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Neuer ICE L fährt nach Sylt und ins Allgäu – ohne Stufen in den Urlaub
Mit Kinderwagen, Rollstuhl, Rollator oder Fahrrad ohne mühsames Heben in den Fernzug einsteigen: Der neue ICE L bringt erstmals einen weitgehend stufenlosen ICE-Komfort auf beliebte Urlaubsstrecken nach Sylt und Oberstdorf. Der Zug zeigt, wie Bahnreisen für mehr Menschen einfacher werden können – auch wenn auf dem Weg zur vollständigen Barrierefreiheit noch Lücken bleiben.
Von Max ·
Ohne Stufen ans Meer und in die Berge: Der neue ICE L erreicht Sylt und das Allgäu Die Reise beginnt nicht erst am Urlaubsort. Sie beginnt am Bahnsteig – und dort bislang häufig mit einer Stufe, einer schmalen Tür oder der Frage, ob beim Einstieg rechtzeitig Hilfe verfügbar ist. Für Menschen im Rollstuhl, Eltern mit Kinderwagen, ältere Reisende, Fahrgäste mit schwerem Gepäck oder Fahrrädern kann schon dieser erste Moment darüber entscheiden, ob eine Zugfahrt entspannt oder anstrengend wird.
Der neue ICE L soll genau das verändern. Seit dem 1. Mai 2026 fährt die jüngste ICE-Generation regulär zwischen Hamburg und Westerland auf Sylt. Seit Mitte Juni besteht auch wieder eine direkte Verbindung zwischen Berlin und der Nordseeinsel. Am 11. Juli kamen weitere Verbindungen von Frankfurt am Main über Gießen sowie von Köln über Münster nach Westerland hinzu. Gleichzeitig startete der ICE L auf der touristisch wichtigen Direktverbindung zwischen Nordrhein-Westfalen und Oberstdorf im Allgäu.
Damit erreicht der neue Zug nun zwei Regionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: das Wattenmeer im Norden und die Alpenlandschaft im Süden. Gemeinsam ist ihnen, dass viele Urlauber mit Kindern, Fahrrädern, Sportausrüstung oder umfangreichem Gepäck anreisen. Gerade auf solchen Strecken kann ein leichter Einstieg einen spürbaren Unterschied machen.
Ein ICE, bei dem das „L“ für einen grundlegenden Wandel steht Das „L“ im Namen bedeutet „Low Floor“, also Niederflur. Der Fußboden des Zuges liegt so tief, dass Reisende an 76 Zentimeter hohen Bahnsteigen ohne Stufen einsteigen können. Anders als bei bisherigen ICE-Baureihen muss dabei keine Treppe im Eingangsbereich überwunden werden.
Davon profitieren nicht allein Menschen mit sichtbaren körperlichen Einschränkungen. Auch ein Rollkoffer, ein Kinderwagen oder ein schwer beladenes Fahrrad lässt sich deutlich leichter in den Zug bewegen. Breitere Türen, drei Rollstuhlplätze und elektrisch höhenverstellbare Tische an diesen Plätzen ergänzen das Konzept. Taktile Orientierungselemente und Beschriftungen in Brailleschrift sollen außerdem Menschen mit Sehbehinderungen die selbstständige Nutzung erleichtern.
Der ICE L macht damit einen wichtigen Perspektivwechsel sichtbar: Barrierefreiheit wird nicht erst nachträglich durch mobile Rampen oder zusätzliche Hilfsmittel hergestellt, sondern bereits bei der Konstruktion des Zuges berücksichtigt.
Familien bekommen so viel Platz wie in keinem anderen ICE Auch Familien standen bei der Entwicklung im Mittelpunkt. Der Zug besitzt einen Familienbereich mit 46 Sitzplätzen – den größten innerhalb der bisherigen ICE-Flotte. Hinzu kommen neun Plätze in einem eigenen Kleinkindabteil.
