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Schokoladenhai leuchtet in der Tiefsee – Forschende entdecken den Grund dahinter
Der Schokoladenhai leuchtet blaugrün in der Tiefsee. Neue Forschung zeigt: Sein Licht könnte ihm beim Jagen helfen.
Von Max ·
Der Schokoladenhai trägt sein eigenes Licht – und nutzt es womöglich zur Jagd Mit bis zu 1,80 Metern ist der Schokoladenhai das größte bekannte leuchtende Wirbeltier. Neue Forschung zeigt nun: Sein blaugrünes Licht könnte weit mehr sein als Tarnung – möglicherweise besitzt dieser Tiefseejäger eine Art eingebauten Suchscheinwerfer.
In rund 500 Metern Tiefe ist der Tag nur noch eine Erinnerung. Ein wenig blaues Restlicht dringt von der Meeresoberfläche herab, darunter beginnt eine Welt, in der Sehen zur Herausforderung wird. Genau hier hat ein Hai eine ungewöhnliche Lösung gefunden: Er macht einfach sein eigenes Licht.
Der Schokoladenhai ( Dalatias licha ) kann Teile seines Körpers blaugrün leuchten lassen. Dass er diese bemerkenswerte Fähigkeit besitzt, wurde erst vor wenigen Jahren experimentell dokumentiert. Nun liefert eine neue Studie im Fachjournal iScience Hinweise darauf, warum ein Raubfisch überhaupt leuchtet – und die Antwort könnte mit einer erstaunlich raffinierten Jagdstrategie zu tun haben.
Ein Hai mit eingebauter Tarnbeleuchtung Was im ersten Moment denkbar unpraktisch klingt – im dunklen Meer ausgerechnet Licht zu produzieren –, ist in der Tiefsee ein bewährter Trick.
Viele Meerestiere besitzen sogenannte Photophoren, winzige Leuchtorgane. Sie erzeugen an der Körperunterseite genau so viel Licht, dass ihre Silhouette mit dem schwachen Licht verschmilzt, das von der Oberfläche nach unten fällt. Von unten gesehen verschwindet der dunkle Umriss beinahe.
Dieses Prinzip heißt Gegenbeleuchtung oder Counterillumination : Unsichtbarer werden, indem man leuchtet.
Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass auch der Schokoladenhai besonders viele Photophoren auf seiner Unterseite besitzt. Das passte grundsätzlich zur Tarnung. Nur blieb eine Frage offen: Vor wem sollte sich ein bis zu etwa 1,80 Meter langer Tiefseejäger eigentlich verstecken? Für ausgewachsene Tiere sind kaum natürliche Fressfeinde bekannt.
Acht Haie und ein ungewöhnliches Lichtmuster Für die neue Untersuchung analysierten Forschende um den Meeresbiologen Julien Claes lebende Schokoladenhaie, die während einer wissenschaftlichen Forschungsfahrt am Chatham Rise östlich von Neuseeland gefangen worden waren.
Gemessen wurden Helligkeit, Farbe und vor allem die Richtung des ausgesandten Lichts.
Das Ergebnis bestätigte zunächst die Tarnungs-Idee: Die Tiere erzeugten ein blaugrünes Licht mit einem Maximum bei ungefähr 491 Nanometern . Helligkeit und Farbe passen bemerkenswert gut zum natürlichen Restlicht in etwa 480 bis 540 Metern Tiefe . Der Bauch des Hais könnte seine Silhouette also tatsächlich verschwinden lassen.
Doch dann wurde es interessanter.
Das Licht strahlte nicht nur nach unten. Es breitete sich wesentlich stärker seitwärts aus, als man es von einem perfekten Tarnsystem erwarten würde – besonders rund um Schnauze, Unterkiefer und Brustflossen.
Genau dort, wo ein Hai etwas davon haben könnte, seine unmittelbare Umgebung zu beleuchten.
Eine biologische Taschenlampe für die Jagd? Die Forschenden vermuten deshalb, dass der Schokoladenhai seine Biolumineszenz gleich doppelt nutzen könnte.
Während das Bauchlicht seine Silhouette gegenüber Beutetieren unter ihm verschwinden lässt, könnte seitlich austretendes Licht den Meeresboden oder Tiere in seiner unmittelbaren Umgebung schwach beleuchten. Vereinfacht gesagt: Tarnkappe und Taschenlampe in einem.
