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„Samstags gehört Vati mir“: Der lange Weg zum freien Wochenende
Mitte der 1950er lag die Arbeitswoche in der Industrie bei 49 Stunden, der Samstag war Arbeitstag. Dann warb der DGB für die Fünftagewoche, und Branche um Branche zog nach. Für die meisten ist das Wochenende heute normal, aber längst nicht für alle.
Von Tobias ·
Heute ist Samstag. Wenn du gerade in Ruhe deinen Kaffee trinkst, statt im Betrieb zu stehen, hat das auch mit einem Plakat zu tun, das 70 Jahre alt ist. Zum Tag der Arbeit 1956 warb der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit einem Satz, den viele bis heute kennen: „Samstags gehört Vati mir“.
Was heute nach Selbstverständlichkeit klingt, war damals eine Forderung. Und bis sie in den meisten Branchen ankam, vergingen viele Jahre.
Sechs Tage, 49 Stunden 1950 arbeiteten Beschäftigte in der westdeutschen Industrie 48 Stunden, verteilt auf sechs Tage. 1955 waren es sogar 49 Stunden. Dabei gab es eine Grenze schon lange: Im November 1918 hatte eine Verordnung den Achtstundentag eingeführt. Ab 1923 ließen zahlreiche Ausnahmen aber wieder längere Arbeitszeiten zu.
1955 startete der DGB ein Aktionsprogramm für die Fünftagewoche mit achtstündigem Arbeitstag, also 40 Stunden bei vollem Lohnausgleich. „Fünf Tage sind genug“ hieß es zum 1. Mai. Ein Jahr später folgte das Vati-Plakat.
Spannend ist, was die Menschen selbst wollten. Umfragen aus den 1950er-Jahren zeigten laut Planet Wissen: Industriearbeiter hatten lieber einen freien Samstag als kürzere Arbeitstage. Und ein langes Wochenende bewerteten Befragte höher als Überstunden am Samstag, die mehr Geld gebracht hätten.
Der Slogan verrät auch etwas über seine Zeit. Er spricht vom Vater, und die Quellensammlung des Deutschen Historischen Instituts Washington liest darin ein neues westdeutsches Männerideal. Von Müttern mit eigenem Job erzählt der Satz nichts.
Kein Stichtag, sondern Branche für Branche Einen einzigen Tag, an dem der Samstag frei wurde, gab es nicht. Die Fünftagewoche kam 1959 im Steinkohlebergbau, 1960 bei den Versicherungen, 1961 bei den Banken, 1963 in der Holzverarbeitung und 1969 in der Druckindustrie.
Parallel schrumpfte die Wochenarbeitszeit in Etappen. In der Metall- und Elektroindustrie ging sie laut IG Metall 1956 von 48 auf 45 Stunden zurück und erreichte 1967 die 40 Stunden. Die Druckindustrie hatte die 40-Stunden-Woche schon 1965.
Leicht ging das nicht. Die IG Metall schrieb 1966 in ihrer Zeitung, die Arbeitgeberverbände hätten vor untragbaren Lohnkosten und Nachteilen im internationalen Wettbewerb gewarnt. Das ist die Darstellung einer Seite, eine Originalstimme der Arbeitgeber aus jener Zeit haben wir nicht gefunden. Die Gewerkschaft selbst argumentierte vor allem mit der Gesundheit, etwa mit vielen Frührenten, und schrieb: „Kürzere Arbeitszeit ist für den Arbeitnehmer ebenso wichtig wie ein höherer Lohn.“
Der Streit ging weiter: 1984 setzte die IG Metall nach sieben Wochen Streik und Aussperrung den Einstieg in die 35-Stunden-Woche durch. Seit Oktober 1995 gilt sie tariflich in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie.
Was davon heute bleibt Vollzeitbeschäftigte kamen 2025 laut IAB-Arbeitszeitrechnung auf gut 38 Stunden pro Woche. Mit den 49 Stunden von 1955 lässt sich das nur grob vergleichen, weil damals allein die Industrie gemeint war. Die Richtung ist trotzdem klar. Dazu kommen laut einem Eurofound-Vergleich, den die Arbeitgebervereinigung BDA zitiert, in Deutschland im Schnitt 30 Tage Urlaub und zehn Feiertage.