Das ist mehr als ein Komfortdetail. Wer schon einmal mit kleinen Kindern mehrere Stunden im Fernzug unterwegs war, weiß, wie wichtig kurze Wege, ausreichend Platz und eine Umgebung sind, in der Kinder nicht ständig stillsitzen müssen. Ein klar abgegrenzter Familienbereich kann zugleich dazu beitragen, unterschiedliche Bedürfnisse im Zug besser miteinander zu vereinbaren.
Für Fahrräder stehen acht Stellplätze bereit. Gerade auf Ferienverbindungen nach Nordfriesland und ins Allgäu können Reisende ihre Bahnfahrt dadurch leichter mit Radtouren vor Ort verbinden. Eine Reservierung bleibt wegen der begrenzten Zahl der Fahrradplätze allerdings wichtig.
Ein Zug für Strecken, auf denen andere ICE nicht fahren können Technisch unterscheidet sich der ICE L deutlich von den meisten bekannten ICE-Zügen. Er ist kein fest zusammengebauter Triebzug mit eigenem Antrieb, sondern besteht aus einer Lokomotive und 17 vergleichsweise kurzen Wagen. Insgesamt ist die Einheit 256 Meter lang und für eine Höchstgeschwindigkeit von 230 Kilometern pro Stunde ausgelegt. 562 Sitzplätze stehen zur Verfügung, davon 85 in der ersten und 477 in der zweiten Klasse.
Diese Bauweise bringt einen entscheidenden Vorteil: Der Zug kann mit unterschiedlichen Lokomotiven kombiniert werden. Zweikraftlokomotiven können unter einer Oberleitung elektrisch fahren und auf nicht elektrifizierten Streckenabschnitten auf einen Dieselantrieb umschalten. Das ist für die Verbindungen nach Sylt und Oberstdorf besonders relevant, weil Teile der Strecken nicht elektrifiziert sind. So kann moderner Fernverkehrskomfort auch Ziele erreichen, zu denen klassische elektrische ICE-Triebzüge nicht ohne Weiteres durchfahren könnten.
Für Reisende bedeutet das im besten Fall: weniger Umstiege, weniger Rangieren und eine durchgehende Verbindung bis in die Urlaubsregion.
Mehr Empfang, neue Sitze und ein vollwertiges Restaurant Auch im Innenraum soll der ICE L einige Schwächen älterer Fernzüge vermeiden. Seine Fensterscheiben sind so konstruiert, dass Mobilfunksignale leichter in den Wagen gelangen. Das soll stabilere Telefonate und bessere mobile Datenverbindungen ermöglichen, ohne dass das Signal ausschließlich über technische Verstärker im Zug geleitet werden muss.
Die 562 neu entwickelten Sitze wurden nach Angaben der Bahn unter Beteiligung von mehr als 1.600 Testpersonen erprobt. An jedem Platz gibt es eine Steckdose; Reihensitze verfügen zusätzlich über Klapptische und Halterungen für Tablets. Farbige LED-Anzeigen sollen schneller erkennen lassen, welche Plätze reserviert oder noch frei sind. WLAN und Bordgastronomie gehören ebenfalls zur Ausstattung.
Kürzere Einzelwagen, eine tageszeitabhängige Beleuchtung und mehr Gepäckflächen sollen den Innenraum ruhiger und wohnlicher wirken lassen. Damit richtet sich der ICE L nicht nur an Geschäftsreisende auf schnellen Verbindungen, sondern ausdrücklich auch an Menschen, die mehrere Stunden mit Familie, Urlaubsausrüstung oder Fahrrad unterwegs sind.
Sylt wird erstmals regulär mit ICE-Zügen erreicht Auf Sylt markiert der neue Zug eine kleine Verkehrswende. Seit dem 1. Mai verkehren zwei ICE-L-Zugpaare zwischen Hamburg und Westerland. Seit dem 14. Juni fährt der Zug auch direkt zwischen Berlin und der Insel. Weitere Direktverbindungen aus Hessen und Nordrhein-Westfalen sind am 11. Juli hinzugekommen.