Das würde gut zur Lebensweise des Tieres passen. Schokoladenhaie leben meist in mehreren hundert Metern Tiefe, häufig nahe am Meeresgrund. Zu ihrem Speiseplan gehören Fische, kleinere Haie, Krebstiere und Kopffüßer. Dabei gelten sie eher als gemächliche Schwimmer, können aber offenbar kurze schnelle Vorstöße ausführen.
Eine mögliche Strategie wäre also: unauffällig heranschleichen, die Beute erst spät sichtbar werden lassen – und dann zuschlagen.
Schon 2021 hatten Forschende genau diese Möglichkeit diskutiert. Die neue Untersuchung liefert nun erstmals detaillierte Messungen von Farbe, Intensität und Abstrahlrichtung, die diese Idee deutlich plausibler machen.
Millionen Jahre Evolution – und noch immer offene Fragen Das Leuchtsystem selbst gehört zu den faszinierendsten Details des Tieres. In seiner Haut sitzen zahllose winzige Photophoren. Darin befinden sich spezialisierte lichtproduzierende Zellen, sogenannte Photocyten.
Anders als bei vielen anderen biolumineszenten Organismen wird das Leuchten der Haie stark über Hormone gesteuert. Untersuchungen zeigen unter anderem, dass Melatonin die Lichtabgabe stimulieren kann. Wie die zugrunde liegende chemische Lichtreaktion bei Haien im Detail funktioniert, ist allerdings noch immer nicht vollständig entschlüsselt.
Und der Schokoladenhai hält noch eine weitere Überraschung bereit: Auch Teile seiner Oberseite und seiner Rückenflossen können leuchten.
Für klassische Gegenbeleuchtung wäre das ziemlich nutzlos. Ob diese Lichtpunkte Artgenossen Signale geben, Beute beeinflussen oder eine ganz andere Aufgabe erfüllen, ist bislang offen.
Was die Studie noch nicht beweist So überzeugend die neuen Messungen sind: Einen Schokoladenhai, der seinen biologischen Scheinwerfer tatsächlich bei einer Jagd in freier Wildbahn einschaltet, hat bislang niemand beobachtet.
Die Forschenden haben gezeigt, dass sein Licht physikalisch zur Tarnung passt und aufgrund seiner ungewöhnlich breiten Abstrahlung zusätzlich bei der Beutesuche helfen könnte . Der letzte Beweis müsste nun durch Unterwasseraufnahmen und Verhaltensbeobachtungen in seinem natürlichen Lebensraum erfolgen.
Gerade das macht die Geschichte wissenschaftlich besonders spannend: Aus einem vermeintlichen Kuriosum – einem leuchtenden Hai – wird Schritt für Schritt ein ausgeklügeltes biologisches Werkzeug sichtbar.
Die Tiefsee ist voller Lösungen, die wir gerade erst entdecken Der Schokoladenhai kommt im Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean sowie im Mittelmeer vor und wurde in Tiefen von wenigen Dutzend bis rund 1.800 Metern nachgewiesen; besonders häufig lebt er zwischen etwa 300 und 600 Metern.
Gleichzeitig erinnert die Forschung daran, wie wenig über viele Bewohner der Tiefsee bekannt ist. Die Art gilt als gefährdet, und neuere Untersuchungen zeigen, wie langsam sich stark befischte Populationen erholen können. Mehr über Wanderungen, Jagdverhalten und Lebensweise zu wissen, ist deshalb nicht nur faszinierend – es kann auch helfen, Schutzmaßnahmen besser auf die tatsächliche Ökologie dieser Tiere auszurichten.
Der vielleicht schönste Gedanke daran: Selbst bei einem Tier, das seit Jahrhunderten bekannt ist, kann eine einzige Forschungsfahrt noch zeigen, dass wir bislang eine ziemlich grundlegende Eigenschaft übersehen haben.
Manchmal braucht es eben ein wenig Licht, um zu erkennen, wie erstaunlich die Dunkelheit ist.
Schokoladenhai leuchtet in der Tiefsee – Forschende entdecken den Grund dahinter