Wissenschaft | Geschichte | Forschung
Neuer Ozean in Afrika: So driftet der Kontinent auseinander
Im Osten Afrikas lässt sich beobachten, wie ein Kontinent auseinanderbricht. Neue Forschung erklärt die Kräfte darunter – und zeigt, welche Chancen schon heute entstehen.
Von Andre ·
Wie unter Afrika ein neuer Ozean entsteht – in extremer Zeitlupe Es klingt wie eine Nachricht aus ferner Zukunft: Mitten durch Afrika könnte eines Tages ein neuer Ozean verlaufen. Die Aussage ist wissenschaftlich durchaus begründet – allerdings läuft der Prozess nicht innerhalb weniger Jahre oder Jahrhunderte ab, sondern in geologischer Zeitlupe.
Besonders deutlich wird das in der Afar-Senke im Nordosten Äthiopiens. Dort treffen drei tektonische Bruchzonen aufeinander: der Graben des Roten Meeres, der Golf von Aden und der Äthiopische Graben. Geologinnen und Geologen bezeichnen diesen ungewöhnlichen Knotenpunkt als Afar-Dreifachstelle. Er gehört zu den wenigen Orten der Erde, an denen sich die Entstehung eines möglichen Ozeanbeckens an Land untersuchen lässt.
Ein mehr als 3.000 Kilometer langer Riss Die Afar-Senke bildet den nördlichen Ausgangspunkt des Ostafrikanischen Grabensystems. Dieses erstreckt sich über mehr als 3.000 Kilometer bis in den Westen Mosambiks und teilt sich weiter südlich in einen östlichen und einen westlichen Ast. Seine Entwicklung begann vor ungefähr 25 Millionen Jahren.
Unter der Region bewegt sich heißes Material aus dem Erdmantel nach oben. Gleichzeitig ziehen tektonische Kräfte die Erdkruste auseinander. Dadurch wird sie gedehnt und dünner, bis sich Brüche und abgesunkene Becken bilden. Aufsteigendes Magma kann in diese Spalten eindringen und die Platten zusätzlich voneinander wegdrücken.
Im Norden treffen dabei die Nubische, die Somalische und die Arabische Platte aufeinander. Die Geschwindigkeiten unterscheiden sich erheblich: Im Äthiopischen Graben bewegen sich die Platten ungefähr drei bis fünf Millimeter pro Jahr auseinander. In Teilen der Afar-Region, die zum Roten Meer und zum Golf von Aden gehören, werden dagegen etwa 16 bis 20 Millimeter pro Jahr gemessen. Eine einzige Geschwindigkeit für den gesamten Graben gibt es deshalb nicht.
Als sich die Erde innerhalb weniger Wochen öffnete Wie ruckartig die ansonsten langsame Entwicklung verlaufen kann, zeigte sich im September 2005. Damals drang Magma unter der Afar-Wüste in einen langen unterirdischen Spalt ein. Innerhalb von etwa drei Wochen wurde die Erdkruste entlang eines rund 60 Kilometer langen Abschnitts auseinandergezogen. Die Öffnung erreichte stellenweise ungefähr acht Meter.
Das war jedoch kein jährlicher Fortschritt von acht Metern. Ein großer Teil der über lange Zeit aufgebauten Spannung wurde während eines einzelnen magmatischen Ereignisses freigesetzt. Satellitenaufnahmen der Europäischen Weltraumorganisation ESA ermöglichten es erstmals, einen solchen Vorgang nahezu vollständig aus dem All zu vermessen.
Neue Forschung zeigt Bewegung tief im Erdmantel Eine 2025 in „Nature Geoscience“ veröffentlichte Studie liefert neue Hinweise darauf, was unter Afar geschieht. Das internationale Forschungsteam untersuchte mehr als 130 Proben junger vulkanischer Gesteine aus den drei Grabenarmen.
Die chemischen Unterschiede deuten demnach auf einen gemeinsamen, aber ungleichmäßig aufgebauten Aufstrom heißen Mantelmaterials hin. Die Forschenden interpretieren bestimmte chemische Muster als Hinweise auf pulsartige Aufstiegsphasen. Wie das Material strömt und wo besonders viel Magma entsteht, hängt offenbar auch davon ab, wie dick die darüberliegende Platte ist und wie schnell sie auseinandergezogen wird.
Der Erdmantel drückt den Kontinent also nicht einfach wie ein Keil auseinander. Vielmehr beeinflussen sich die Bewegungen in der Tiefe und die tektonischen Platten an der Oberfläche gegenseitig. Dieses Wissen hilft, vulkanische Aktivität und Erdbeben in der Region genauer zu verstehen.
Wann wird daraus wirklich ein Ozean? Sollte die Dehnung über lange Zeit weitergehen, wird die kontinentale Erdkruste immer dünner. Schließlich könnte entlang des Grabens neue basaltische Ozeankruste entstehen. Sinkt das Gebiet weit genug ab, könnten Wasser aus dem Roten Meer oder dem Golf von Aden in die Senken vordringen. Aus einem Graben würde zunächst ein schmales Meer und später möglicherweise ein eigenständiges Ozeanbecken mit einem mittelozeanischen Rücken.
Wann und an welcher Stelle das geschieht, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Je nach Region und zugrunde gelegtem Modell ist von mehreren Millionen bis zu mehreren zehn Millionen Jahren die Rede. Auch kann ein Graben seine Entwicklung verändern oder teilweise zum Stillstand kommen. Die Form des künftigen Ozeans steht daher keineswegs fest.
Nicht jeder spektakuläre Erdriss ist zudem ein sichtbares Stück der Kontinentteilung. Eine 2018 in Kenia bekannt gewordene Spalte wurde nach starken Regenfällen freigelegt. Fachleute gehen davon aus, dass Wasser lockeres Material aus einer bereits vorhandenen Bruch- oder Erosionszone ausgespült hatte. Sie war kein Beleg dafür, dass Afrika plötzlich auseinandergerissen wurde.
Die Energie des Grabens wird schon heute genutzt Die tektonische Aktivität bringt nicht nur Naturgefahren mit sich. Sie eröffnet der Region auch Zugang zu großen Mengen geothermischer Energie. Weil heißes Gestein und teilweise Magma vergleichsweise nah an die Erdoberfläche gelangen, kann Erdwärme zur Stromerzeugung sowie zum Heizen, Trocknen landwirtschaftlicher Produkte oder für industrielle Prozesse genutzt werden.
Kenia zeigt bereits, welches Potenzial darin steckt: 2023 stammten dort rund 47 Prozent der erzeugten Elektrizität aus Geothermie. Insgesamt wurden fast 90 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen. Damit ist die geologische Besonderheit des Ostafrikanischen Grabens längst nicht mehr nur ein Forschungsgegenstand, sondern ein wichtiger Bestandteil einer klimafreundlicheren Energieversorgung.
Der neue Ozean bleibt also ein Ereignis der fernen Zukunft. Doch die Erkenntnisse aus seiner Entstehung helfen schon heute: bei der Überwachung von Vulkanen und Erdbeben, beim Verständnis unseres Planeten und beim Ausbau erneuerbarer Energie.