Auch je Kopf ist die Arbeitszeit gesunken: von 1.554 Stunden im Jahr 1991 auf 1.332 Stunden 2025, wobei die jüngsten Werte noch vorläufig sind. 2020 lag der Wert mit 1.314 Stunden sogar darunter.
Das heißt aber nicht einfach: mehr Freizeit für alle. Auch mehr Teilzeit und Minijobs drückten den Schnitt. Die Teilzeitquote lag 2025 nach IAB-Rechnung bei 39,9 Prozent, Minijobs eingerechnet. Das Statistische Bundesamt kommt mit einer anderen Abgrenzung auf 31,9 Prozent, und Frauen betrifft sie weit häufiger als Männer: 50,6 gegenüber 14,3 Prozent. Knapp 29 Prozent der Frauen in Teilzeit nannten 2024 die Betreuung von Kindern oder Angehörigen als Grund. Seit 2005 hat Teilzeit den Schnitt laut den IAB-Forschenden Susanne Wanger und Enzo Weber allerdings rechnerisch nicht weiter gesenkt, weil Teilzeitkräfte heute länger arbeiten als damals.
Und wer samstags arbeitet? Ganz durchgesetzt hat sich der freie Samstag übrigens nie, und das gehört zur ehrlichen Bilanz. 2023 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 17,7 Prozent der Erwerbstätigen immer oder regelmäßig samstags. Wer gelegentliche Einsätze mitzählt, kommt bei den abhängig Beschäftigten auf 25 Prozent. Im Gastgewerbe arbeiteten sogar 70 Prozent zumindest gelegentlich am Wochenende, im Handel 47 Prozent.
Regelmäßige Wochenendarbeit ist auch in der Pflege und bei der Polizei üblich. Wenn du samstags einkaufst, essen gehst oder im Krankenhaus versorgt wirst, ist das die Arbeitszeit anderer Menschen.
Und der Vati aus dem Slogan? Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung von 2021 arbeiten rund 64 Prozent der Väter mit Kindern unter 16 zumindest gelegentlich samstags, bei den Müttern sind es 49 Prozent. Für die Familie kommt es darauf an, wer die Zeiten bestimmt: Regelmäßige Wochenendarbeit geht der Studie zufolge mit mehr Konflikten zwischen Beruf und Familie einher als reine Wochentagsarbeit, vor allem bei fremdbestimmten Arbeitszeiten. Wer seine Arbeitszeit flexibel gestalten kann, erlebt dagegen keinen erhöhten Konflikt.
Auch rechtlich ist der Samstag bis heute nichts Besonderes. Im Bundesurlaubsgesetz zählt er als Werktag, denn dort gelten alle Tage außer Sonn- und gesetzlichen Feiertagen als Werktage. Frei ist er für die meisten, weil es sich so durchgesetzt hat.
Gestritten wird über Arbeitszeit weiterhin, wenn auch nicht direkt über den Samstag. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, statt der täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ermöglichen. Mitte Juni wurde ein früher Entwurf aus dem Arbeitsministerium bekannt, Stand Mitte Oktober war die Reform aber nicht beschlossen. Die BDA verspricht sich von der Wochengrenze mehr Spielraum, auch für die Aufgabenteilung in Familien. Der DGB warnt, einzelne Arbeitstage könnten dann deutlich länger werden.
Ein Tag, der ausgehandelt wurde Der Sonntag hat eine lange religiöse Tradition: Der Sozialwissenschaftler Jürgen P. Rinderspacher spricht von einem Ruhe-Aspekt, der aus dem christlichen Sonntag und dem Sabbat herrührt. Der freie Samstag ist viel jünger und wurde, wie die Jahreszahlen oben zeigen, Branche für Branche durchgesetzt.
Genau das ist die gute Nachricht hinter deinem Samstag: Das freie Wochenende ist kein Naturgesetz. Es wurde gefordert und verhandelt, und für kürzere Arbeitszeiten wurde auch gestreikt. Und wer heute trotzdem arbeitet, sorgt oft dafür, dass dein Samstag überhaupt funktioniert.
Themen: Arbeitszeit, Wochenende, Fünftagewoche, Gewerkschaften, Tarifpolitik, Zeitgeschichte, Arbeitswelt
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