Der erste auf Sylt getaufte ICE L trägt den Namen „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“. Damit verbindet die Bahn den neuen Zug symbolisch mit einem der empfindlichsten Naturräume Europas. Der Nationalpark gehört bereits seit 2001 zur Kooperation „Fahrtziel Natur“, die eine umweltverträglichere Anreise in Schutzgebiete fördern soll.
Das ersetzt keinen konsequenten Natur- und Klimaschutz. Es schafft aber eine wichtige Voraussetzung: Menschen können attraktive Urlaubsregionen besuchen, ohne für die gesamte Anreise auf das eigene Auto angewiesen zu sein.
Neue Direktverbindung für Oberstdorf Auch das Allgäu profitiert. Ein ICE-L-Zugpaar verbindet Oberstdorf nun direkt mit Nordrhein-Westfalen. Die Verbindung führt unter anderem über Stuttgart und ersetzt ältere Intercity-Wagen, die das Ende ihrer regulären Nutzungsdauer erreicht hatten.
Für Oberstdorf ist die durchgehende Fernverkehrsverbindung besonders wertvoll. Der Ort ist Ausgangspunkt für Wanderungen, Wintersport und Naturreisen. Eine umsteigefreie Verbindung erleichtert die Anreise vor allem Reisenden mit Gepäck, Kindern oder eingeschränkter Mobilität.
Die Umstellung zeigt allerdings auch, dass moderne Fahrzeuge allein nicht alle Probleme lösen. Wegen zu niedriger Bahnsteige können die bisherigen Halte in Göppingen und Plochingen mit diesem Zugpaar nicht mehr bedient werden. Hinzu kommen im Fahrplanjahr 2026 baustellenbedingt rund 30 Minuten längere Fahrzeiten zwischen Heidelberg und Ulm.
Wie barrierefrei ist der ICE L tatsächlich? Der neue Zug ist ein großer Fortschritt – aber nicht automatisch an jedem Bahnhof vollständig barrierefrei. Der niveaugleiche Einstieg funktioniert dort, wo die Bahnsteige 76 Zentimeter hoch sind. An niedrigeren oder anders gebauten Bahnsteigen können weiterhin Rampen, Hublifte oder Unterstützung durch das Personal notwendig sein.
Der ökologische Verkehrsclub VCD begrüßt den Zug deshalb als wichtigen Schritt, betont aber zugleich, dass Fahrzeug und Bahnhof zusammenpassen müssen. Solange Aufzüge fehlen, Bahnsteige zu niedrig sind oder der Weg zum Gleis Stufen enthält, bleibt die Reisekette für manche Menschen unterbrochen.
Der ICE L macht diese Herausforderung besonders sichtbar: Ein barrierefreier Zug kann sein Potenzial nur dann vollständig entfalten, wenn auch Bahnhöfe und Bahnsteige entsprechend modernisiert werden.
Ein neuer Standard, der sich ausbreiten könnte Die Bahn hat nach eigenen Angaben insgesamt 79 ICE-L-Züge bestellt. Perspektivisch sollen sie auch auf internationalen Verbindungen nach Amsterdam, Kopenhagen und Wien eingesetzt werden, sobald die technischen und betrieblichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Entscheidend ist dabei weniger, ob der ICE L der schnellste Zug im Netz ist. Seine Stärke liegt an anderer Stelle: Er bringt modernen Fernverkehr auf konventionelle und teilweise nicht elektrifizierte Strecken – und macht den Einstieg für wesentlich mehr Menschen einfacher.
Die Fahrten nach Sylt und Oberstdorf sind deshalb mehr als eine Erweiterung des Fahrplans. Sie zeigen, wie eine Bahn aussehen kann, die unterschiedliche Lebenssituationen von Anfang an mitdenkt. Eine Bahn, bei der ein Rollstuhl, ein Kinderwagen oder ein Fahrrad nicht als Sonderfall behandelt wird, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Reisens.
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