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Singen verbindet: Im Chor werden Fremde schneller zur Gruppe
Wer zusammen singt, fühlt sich schneller als Gruppe: Forschende aus Großbritannien sprechen von einem Eisbrecher-Effekt des Singens. In Deutschland singen rund fünf Millionen Menschen im Chor – mit einem Schwerpunkt in der Adventszeit.
Von Madalina ·
Die Abende werden lang, draußen ist es früh dunkel – und für Chöre rückt eine besondere Zeit näher. Chorsingen ist in Deutschland das ganze Jahr zu Hause, hat laut Deutscher UNESCO-Kommission aber einen Schwerpunkt in der Adventszeit. Bis zum ersten Advent am 29. November sind es knapp vier Wochen. Ein guter Moment für die Frage: Was macht das gemeinsame Singen eigentlich mit uns?
Die kurze Antwort der Forschung: Es bringt Menschen zusammen – und zwar bemerkenswert schnell.
Der Eisbrecher-Effekt Ein Team der Universität Oxford um Eiluned Pearce, Jacques Launay und Robin Dunbar wollte genauer wissen, ob Singen etwas Besonderes ist oder ob jede gemeinsame Freizeitbeschäftigung Menschen gleich stark verbindet. Dafür begleiteten die Forschenden neu gegründete Kurse der Erwachsenenbildung sieben Monate lang: Gesangskurse auf der einen Seite, auf der anderen Kurse, in denen gebastelt oder kreativ geschrieben wurde. Vor und nach den Sitzungen gaben die Teilnehmenden an, wie verbunden sie sich mit ihrer Gruppe fühlten und wie ihre Stimmung war – gemessen im ersten, dritten und siebten Monat.
Das Ergebnis, 2015 in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science erschienen: Bei den Singenden wuchs das Gefühl der Verbundenheit schon zum ersten Messzeitpunkt deutlich stärker als in den anderen Kursen. Diese holten nach und nach auf; nach sieben Monaten fühlten sich alle Gruppen ähnlich eng verbunden. Die Autoren nennen das einen „ice-breaker effect“, einen Eisbrecher-Effekt. Ihre Vermutung: Singen könnte auch größere Gruppen von Fremden rasch zusammenbringen.
Schön daran ist auch die ehrliche Kehrseite: Gemeinsames Basteln und Schreiben verbindet ebenfalls – es dauert nur länger. Singen wirkt wie eine Abkürzung.
Auch im großen Chor wächst die Nähe Funktioniert das auch, wenn sich kaum jemand kennt? Das untersuchte ein britisches Forschungsteam, zu dem erneut Robin Dunbar gehörte, in einem Londoner Laienchor. Dessen Mitglieder probten normalerweise in kleineren Teilchören mit etwa 20 bis 80 Stimmen, kamen aber auch als großer Gesamtchor mit 232 Singenden zusammen. Vor und nach rund 90 Minuten Singen wurde gefragt, wie sehr sich die Teilnehmenden einbezogen und verbunden fühlten und wie ihre Stimmung war.
In beiden Situationen stiegen diese Werte nach dem Singen. Im großen Chor, in dem sich viele nicht kannten, wuchs das Gefühl der Verbundenheit sogar stärker – auch wenn es am Ende nicht ganz das Niveau der vertrauten kleinen Gruppen erreichte. Zusätzlich maßen die Forschenden die Schmerzschwelle mit einer Blutdruckmanschette am Arm. Sie stieg nach dem Singen in beiden Gruppen. Das gilt als indirekter Hinweis darauf, dass der Körper Endorphine ausschüttet; direkt gemessen wurden sie nicht. Die Studie erschien 2016 in der Fachzeitschrift Evolution and Human Behavior. Eine Vergleichsgruppe ohne Singen gab es dabei nicht – die Ergebnisse sind also ein Hinweis, kein Beweis.
Was Übersichtsarbeiten zum Wohlbefinden sagen Wie es um das Wohlbefinden steht, hat ein britisches Team um Norma Daykin in einer systematischen Übersichtsarbeit zusammengetragen, erschienen in der Fachzeitschrift Perspectives in Public Health. Aus mehr als 5.000 gefundenen Datensätzen werteten die Forschenden 61 aus. Regelmäßiges gemeinsames Singen gehörte zu den am häufigsten untersuchten Aktivitäten. Bei älteren Menschen fanden sie Belege dafür, dass Musik und Singen den Lebensmut stärken und das Risiko für Depressionen senken können.
Die Autorinnen und Autoren benennen aber auch Grenzen: Die Studien messen Wohlbefinden sehr unterschiedlich und sind deshalb schwer vergleichbar. Und wer in Gemeinschaftschören singt, ist überwiegend weiblich, weiß und vergleichsweise gut gebildet. Singen ist also eine schöne Quelle für gute Laune und Gemeinschaft – aber keine Therapie. Wer sich über längere Zeit niedergeschlagen fühlt, sollte ärztlichen Rat suchen.
Ein Land der Chöre In Deutschland trifft diese Freude auf eine lange Tradition. „Chormusik in deutschen Amateurchören“ steht seit 2014 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Nach Angaben der Deutschen UNESCO-Kommission gibt es hierzulande mindestens 60.000 Laienchöre. Jedes Jahr finden mehr als 300.000 Chorkonzerte vor rund 60 Millionen Zuhörenden statt. Die Wurzeln reichen rund tausend Jahre zurück ins kirchliche Umfeld. Heute spannt sich die Bandbreite von Kantoreien und Kirchenchören über Schul- und Hochschulchöre bis zu Gospel- und Jazzchören, dazu kommen Kinder-, Jugend- und Seniorenchöre.
Wie viele mitmachen, zeigt eine Studie des Deutschen Musikinformationszentrums vom April 2025: Rund 16,3 Millionen Menschen ab sechs Jahren machen in ihrer Freizeit Musik, knapp ein Drittel davon singt im Chor – das sind rund fünf Millionen. Und es werden mehr Erwachsene: Unter den Menschen ab 30 musiziert inzwischen jede und jeder Sechste, 2020 war es noch jede und jeder Achte.
Die Stimme als Eintrittskarte Vielleicht liegt darin der Charme der langen Novemberabende: Für einen Chor braucht es kein Instrument, nur die eigene Stimme und eine Gruppe, die zuhört und mitsingt. Und wer neu dazukommt, muss nach allem, was die Forschung bisher weiß, nicht lange fremdeln.
Themen: Chor, gemeinsam singen, Chorsingen, Gemeinschaft, Wohlbefinden, Laienchor, Advent, Musik
Singen verbindet: Im Chor werden Fremde schneller zur Gruppe