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Seltener Adlerrochen vor Kroatien gesichtet: Warum der Fund Forschende hoffen lässt
Ein Taucher begegnet vor Kroatien einem vom Aussterben bedrohten Adlerrochen. Gleichzeitig versammeln sich bei Triest ungewöhnlich viele Tiere. Die Beobachtungen zeigen, welche überraschenden Entwicklungen unter der Oberfläche der Adria stattfinden – und warum jetzt sorgfältige Forschung wichtiger ist als vorschnelle Euphorie.
Von Max ·
Ein lautloser Hoffnungsschimmer: Seltener Adlerrochen vor Kroatiens Küste gesichtet Es war eine Begegnung, die nur wenige Minuten dauerte – und dennoch wertvolle Hinweise über das Leben in der nördlichen Adria liefern könnte. In der flachen Valkane-Bucht bei Pula glitt Anfang Juli ein großer Rochen über den Meeresboden. Seine breiten Brustflossen bewegten sich wie Flügel durch das Wasser, während ein langer, dünner Schwanz hinter ihm herlief.
Der Taucher Klaudio Rajković beobachtete das Tier rund zehn Minuten lang. Nach seiner Schilderung maß es von einer Flossenspitze zur anderen etwa 1,5 Meter. Es hielt sich in einer Tiefe zwischen vier und zehn Metern auf und durchsuchte den Grund nach Muscheln und Krebstieren. Da der Taucher keine Kamera dabeihatte, meldete er die Begegnung anschließend dem Aquarium Pula.
Die Fachleute ordneten die Beschreibung dem Entenschnabel-Adlerrochen zu. Die Art trägt den wissenschaftlichen Namen Aetomylaeus bovinus und wird auch Bullenrochen genannt. Kennzeichnend sind der breite, an einen Entenschnabel erinnernde Kopf, die rautenförmigen Brustflossen und der außergewöhnlich lange Schwanz.
Ein Rochen, der den Meeresboden in Bewegung bringt Während der Adlerrochen nach Nahrung suchte, wurde er nach Angaben des Tauchers von etwa 40 kleineren Fischen begleitet. Sie nutzten offenbar die Gelegenheit, um kleine Tiere und andere Nahrung aufzunehmen, die der Rochen aus dem Sediment aufwirbelte.
Die Beobachtung zeigt anschaulich, wie eng die Bewohner eines Meereslebensraums miteinander verbunden sind. Wenn ein großer Bodenfresser den Sand durchwühlt, profitieren davon häufig kleinere Arten, die sonst nur schwer an verborgene Organismen gelangen würden.
Entenschnabel-Adlerrochen ernähren sich vor allem von Muscheln, Schnecken und Krebstieren. Mit kräftigen Zahnplatten können sie harte Schalen und Panzer zerbrechen. Meist suchen sie ihre Nahrung auf sandigen oder schlammigen Böden, gelegentlich bedienen sie sich jedoch auch an Muscheln, die auf künstlichen Strukturen wachsen.
Eine der seltensten Rochenarten des Mittelmeers Der eindrucksvolle Körperbau darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie verletzlich diese Tiere sind. Entenschnabel-Adlerrochen leben in warmen und gemäßigten Küstengewässern des östlichen Atlantiks und des Mittelmeers. Sie kommen unter anderem in Lagunen, Flussmündungen und auf dem Kontinentalschelf vor.
Weibliche Tiere bringen nach einer Tragzeit von ungefähr sechs bis acht Monaten meist nur drei bis sieben Jungtiere zur Welt. Die vergleichsweise geringe Fortpflanzungsrate erschwert es den Beständen, Verluste rasch auszugleichen. Besonders problematisch sind unbeabsichtigte Fänge in Schleppnetzen, Stellnetzen und anderen Fanggeräten. Hinzu kommen Veränderungen und Verluste küstennaher Lebensräume.
Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft die Art als „Critically Endangered“ ein – die höchste Gefährdungskategorie vor dem Aussterben in freier Natur. Fachleute gehen davon aus, dass der weltweite Bestand innerhalb von rund 51 Jahren um mehr als 80 Prozent zurückgegangen ist.
Mehr als 50 Tiere vor Triest Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Begegnung bei Pula. Nur wenige Tage zuvor hatten Forschende im Golf von Triest ungewöhnlich große Gruppen derselben Art beobachtet.
Zwischen Grignano und Santa Croce wurden Ansammlungen mit bis zu 50 Entenschnabel-Adlerrochen dokumentiert. Nachdem Muschelzüchter die Tiere gemeldet hatten, suchten Forschende des Meeresschutzgebiets Miramare die Küste zunächst mit einer Drohne ab. Anschließend untersuchten Taucher die Gruppen zwischen den unter Wasser hängenden Muschelreihen.
