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Rund 7.900 Ehrenamtliche hören zu: 70 Jahre Telefonseelsorge in Deutschland
Seit 70 Jahren hört die Telefonseelsorge Menschen in Krisen zu – heute Tag und Nacht, anonym und kostenlos. Rund 7.900 Ehrenamtliche tragen das Angebot, 2025 zählte es über 1,3 Millionen Kontakte. Wie aus einem privaten Telefonanschluss in Berlin ein bundesweites Netz wurde.
Von Madalina ·
Die Abende sind jetzt lang, draußen ist es früh dunkel, und mit Allerseelen am 2. November denken viele Menschen an jene, die nicht mehr da sind. Gut zu wissen, dass in diesen Stunden irgendwo in Deutschland ein Telefon klingeln darf – und jemand abnimmt. Die Telefonseelsorge ist Tag und Nacht erreichbar, anonym und kostenfrei. Getragen wird sie von Tausenden Menschen, die dafür kein Geld bekommen: rund 7.900 Ehrenamtliche zählt der Dachverband TelefonSeelsorge Deutschland in seinem Jubiläumsjahr.
Denn 2026 ist ein besonderes Jahr: Vor 70 Jahren, im Oktober 1956, begann in Deutschland die Geschichte des Zuhörens am Telefon.
Angefangen hat alles mit einer privaten Telefonnummer Der Start war bescheiden. In einer Wohnung in West-Berlin-Charlottenburg machten zwei Seelsorgende des ökumenischen St.-Lukas-Ordens ihre private Telefonnummer öffentlich. Angeregt hatte sie dazu der Landespfarrer Klaus Thomas, Arzt und Theologe. Die ersten Gespräche führten drei Seelsorgende an genau diesem Anschluss. Im Mittelpunkt stand damals die Hilfe für Menschen, die nicht mehr leben wollten.
Ganz neu war die Idee nicht: In Großbritannien, Schweden und den USA gab es seit den frühen 1950er-Jahren telefonische Krisenhilfe. In London hatte 1953 ein Pfarrer damit begonnen; daraus entstanden die „Samaritans“. Berlin griff den Gedanken auf – und er wuchs schnell. Noch 1956 zog der Dienst in eigene Räume am Bahnhof Zoo, anderthalb Jahre nach dem Start arbeiteten dort bereits rund 20 Menschen mit, die meisten ehrenamtlich.
Schon früh setzten sich drei Grundsätze durch, die bis heute tragen: Anonymität, Verschwiegenheit und Offenheit für jedes Ergebnis. Wer anruft, muss seinen Namen nicht nennen und auch nicht an ein bestimmtes Ziel kommen.
Von der Suizidprävention zum Ohr für alle Sorgen Mit den Jahren hat sich das Angebot geweitet. In Berlin ging es ab 1972 nicht mehr nur um Suizidprävention, sondern auch um Konflikte und Krisen des Alltags. 1995 kamen Mail- und Chatberatung hinzu, 1997 gab es erstmals bundesweit einheitliche, kostenfreie Rufnummern. Seit 2008 gibt es zusätzlich die europaweit einheitliche Nummer 116 123.
Heute sind 104 eigenständige Telefonseelsorge-Stellen im Dachverband vernetzt, dazu 15 sogenannte Offene Türen und 8 Stellen für Gespräche von Angesicht zu Angesicht. Getragen wird die Arbeit von der evangelischen und der katholischen Kirche. Neben rund 300 hauptamtlichen Mitarbeitenden sind es vor allem die Ehrenamtlichen, die am Telefon, im Chat und per Mail da sind. 2025 zählte die Telefonseelsorge über 1,3 Millionen Kontakte.
Worüber gesprochen wird, ist so vielfältig wie das Leben: Einsamkeit hat nach Erfahrung des Leiters der Telefonseelsorge Ostbayern das ganze Jahr über einen hohen Stellenwert, dazu kommen depressive Stimmungen, Krankheit, Spannungen in Familie und Partnerschaft oder existenzielle Sorgen. Ludger Storch, Vorstand der TelefonSeelsorge Deutschland, berichtet, dass in Chats und Telefonaten immer öfter zuerst gefragt werde, ob am anderen Ende eine KI oder ein Mensch sitze. Die Telefonseelsorge stehe für „ein Beziehungsangebot, das sie in einer digitalen Welt vergebens suchen“. Ein Mensch, der zuhört – gerade in einer Welt, in der vieles digital und schnell geworden ist.
Zuhören will gelernt sein Wer am Telefon der Seelsorge sitzt, ist gut vorbereitet. Auf eine gründliche Ausbildung folgen regelmäßige Supervision und Fortbildungen. Wie das konkret aussieht, zeigt die Evangelische Telefonseelsorge Frankfurt: Dort dauert die Ausbildung etwa ein Jahr, mit einem Gruppenabend pro Woche, Wochenend- und Samstagsseminaren, Rollenspielen und einem ersten begleiteten Nachtdienst. Die Ausbildung ist kostenlos. Danach übernehmen die Ehrenamtlichen dort mindestens zwei Jahre lang etwa sieben Dienste im Quartal – fünf Tagdienste zu je fünf Stunden und zwei Nachtdienste zu je neun Stunden. Die Details unterscheiden sich von Stelle zu Stelle, das Prinzip ist überall ähnlich: Niemand bleibt mit dem Gehörten allein, die Supervision gehört fest dazu.
Bemerkenswert ist, was die Ehrenamtlichen mitbringen: unterschiedliche Lebens- und Berufserfahrungen, Geduld und die Bereitschaft, auch nachts einem fremden Menschen ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Wer anruft, bleibt anonym. Sie hören trotzdem ganz genau zu.
Wer Hilfe braucht oder helfen möchte Die Telefonseelsorge ist Tag und Nacht kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123, außerdem per Chat und Mail über telefonseelsorge.de. Wer sich in einer akuten Notlage befindet oder an Suizid denkt, kann sich jederzeit dorthin wenden; in einem medizinischen Notfall hilft der Notruf 112.
Und wer selbst zuhören möchte, kann bei der Telefonseelsorge vor Ort nach Voraussetzungen und den nächsten Ausbildungskursen fragen. Siebzig Jahre nach dem ersten Anruf in Charlottenburg ist das vielleicht die schönste Nachricht: Das Telefon klingelt noch – und es nimmt immer noch jemand ab.
Themen: Telefonseelsorge, Ehrenamt, Krisenhilfe, Zuhören, Seelsorge, Psychische Gesundheit, Jubiläum
Rund 7.900 Ehrenamtliche hören zu: 70 Jahre Telefonseelsorge in Deutschland