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Professoren für Achtjährige: Wie die Tübinger Kinder-Uni um die Welt ging
2002 holte die Universität Tübingen erstmals Kinder in den Hörsaal, und Professoren erklärten ihnen ihre Forschung. Aus der Idee zweier Lokaljournalisten ist eine Bewegung mit mehr als 200 Kinder-Unis in Europa und darüber hinaus geworden.
Von Tobias ·
Dienstagnachmittag, kurz vor 17 Uhr, Kupferbau der Universität Tübingen: In Hörsaal 25 sitzen Kinder, in der Hand einen Studierendenausweis, der gleich abgestempelt wird. Die Erwachsenen? Dürfen nur mit, wenn sie ein Kind begleiten, denn die Plätze sind für die jungen Gäste reserviert. Im Mai 2026 ging es hier etwa um die Frage, warum die Schrift entstand, im Juni darum, warum Biene nicht gleich Biene ist.
Was heute selbstverständlich wirkt, war vor gut 24 Jahren ein Experiment mit offenem Ausgang.
Eine Zeitungsidee mit Folgen Die Idee stammte aus einer Lokalredaktion. Ulla Steuernagel und Ulrich Janßen, Redakteure beim Schwäbischen Tagblatt, entwickelten sie gemeinsam mit dem damaligen Pressesprecher der Universität, Michael Seifert. Am 18. Mai 2002 rief die Zeitung den Start aus. Geplant waren acht Vorlesungen im Juni und Juli, immer dienstags.
Die erste hielt der Geowissenschaftler Gregor Markl, Thema: Warum spucken Vulkane Feuer? Laut einem Zeitungsbericht von 2005 hatte man mit etwa 250 Kindern gerechnet, gekommen sind rund 400. Über den ganzen ersten Sommer zählte die Universität mehr als 5.000 Kinder.
Das Rezept war einfach und ist es bis heute: Forschende, meist Professorinnen und Professoren, erklären in rund 45 Minuten eine Warum-Frage aus ihrem Fach, ohne Fachchinesisch. Die Vorlesungen sind kostenlos, weil die Lehrenden auf ein Honorar verzichten. Wer vier Stempel im Ausweis sammelt, bekommt ein Kinder-Uni-Diplom. Eine Anmeldung braucht es in Tübingen nicht.
Fast gleichzeitig in Innsbruck Ganz allein waren die Tübinger nicht. In Innsbruck entstand die Junge Uni nach Angaben der dortigen Universität bereits im September 2001, angestoßen vom damaligen Rektor Hans Moser und dem Innsbrucker Bildungsstadtrat Lothar Müller, zum zehnten Jahrestag des Ötzi-Funds. Die Universität Tübingen schreibt selbst, die Innsbrucker Kinder-Uni sei zeitgleich entstanden. Wer genau die erste war, ist also weniger wichtig als das, was danach passierte.
Von Tübingen in die Welt Die Idee verbreitete sich schnell. Ein Bericht im Gießener Anzeiger zählte schon 2005 ähnliche Angebote in rund 70 Städten. Die Universität Trier etwa ist seit 2004 dabei; dort kommen nach eigenen Angaben jedes Sommersemester rund 1.200 Kinder und Jugendliche aus der Region, dem Saarland und Luxemburg. Wie viele Kinder-Unis es in Deutschland insgesamt gibt, weiß übrigens niemand genau, das räumt die Trierer Uni offen ein.
Auch im Ausland griffen Hochschulen das Format auf, unter anderem in Österreich, der Schweiz, Italien, der Slowakei, England und Kolumbien. Die Kinderuni Wien, gegründet 2003, gehört zu den größten im deutschsprachigen Raum.
Auch Preise folgten: 2005 erhielt die Tübinger Kinder-Uni den Descartes-Preis der Europäischen Kommission in der Kategorie Wissenschaftskommunikation. Die beiden Ideengeber Steuernagel und Janßen wurden 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Ihre Kinder-Uni-Bücher wurden zu Bestsellern und in 13 Sprachen übersetzt.
Ein Netzwerk für neugierige Kinder Von 2008 bis 2010 förderte die EU das Projekt EUCU.NET, ein europäisches Netzwerk der Kinder-Universitäten. Den Kern bildeten zum Start die Kinder-Unis in Wien, Tübingen, Basel, Straßburg und Bratislava; das Budget lag bei 550.000 Euro für zwei Jahre. Das Netzwerk besteht weiter, mit Geschäftsstelle im Kinderbüro der Universität Wien. Jedes Jahr am 11. April lädt es zum Internationalen Tag der Kinder-Universitäten ein.
Wie groß die Bewegung heute ist, lässt sich nur ungefähr sagen. Die Universität Tübingen spricht von mehr als 200 Kinder-Uni-Angeboten in Europa und darüber hinaus, an anderer Stelle von etwa 360 in 41 Ländern. Wie viele Kinder insgesamt erreicht wurden, wird nur geschätzt: nach Tübinger Angaben weit mehr als eine Million.
Was bleibt Ob aus kleinen Hörsaalgästen später häufiger Forscherinnen und Forscher werden, ist schwer zu messen. Belastbare Langzeitstudien dazu haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden. Und nicht jedes Kind kommt von allein in einen Hörsaal: In Österreich setzt das Wissenschaftsministerium bei der Förderung von Kinder-Unis deshalb ausdrücklich auf Inklusion und will auch Kinder aus bildungsfernen Familien und mit Migrationshintergrund erreichen.
Sicher ist: Die Tübinger Kinder-Uni hat gezeigt, dass Wissenschaft und Kinder gut zusammenpassen, wenn man sie lässt. Aus acht Vorlesungen im Sommer 2002 ist ein Format geworden, das bis heute läuft, inzwischen ergänzt um einen Forschungstag in Laboren und eine Kinder-Uni auf dem Land. Und jedes Jahr stellen dort wieder Forschende ihre Warum-Fragen, vor einem Hörsaal voller Kinder.
Themen: Kinder-Uni, Tübingen, Wissenschaftskommunikation, Kinderbildung, Universität, Bildung, Erfolgsgeschichte
Professoren für Achtjährige: Wie die Tübinger Kinder-Uni um die Welt ging