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Mitraten, mitfiebern, aufatmen: Warum uns Krimis an langen Abenden fesseln
Ungefähr ein Viertel des Belletristik-Umsatzes entfällt laut Branchenmagazin Börsenblatt seit Jahren auf Krimis und Thriller. Buchhändler und Forschende erklären den Reiz: Wir rätseln mit, erleben Kontrollverlust mit sicherem Abschluss – und machen den Krimiabend gern zum Ritual.
Von Madalina ·
Draußen wird es früh dunkel, drinnen liegt eine Decke auf dem Sofa, und irgendwo wartet ein ungelöster Fall. Für viele gehört ein Krimi zu den langen Abenden im Spätherbst einfach dazu – ob als Buch auf dem Nachttisch oder im Fernsehen. Ob das Genre im November tatsächlich mehr Menschen erreicht als im Sommer, lässt sich mit den verfügbaren Zahlen nicht belegen. Dass Krimis in Deutschland ein großes Publikum haben, dagegen schon.
Ein Dauerbrenner im Bücherregal Belletristik ist die größte Warengruppe auf dem deutschen Buchmarkt: 2025 entfielen nach Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 38,1 Prozent des Umsatzes auf sie. Innerhalb dieser Gruppe spielt die Spannung eine große Rolle. Laut Börsenblatt, dem Fachmagazin der Branche, liegt der Anteil von Krimis und Thrillern seit Jahren mit kleinen Schwankungen bei ungefähr einem Viertel des Belletristik-Umsatzes. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) berichtete unter Berufung auf den Börsenverein zudem für 2024 von einem Umsatzanteil des Bereichs Spannung von 21,5 Prozent – mit steigender Tendenz.
Was Leserinnen und Leser sich wünschen, hat der Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, das Syndikat, auf der Leipziger Buchmesse abgefragt: glaubwürdige Geschichten, gern regional verortet. Blut muss dagegen nicht in Strömen fließen.
Rätseln statt berieseln lassen Ein Grund für die Treue zum Genre: Krimis machen uns zu Mitspielern. Die Berliner Krimibuchhändlerin Cornelia Hüppe, Jurymitglied des Deutschen Krimipreises, beschreibt das Krimilesen gegenüber der KNA als aktive Tätigkeit – wir überlegen ständig, wer es war und warum. Gleichzeitig, sagt sie, lasse es sich dabei gut entspannen. Ihr Berliner Kollege Christian Koch, ebenfalls Krimibuchhändler und Jurymitglied, glaubt, dass das ewige „Gut gegen Böse“ wohl nie seinen Reiz verliert.
Kontrollverlust mit sicherem Ende Warum aber genießen wir Geschichten über Verbrechen? Die Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher vom Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich hat darauf 2018 im Schweizer Radio und Fernsehen SRF eine Antwort gegeben: „Beim Lesen eines Krimis wird das Verlieren der Kontrolle zum Genuss.“ Krimis erlaubten uns, Urängste gewissermaßen probeweise zu erleben. Genießen können wir das laut Lötscher nur, weil die Geschichte am Ende zu einem Abschluss kommt.
Darin liegt vielleicht das Wohltuende am Krimiabend: Für die Dauer eines Buchs oder eines Films gerät die Welt aus den Fugen – und meist wird sie bis zur letzten Seite wieder sortiert. Lötscher weist allerdings auch darauf hin, dass Krimis die Vorstellung infrage stellen, die Welt lasse sich vollständig verstehen und kontrollieren. Der Krimi ist also nicht bloß Beruhigung, sondern auch ein Spiel mit der Unsicherheit.
Spannend, obwohl wir es ahnen Erstaunlich ist, dass Geschichten auch dann fesseln können, wenn wir das Muster längst kennen oder den Ausgang ahnen. In der Forschung heißt dieses Rätsel „Spannungsparadox“: Spannung entsteht eigentlich aus Ungewissheit – trotzdem schauen Menschen spannende Filme immer wieder und fiebern mit. Der Forscher Richard Gerrig prägte dafür den Begriff „anomalous suspense“, also eine Art widersprüchliche Spannung.
Ein Forschungsteam des Korea Advanced Institute of Science and Technology hat das 2020 in einer kleinen Studie mit 50 Studierenden untersucht. Die Teilnehmenden sahen Ausschnitte aus dem Film „Lola rennt“, in denen sich eine Handlung mehrfach wiederholt, jeweils mit anderem Ausgang, und gaben an, wie gespannt sie waren; zusätzlich wurden körperliche Reaktionen gemessen. Ergebnis: Die empfundene Spannung sank mit jeder Wiederholung, verschwand aber nicht ganz. Das Vergnügen dagegen veränderte sich nicht signifikant. Die Autoren betonen selbst, dass ihr Befund das Paradox nicht vollständig erklärt. Er passt aber zu einer Erfahrung, die viele kennen: Ein Fall muss nicht völlig überraschen, um Freude zu machen.
Der Krimi als Wochenritual Krimis werden nicht nur allein gelesen, sondern auch gemeinsam geschaut. Wie sehr das Fernsehkrimis zu einem festen Termin machen kann, hat die empirische Kulturwissenschaftlerin Christine Hämmerling von der Universität Zürich am Beispiel des „Tatort“ untersucht, über dessen Publikum sie promoviert hat. Ein Schlüsselwort ist für sie „Ritual“: Der Sonntagskrimi strukturiere das Wochenende und setze zugleich dessen Schlusspunkt, berichtete die Schwäbische Zeitung 2020. Im Schnitt saßen damals laut der Zeitung rund neun Millionen Menschen vor dem Fernseher. Der Germanist Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie spricht mit Blick auf dieses gleichzeitige Schauen von einer „imaginären Gemeinschaft“. Und am nächsten Tag wird in der Schule, im Büro oder mit den Nachbarn über den Fall geredet.
Auch Buchreihen schaffen solche Verbindungen. Serien binden die Kundschaft, sagt Buchhändlerin Hüppe, und es mache Freude, Figuren über lange Zeit zu begleiten.
Ein Fall für lange Abende Wer den Krimiabend zum eigenen kleinen Ritual machen will, braucht nicht viel: einen Fall, etwas Zeit und am besten jemanden zum Mitraten. Und wer noch einen Anlass sucht, kann sich schon den 8. Dezember vormerken – dann ist Krimitag im deutschsprachigen Raum. Das Syndikat erinnert damit an den Schweizer Autor Friedrich Glauser, nach dem auch ein deutschsprachiger Krimipreis benannt ist.
Themen: Krimi, Spannung, Belletristik, Lesevergnügen, Ritual, Psychologie, Unterhaltung
Mitraten, mitfiebern, aufatmen: Warum uns Krimis an langen Abenden fesseln