Einzelne Entenschnabel-Adlerrochen waren dort bereits in den vergangenen beiden Jahren aufgetaucht. Gruppen dieser Größenordnung hatte das Forschungsteam jedoch noch nicht registriert. Nach Einschätzung des Meeresschutzgebiets sind solche Ansammlungen nicht nur im Golf von Triest, sondern im gesamten Mittelmeer außergewöhnlich.
Warum die Tiere gerade jetzt in so großer Zahl erscheinen, ist noch offen. Sicher ist lediglich, dass sie an den Muschelanlagen reichlich Nahrung finden. Ob die Region zusätzlich der Paarung, Geburt oder Aufzucht dient, soll nun genauer erforscht werden.
Hoffnung ja – Entwarnung nein So erfreulich die Beobachtungen sind: Aus einzelnen Sichtungen lässt sich noch keine Erholung der gesamten Art ableiten. Die Tiere könnten nur vorübergehend einer besonders ergiebigen Nahrungsquelle folgen. Auch veränderte Strömungen, Temperaturen oder Wanderbewegungen kommen als Erklärung infrage.
Die Meldung aus Pula besitzt zudem eine wissenschaftliche Einschränkung: Da keine Aufnahme gemacht wurde, kann die Artbestimmung öffentlich nicht anhand eines Fotos überprüft werden. Die präzise Beschreibung des Tauchers und die zeitgleichen Beobachtungen in der Region machen die Einordnung jedoch nachvollziehbar.
Das eigentliche positive Signal liegt deshalb weniger in der Behauptung, der Rochen sei bereits „zurückgekehrt“. Entscheidend ist, dass Tiere gemeldet, Beobachtungen gesammelt und mögliche Lebensräume systematisch untersucht werden. Ohne solche Daten bleiben seltene Arten im Meer häufig unsichtbar – selbst wenn sie nur wenige Kilometer von einer Großstadt entfernt leben.
Naturschutz trifft Muschelzucht Die große Zahl der Rochen stellt die Region zugleich vor eine praktische Herausforderung. Einige Tiere fraßen erhebliche Mengen von den Muscheln, die in Küstenanlagen gezüchtet werden. Für die Betriebe können dadurch wirtschaftliche Schäden entstehen.
Das Meeresschutzgebiet Miramare hat deshalb Vertreter der Muschelzucht, Behörden und Forschungseinrichtungen zu einer gemeinsamen Lösung aufgerufen. Geplant sind ein strukturiertes Monitoring und Maßnahmen, die sowohl die bedrohten Tiere als auch die traditionelle Muschelwirtschaft berücksichtigen. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe soll untersuchen, wie Konflikte verhindert werden können, ohne Rochen oder andere geschützte Arten zu gefährden.
Gerade darin steckt eine wichtige Good News: Die Anwesenheit eines bedrohten Tieres wird nicht ausschließlich als Problem betrachtet. Wissenschaft, Küstenwirtschaft und Naturschutz suchen nach Wegen, wie beide Seiten nebeneinander bestehen können.
Die nördliche Adria rückt in den Fokus Teile der nordwestlichen Adria wurden 2023 als „Important Shark and Ray Area“ ausgewiesen. Die wissenschaftliche Einordnung verweist auf flache, produktive Gewässer, Sandböden, Seegrasflächen und wichtige Fortpflanzungsgebiete für verschiedene Hai- und Rochenarten.
Allerdings ist eine solche ISRA-Ausweisung kein automatischer gesetzlicher Schutz. Sie zeigt vielmehr, wo besondere Lebensräume liegen und wo Regierungen und Behörden Schutz- oder Fischereimaßnahmen prüfen sollten.
Die jüngsten Beobachtungen können diese Wissensgrundlage erweitern. Sollte sich herausstellen, dass Entenschnabel-Adlerrochen regelmäßig in den Golf von Triest und an die kroatische Küste kommen, könnte die Region für den Fortbestand der Art wichtiger sein als bislang angenommen.
Ein einzelner Rochen beweist noch kein Comeback. Doch jede dokumentierte Begegnung füllt eine Lücke im Wissen über eine Tierart, deren Leben noch immer weitgehend im Verborgenen stattfindet. Manchmal beginnt wirkungsvoller Artenschutz genau so: mit einem aufmerksamen Menschen, einer ungewöhnlichen Beobachtung und der Entscheidung, sie nicht für sich zu behalten.
Seltener Adlerrochen vor Kroatien gesichtet: Warum der Fund Forschende hoffen lässt