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Seit über 100 Jahren Kopfkino: Wie Hörspiele Generationen begleiten
Im Oktober 1924 lief in Frankfurt das Stück, das als erstes deutsches Hörspiel gilt – live und ohne Aufnahme. Heute hört knapp ein Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen jede Woche Hörspiele oder Hörbücher. Eine kleine Geschichte des Kopfkinos, das vom Röhrenradio bis zum Podcast mitgewandert ist.
Von Andre ·
Wenn es Anfang November schon am späten Nachmittag dunkel wird, rückt etwas Altmodisches wieder nach vorn: Licht aus, Ohren auf, und im Kopf beginnt ein Film. Hörspiele begleiten Menschen in Deutschland seit über 100 Jahren – und sie haben jeden Medienwandel überstanden, vom Mittelwellenradio über die Kassette bis zum Podcast.
Der Schriftsteller Urs Widmer hat das Prinzip einmal auf eine kurze Formel gebracht: „Hörspiel ist wie Stummfilm – nur umgekehrt.“ Die Bilder fehlen, also baut jede und jeder sie selbst. Genau darin liegt bis heute der Reiz.
Ein Zauberer legt den Sender lahm Der Anfang ist gut dokumentiert: Am 24. Oktober 1924 sendete der Frankfurter Sender „Zauberei auf dem Sender“ von Hans Flesch. Das Stück gilt als erstes deutsches Hörspiel. Die Handlung spielt mit dem neuen Medium selbst: Ein Ansager versucht vergeblich, sein Programm durchzuziehen, eine Märchentante drängt sich ans Mikrofon, Schalter versagen, Instrumente spielen von allein – angezettelt von einem Zauberer, der sich am Sender rächt, weil man ihn nicht auftreten ließ.
Gesendet wurde live. Eine Tonaufnahme gibt es nicht, erhalten ist nur das Manuskript. So ging es den frühen Hörspielen insgesamt: Sie entstanden in improvisierten Studios, liefen über Mittelwelle und waren danach verklungen. Trotzdem wuchs das neue Genre schnell – nicht nur in Frankfurt, sondern etwa auch in Hamburg, München, Köln, Leipzig, Königsberg und Stuttgart. Allein 1930 wurden nach Angaben des Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Krug rund 900 Hörspiele gesendet. Auch Bertolt Brecht und Alfred Döblin schrieben fürs Radio.
Nach dem Krieg: die Bühne im Kopf Eine zweite Blütezeit kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Theater und Kinos waren zerstört, der Rundfunk aber sendete bald wieder, wie Forschende der Universität Münster beschreiben. Autorinnen und Autoren wie Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Ilse Aichinger, Siegfried Lenz und Günter Eich schrieben Hörspiele. Eichs „Träume“ von 1951 gilt als einer der Höhepunkte dieser Jahre.
Die Technik half mit: Das neue UKW-Radio rauschte kaum noch, also konnte leiser und konzentrierter gesprochen werden. Ende der 1960er-Jahre kam mit der Stereofonie das „Neue Hörspiel“, das etwa mit chorischen Stimmen und Stereoklang arbeitete. Weil sich der Rundfunk in Westdeutschland auf mehrere Landesrundfunkanstalten verteilte, entstand eine besonders vielfältige Hörspiellandschaft – auch der DDR-Rundfunk produzierte eigene Hörspiele.
Kassettenkinder und Gute-Nacht-Rituale In den 1970er-Jahren eroberten Hörspiele das Kinderzimmer. Kommerzielle Studios brachten Detektiv- und Hexengeschichten auf Kassette, manche Reihen kamen für fünf D-Mark in die Läden. Einen eigenen Fernseher hatten Kinder damals kaum, erinnert sich die Produzentin Heikedine Körting. Die Generation dieser Kassettenkinder liebe Hörspiele „wie wohl keine andere vor ihr“, sagt sie. Viele von ihnen sind heute längst erwachsen.
Und die Begeisterung hält. Laut der KIM-Studie 2024 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest hören 53 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen zumindest selten Hörbücher oder Hörspiele, 31 Prozent mindestens einmal pro Woche. Beim Schlafengehen hört jedes fünfte Kind Hörspiele oder Podcasts. Und bei den Lieblingstiteln zeigt sich die Langlebigkeit des Genres: Reihen, die es seit Jahrzehnten gibt, stehen laut Studie bis heute auf den Spitzenplätzen.
Ein riesiges Archiv zum Stöbern Wie viele Hörspiele in Deutschland insgesamt gesendet wurden, weiß niemand genau. Christoph Buggert, langjähriger Hörspielchef des Hessischen Rundfunks, schätzte die Zahl schon 2004 auf weit über 100.000 Titel. Wer in dieser Geschichte stöbern will, findet in der ARD-Hörspieldatenbank des Deutschen Rundfunkarchivs Daten zu Produktionen von der Weimarer Republik über den DDR-Rundfunk bis heute.
Heute erscheinen viele Hörspiele zuerst als Podcast oder auf Plattformen, oft als Serie zum Durchhören. Die öffentlich-rechtlichen Sender produzieren weiter, Fans und Fachleute treffen sich etwa bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe, zuletzt im November 2025. Es gibt aber auch Druck: Die Sender müssen sparen, und der Hörspielkritiker Jochen Meißner befürchtet, dass anspruchsvolle Stücke – ähnlich wie beim Fernsehen – in die Nische rücken.
Für einen langen Herbstabend braucht es dagegen nicht viel: eine Decke, eine ruhige Ecke und eine Geschichte, die im eigenen Kopf ihre Bilder findet. Das funktioniert seit 1924 – und offenbar für jede neue Generation aufs Neue.
Themen: Hörspiele, Kopfkino, Mediengeschichte, Radio, Podcast, Kinderhörspiele, Kulturgeschichte
Seit über 100 Jahren Kopfkino: Wie Hörspiele Generationen begleiten