Gesundheit | Ernährung | Medizin
Mehr Zeit in der Praxis: Wie Physician Assistants Ärztinnen und Ärzte entlasten
Ein Modellprojekt in Nordrhein zeigt: Akademisch ausgebildete Arztassistenzen bringen Luft in volle Praxen. Noch ist es ein Zwischenstand.
Von Ulrike ·
In Nordrhein sind mehr als 400 Hausarztsitze unbesetzt, und bis 2034 wird mehr als ein Drittel der heute tätigen Hausärztinnen und Hausärzte aus dem Beruf ausscheiden. So rechnet es die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) vor. Wer da nur auf neue Ärztinnen und Ärzte hofft, braucht viel Geduld. Die KVNO probiert deshalb etwas anderes aus: Seit 2025 arbeiten in 16 Haus- und Facharztpraxen sogenannte Physician Assistants mit, kurz PAs. Ein Zwischenbericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) macht nun Mut. Praxen berichten von spürbarer Entlastung, und viele befragte Patientinnen und Patienten bekamen schneller einen Termin.
Was ein Physician Assistant ist Der Begriff klingt nach Fernsehserie, beschreibt aber einen handfesten Gesundheitsberuf. PAs studieren mindestens sechs Semester bis zum Bachelor, ein Master kann folgen. Häufig setzen die Hochschulen eine abgeschlossene Ausbildung im Gesundheitsbereich voraus, manche nehmen aber auch direkt nach dem Abitur auf. Auf dem Stundenplan stehen etwa Anatomie, Pharmakologie und Diagnostik, dazu Praxisphasen in medizinischen Einrichtungen.
In der Praxis gilt eine klare Regel: Ein PA arbeitet immer unter ärztlicher Anleitung und Verantwortung. Welche Aufgaben ein PA übernimmt, legt die anstellende Ärztin oder der anstellende Arzt fest – man spricht von Delegation. Was ärztlich persönlich erbracht werden muss, bleibt bei der Ärztin oder dem Arzt. Typische Aufgaben sind vorbereitende Untersuchungen, Sprechstunden bei einfachen Infekten, die Betreuung gut eingestellter chronisch Kranker, Nachsorge, Impfmanagement oder Hausbesuche und Besuche im Pflegeheim.
Was die Zwischenbilanz zeigt An dem Projekt sind 32 Ärztinnen und Ärzte aus sechs Fachgebieten beteiligt, es läuft bis 2027. Das Zi hat nun erste Ergebnisse vorgelegt. Praxen, in denen die PAs schon fest im Team angekommen sind, berichten von spürbarer Entlastung und würden die Anstellung weiterempfehlen. Im Vergleich zu Medizinischen Fachangestellten loben sie die höhere klinische Qualifikation, eine verlässlichere Ersteinschätzung der Beschwerden und die größere Bandbreite an Aufgaben, die sich übertragen lassen.
Bemerkenswert ist, wie selbstständig die PAs arbeiten: In gut 45 Prozent der Termine kamen sie ganz ohne ärztliche Unterstützung aus. In weiteren 28,5 Prozent schaute die Ärztin oder der Arzt kurz dazu, meist für ein Rezept oder eine Therapieentscheidung. Die Verantwortung für die Behandlung blieb dabei immer ärztlich.
Auch auf der anderen Seite des Schreibtischs kommt das Modell gut an. 64 Prozent der Befragten erlebten, dass sie schneller einen Termin bekamen, 53 Prozent hatten kürzere Wartezeiten. 68 Prozent hatten den Eindruck, dass mehr Zeit für sie da war. Und 98 Prozent sahen ihre Erwartungen vollständig erfüllt, obwohl für rund drei Viertel der Befragten die Behandlung durch einen PA eine Premiere war. „Der PA-Einsatz in der ambulanten Versorgung funktioniert“, sagt KVNO-Vorstandschef Frank Bergmann – und zwar für Patientinnen und Patienten ebenso wie für die Praxen. Sein Stellvertreter Carsten König nennt teambasierte Modelle mit klar geregelter Delegation „kein Experiment, sondern ein systemisches Erfordernis für die Zukunft“.
Ein Ergebnis, das nicht allein steht Ganz neu ist die Erfahrung nicht. In Westfalen-Lippe hatte das Zi bereits ein Modellprojekt mit zehn Praxen ausgewertet und im März 2025 seinen Abschlussbericht vorgelegt. Dort übernahmen PAs im Schnitt rund 30 Prozent der Patientenkontakte, die Wartezeiten auf Termine wurden teils deutlich kürzer, und die Patientinnen und Patienten nahmen die neuen Kolleginnen und Kollegen gut an.
Was noch offen ist Bei aller Freude über die Zahlen: Es handelt sich um einen Zwischenbericht aus 16 Praxen, und wie viele Menschen befragt wurden, geht aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht hervor. Die eigentliche Hürde ist aber das Geld. Für Leistungen von PAs gibt es bislang keine eigenen Abrechnungsziffern im Einheitlichen Bewertungsmaßstab, dem Leistungs- und Abrechnungskatalog für gesetzlich Versicherte in Arztpraxen. Abgerechnet wird über die Ärztin oder den Arzt. Ob sich eine PA-Stelle für eine Praxis dauerhaft rechnet, ist damit ungeklärt. Die KVNO fordert einen rechtssicheren Rahmen für die Vergütung.
Einen kleinen Schritt ist sie selbst schon gegangen: Seit dem 1. Juli 2026 berücksichtigt die KVNO angestellte PAs bei der Prüfung, wie viel Arbeitszeit eine Praxis plausibel abrechnen kann. Bei einer Vollzeitstelle steigt diese Zeitobergrenze auf 150 Prozent des regulären Werts, bei Teilzeit anteilig. Bis das Projekt 2027 endet, wird sich zeigen, ob aus dem guten Zwischenstand ein Modell für viele Praxen wird. Die ersten Signale klingen jedenfalls nach etwas, das im Wartezimmer selten ist: mehr Zeit.
Themen: Physician Assistant, Arztpraxis Entlastung, Gesundheitswesen, Patientenversorgung, Medizinische Fachkräfte, Gute Nachrichten, KVNO
Mehr Zeit in der Praxis: Wie Physician Assistants Ärztinnen und Ärzte entlasten