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Seit 26 Jahren nie leer: Die ISS und ihre Forschung mit deutscher Handschrift
Seit dem 2. November 2000 leben ohne Pause Menschen auf der Internationalen Raumstation. Deutschland prägt die Wissenschaft an Bord mit – vom allerersten Experiment bis zum Labor Columbus. Und aus einem Versuch im All entstand eine Plasmatechnik gegen Keime in chronischen Wunden.
Von Tobias ·
Heute vor 26 Jahren, am 2. November 2000, zog die erste Langzeitbesatzung in die Internationale Raumstation ISS ein: der NASA-Astronaut William Shepherd als Kommandant, dazu die Kosmonauten Yuri Gidzenko als Sojus-Kommandant und Sergei Krikalev als Bordingenieur. Ihr Auftrag für die vier Monate da oben: Lebenserhaltung und Kommunikation einrichten.
Seitdem war die Station keinen einzigen Tag unbewohnt. Besatzung folgt auf Besatzung, und die Wohngemeinschaft im Orbit geht weiter: Anfang Oktober 2026 kamen mit der Mission Crew-13 vier weitere Raumfahrende an Bord und wurden Teil der Expedition 75.
Ein Labor, das nie Feierabend macht Die ISS umrundet die Erde etwa alle 90 Minuten, also rund 16-mal am Tag, in etwa 400 Kilometern Höhe. Sie wiegt rund 420 Tonnen und bietet im Inneren laut DLR ungefähr so viel Platz wie eine Boeing 747.
Bis zum 25. Jubiläum im November 2025 hatten mindestens 290 Menschen aus 26 Ländern die Station besucht. Und vor allem wurde dort geforscht: Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) liefen auf der ISS weit mehr als 3.000 Experimente aus 108 Staaten – von Medizin über Materialforschung bis zur Astrophysik.
Deutschland ist vom ersten Experiment an dabei Die naturwissenschaftliche Forschung an Bord begann Anfang 2001 mit einem deutsch-russischen Versuch zu Plasmakristallen. Plasma ist ein elektrisch geladenes Gas; in Schwerelosigkeit ordnen sich winzige Teilchen darin zu dreidimensionalen Strukturen, die auf der Erde von der Schwerkraft platt gedrückt würden. Die erste Versuchskammer installierte Sergei Krikalev, wissenschaftlich verantwortlich war Gregor Morfill vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik. Mit über 100 Fachveröffentlichungen zählt das Experiment laut DLR zu den erfolgreichsten Forschungsprojekten auf der ISS.
Auch insgesamt ist der deutsche Anteil beachtlich. Über die Europäische Weltraumorganisation ESA ist Deutschland nach DLR-Angaben mit etwa 37 Prozent am Betrieb und mit rund 45 Prozent an der Wissenschaft beteiligt – das DLR nennt Deutschland deshalb den wichtigsten Partner der ISS in Europa. An rund 200 von etwa 500 Experimenten aus den ESA-Programmen waren Forschende aus Deutschland beteiligt (Stand 2021).
Columbus: Europas Labor, gesteuert aus Bayern Das wissenschaftliche Herzstück Europas an Bord ist das Labor Columbus, gebaut in Bremen. Im Februar 2008 brachte der deutsche ESA-Astronaut Hans Schlegel es mit der Shuttle-Mission STS-122 zur Station und absolvierte während der Mission einen fast siebenstündigen Außeneinsatz. Gesteuert wird Columbus bis heute vom Columbus-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen bei München, das das DLR betreibt – in enger Abstimmung mit der Crew und den NASA-Zentren in Houston und Huntsville.
Vier Deutsche haben bislang auf der ISS gelebt und gearbeitet. Thomas Reiter verbrachte 2006 als erster europäischer Langzeitastronaut auf der ISS knapp sechs Monate an Bord. Alexander Gerst flog 2014 und 2018 zur Station und übernahm am 3. Oktober 2018 als erster Deutscher das Kommando. Matthias Maurer forschte von November 2021 bis Mai 2022 während seiner Mission „Cosmic Kiss“ an Bord. Gerst fand für die Station eine Beschreibung, die hängen geblieben ist: die „komplexeste, wertvollste und unwahrscheinlichste Maschine“, die die Menschheit je gebaut hat.
Was die Forschung im All auf der Erde bewirkt Ein besonders anschauliches Beispiel führt zurück zu den Plasmakristallen. Aus dieser Grundlagenforschung entwickelte das Team um Morfill eine Methode, Plasma bei Raumtemperatur zu erzeugen, sogenanntes kaltes Plasma. Es reißt winzige Löcher in die Zellhüllen von Bakterien und schädigt ihr Erbgut, während menschliche Zellen laut ESA weniger leicht Schaden nehmen.
Erste klinische Studien mit chronischen Wunden wie offenen Beinen zeigten laut ESA, dass die Bakterienlast deutlich sank – das unterstützte die Heilung und linderte Schmerzen. Für ein handliches, batteriebetriebenes Gerät wurde eigens ein Unternehmen gegründet. Das DLR sieht im kalten Plasma ein wirksames Mittel gegen Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen.
Es gibt weitere Spuren auf der Erde. Messungen an der Muskulatur von Raumfahrenden fließen laut DLR in bessere Reha- und Trainingsprogramme gegen Muskel- und Knochenschwund ein. Schmelzversuche in einem Levitator an Bord sollen Gussverfahren für leichtere Bauteile in Flugzeugen und Autos verbessern. Und einige Jahre lang funkten Vögel und Fledermäuse mit Minisendern Daten über ihre Wanderungen zur ISS – Hinweise darauf, wie sich das Klima verändert. Diese Verbindung riss allerdings Anfang März 2022 ab, nachdem die deutsch-russische Zusammenarbeit wegen des Kriegs gegen die Ukraine beendet worden war.
Wie es weitergeht Ganz ewig wird die Wohngemeinschaft im All nicht bestehen. Laut NASA haben die USA, Japan, Kanada und die beteiligten ESA-Staaten den Betrieb bis 2030 zugesagt. Russland, das sich zunächst nur bis 2028 festgelegt hatte, zog im Juli 2026 nach: Roskosmos-Chef Dmitri Bakanow kündigte an, den gemeinsamen Betrieb ebenfalls bis 2030 zu verlängern. Für das Ende ist ein kontrollierter Wiedereintritt geplant: Ein eigens dafür beauftragtes Fahrzeug von SpaceX soll die Station aus der Umlaufbahn holen.
Bis dahin kreisen die Forschenden weiter, Tag für Tag, ohne Pause. 26 Jahre gelebte Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg – und eine Menge deutscher Wissenschaft, die mitfliegt.
Themen: ISS, Raumstation, Deutschland, Forschung, Weltraum, Columbus, Plasma
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