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Schach, Häkeln, Zuhören: Fast 300 deutsche Bibliotheken stellen sich gegen Einsamkeit
Rund 1.200 Aktionen im ganzen November: Bibliotheken in Deutschland werden zu Treffpunkten gegen das Alleinsein.
Von Madalina ·
Wer in diesem November eine Bibliothek betritt, findet dort vielleicht mehr als einen neuen Roman: einen Schachgegner, eine Häkelrunde oder jemanden, der einfach zuhört. Seit dem 1. November läuft bundesweit der Aktionsmonat „Gemeinsam in der Bibliothek“. Fast 300 Bibliotheken machen mit, rund 1.200 Aktionen stehen bis zum 30. November auf dem Programm. Das Ziel ist schlicht und ziemlich groß zugleich: Menschen zusammenbringen und der Einsamkeit etwas entgegensetzen.
Eine Premiere zwischen Ministerium und Bibliotheksverband Hinter der Aktion stehen das Bundesfamilienministerium und der Deutsche Bibliotheksverband, die dafür erstmals zusammenarbeiten. Sie gehört zur „Allianz gegen Einsamkeit“, in der Bund, Länder, Zivilgesellschaft und Wirtschaft gemeinsam an dem Thema arbeiten.
„Einsamkeit kann alle treffen, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft“, sagt Bundesfamilienministerin Karin Prien. Das Einsamkeitsbarometer 2026, das ihr Haus im Juni vorgestellt hat, nennt junge Erwachsene von 18 bis 40 Jahren und Menschen ab 75 als besonders betroffene Altersgruppen. Bei Menschen mit Behinderungen fällt die Belastung in diesen Altersgruppen noch höher aus.
Warum ausgerechnet Bibliotheken? Der Verband beschreibt sie als „offene, sichere und konsumfreie Räume“. Anders gesagt: Hier darf man sich hinsetzen, ohne etwas bestellen zu müssen. „Denn in Bibliotheken sind alle willkommen“, sagt die Bundesvorsitzende des Verbands, Antje Theise.
Vom Zuhör-Raum bis zum Leseflashmob Was das konkret heißt, zeigt ein Blick in die Programme. Die Zentralbibliothek Düsseldorf wird zum „ZUHÖR.Raum“: Geschulte Ehrenamtliche hören dort zu, Schwerpunktthema ist Heimat. In Rostock plant die Universitätsbibliothek mit der Stadtbibliothek einen Leseflashmob vom Hauptgebäude der Universität bis zur Stadtbibliothek. Daneben geht es dort im Format „Sprechen & Zuhören“ um Einsamkeit auf dem Campus. In der baden-württembergischen Stadt Rheinau dreht sich alles ums Teilen, Tauschen und Treffen: Nachmittags von 14 bis 18 Uhr können Interessierte vorbeikommen, eine Aktionskarte soll Suchende und Findende zusammenbringen.
In München beteiligt sich die Stadtbibliothek, die über 20 Standorte hat. Dort gibt es Lesekreise, offenes Singen, Brettspielabende und Sprachcafés, dazu ein „Freundschafts-Speeddating 60+“. Direktor Arne Ackermann nennt öffentliche Bibliotheken gleich „das beste Rezept gegen die Einsamkeit“. Ein Direktor ist in dieser Frage natürlich nicht ganz neutral, das Programm spricht aber für seinen Ehrgeiz.
Auch die Stadtbücherei Münster setzt auf einfache Anlässe: Puzzletisch und Schachbretter stehen während der Öffnungszeiten bereit, an einer „Worte-Verschenk-Bar“ schreiben Besucherinnen und Besucher freundliche Worte auf Karten und hängen sie auf. Dazu kommen Termine wie der Workshop „Häkeln ist das neue Yoga“.
Ein Anfang, keine Patentlösung Ein Monat voller Puzzletische wird Einsamkeit nicht abschaffen. Die bisher genannten Zahlen zählen zudem Angebote und keine Besucher. Wie viele Menschen kommen und ob sich jemand danach weniger allein fühlt, geht aus den Ankündigungen nicht hervor. Der Reiz der Aktion liegt woanders: Sie setzt auf Orte, die es längst gibt, und will Einsamkeit zum Gesprächsthema machen. Ministerin Prien ermutigt dazu, die Angebote vor Ort zu nutzen, manchmal genüge ein erster Schritt.
So findet man ein Angebot in der Nähe Eine Aktionslandkarte auf der Website des Bibliotheksverbands zeigt die Veranstaltungen des Aktionsmonats, die Bibliotheken tragen sie dort selbst ein. Wer lieber etwas beisteuert, kann bis zum 30. November bei einer Mitmachaktion Texte, Zeichnungen oder Fotos zur Frage einsenden, wie sich Gemeinschaft anfühlt. Unter den digitalen Einsendungen werden E-Book-Reader und Büchergutscheine verlost.
Die Auftaktveranstaltung folgt am 5. November in der Humboldt-Bibliothek in Berlin: Der Autor Daniel Haas liest aus seinem Roman „Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte“ und spricht danach mit Karin Prien und Frauke Untiedt vom Bibliotheksverband. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten.
Themen: Einsamkeit, Bibliotheken, Gemeinschaft, Aktionsmonat, Soziale Kontakte, Kultur
Schach, Häkeln, Zuhören: Fast 300 deutsche Bibliotheken stellen sich gegen Einsamkeit