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Salzwiesen als Wellenbrecher: Großversuch zeigt, wie viel Schutz das Wattenmeer-Grün bietet
Forschende setzten 306 Quadratmeter Salzwiese aus dem Wattenmeer einem Kunststurm aus – sie hielt besser als erwartet.
Von Andre ·
Wer an der Nordsee hinter dem Deich spazieren geht, kennt sie: flache, grün-graue Wiesen, die bei Flut nass werden und bei Ebbe wieder auftauchen. Salzwiesen wirken unscheinbar. Doch ein ungewöhnliches Experiment aus den Niederlanden zeigt jetzt, dass sie bei Sturm mehr leisten, als man ihnen ansieht – und dass sie dabei selbst erstaunlich robust sind.
Eine Salzwiese zieht ins Labor Echte Sturmfluten lassen sich nicht bestellen. Also holte ein Team um den Wasserbauingenieur Pim Willemsen von der Wageningen University & Research und dem Forschungsinstitut Deltares den Sturm ins Labor – oder besser: die Wiese zum Sturm. Im Herbst 2023 stachen die Forschenden im Naturschutzgebiet Peazemerlannen an der friesischen Wattenmeerküste 306 Quadratmeter Salzwiese aus. Die Blöcke wogen jeweils drei bis sechs Tonnen, samt 40 bis 70 Zentimetern Boden. Per Lastwagen ging es rund 250 Kilometer weit nach Delft, in die Delta Flume, eine der größten Wellenrinnen der Welt.
Dort musste die Wiese 21 Stunden lang Sturmwellen aushalten, die von 75 Zentimetern bis auf zwei Meter anwuchsen. Solche Bedingungen treten je nach Küste nur alle hundert bis mehrere tausend Jahre auf. Beteiligt waren neben Wageningen und Deltares unter anderem das Königlich-Niederländische Institut für Meeresforschung (NIOZ), die TU Delft, die Universität Twente, die Universität Utrecht und die Leibniz Universität Hannover. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.
Der Boden bleibt, die Halme knicken Das vielleicht überraschendste Ergebnis: Nach 21 Stunden Wellenschlag lag die Oberfläche der Wiese im Mittel nur sieben Millimeter tiefer. Die Pflanzen litten dagegen deutlich. Schon nach dem ersten Wellendurchgang war ein Drittel der oberirdischen Pflanzenmasse verloren, am Ende blieben nur noch 20 bis 25 Prozent übrig. Das dichte Wurzelgeflecht hielt den Boden trotzdem zusammen. „Die Salzwiese ist sogar stärker, als wir erwartet hatten“, sagt Willemsen (übersetzt aus dem Englischen).
Anders als Beton hat die Wiese einen weiteren Vorteil: Ihre Pflanzen können nach einem Sturm wieder nachwachsen.
Wie stark die Wellen gebremst werden Wie viel die Pflanzen zum Wellenschutz beitragen, hängt stark von der Wellenhöhe ab. Bei Wellen von 75 Zentimetern dämpfte die Vegetation die Wellen um 6 bis 22 Prozent – je nachdem, wie viele Halme noch standen. Bei zwei Meter hohen Wellen waren es höchstens 6 Prozent.
Die Forschenden übertrugen ihre Messungen anschließend mit Daten zu Sturmfluten, Küstenhöhen und Salzwiesen-Vorkommen auf Küsten weltweit. Wo die Wellen über der Wiese nicht höher als etwa einen Meter werden, bremst die Vegetation sie demnach um 10 bis 50 Prozent. Das trifft laut der Modellrechnung auf etwa ein Drittel bis die Hälfte der untersuchten Küstenlinien zu. Wo häufig höhere Wellen anrollen, liegt der Effekt bei höchstens 10 Prozent.
Das heißt auch: Bei schweren Sturmfluten ersetzt eine Salzwiese keinen Deich. Ihre Stärke liegt bei mäßigen Stürmen – und als Partner von Deichen und anderen Schutzbauten.
Wenn Natur beim Deichbau spart Genau dort kann sich das auszahlen. Die Forschenden rechnen vor, dass jeder Kilometer Deich, der dank einer vorgelagerten Salzwiese nicht um 20 Zentimeter erhöht werden muss, rund 1,4 Millionen US-Dollar spart. Grundlage ist ein mittleres Klimaszenario des Weltklimarats (RCP4.5), das bis 2100 mit einem durchschnittlichen Meeresspiegelanstieg von 49 Zentimetern rechnet.
In Friesland ist das schon Praxis. Die Wasserbehörde Wetterskip Fryslân, die den Versuch in Auftrag gegeben hatte, berichtet von Einsparungen in Millionenhöhe bei der Deichverstärkung zwischen Koehool und Lauwersmeer – weil die Salzwiesen vor dem Deich Teile der Befestigung überflüssig machten oder schlankere Bauweisen erlaubten.
Auch an der deutschen Küste ein Schatz Für Deutschland ist das eine gute Nachricht direkt vor der Haustür. Laut Nationalpark Wattenmeer wachsen in Schleswig-Holstein über 13.000 Hektar Salzwiesen vor den Deichen und auf den Halligen, in Niedersachsen rund 8.400 Hektar. Unbeweidete Salzwiesen bremsen dort den Wellengang und schonen so die Deiche. Zudem fangen sie Schlick ein: Das Vorland wächst im Mittel etwa einen Zentimeter pro Jahr – wichtig, damit die Wiesen mit dem steigenden Meeresspiegel mithalten können. Unbegrenzt ist dieses Wachstum allerdings nicht, es hängt davon ab, wie viel Sediment das Meer heranträgt.
Weltweit sind die Wiesen unter Druck: Zwischen 2000 und 2019 gingen nach einer früheren Nature-Studie rund 719 Quadratkilometer verloren. Für Victoria Mason, die als Mitautorin für das NIOZ an der Studie beteiligt war, ist deshalb klar, dass Schutz und Wiederherstellung von Salzwiesen Vorrang haben sollten – auch, um den weltweiten Rückgang der Artenvielfalt zu bremsen.
Eine Einschränkung bleibt: Der Versuch war ein einzelner, wenn auch sehr großer Laborversuch, die weltweiten Zahlen beruhen auf Hochrechnungen. Doch das Bild ist eindeutig genug, um Mut zu machen. Die flachen Wiesen am Wattenmeer sind kein Beiwerk, sondern ein lebendiger Teil des Küstenschutzes, der mitwächst und nach einem Sturm wieder nachwachsen kann.
Themen: Salzwiesen, Küstenschutz, Wattenmeer, Wellenbrecher, Klimaanpassung, Deichbau, Natur
Salzwiesen als Wellenbrecher: Großversuch zeigt, wie viel Schutz das Wattenmeer-Grün bietet