische Spielerei. Sie war eine Energiequelle, deren Zeit erst noch kommen musste.
Solarenergie: Wie aus einer Utopie in 50 Jahren eine globale Erfolgsgeschichte wurde