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Lungenkrebs früher erkennen: Fünf Hunde prüfen Atemproben
Fünf Minuten in eine spezielle Maske atmen – anschließend suchen ausgebildete Hunde darin nach Hinweisen auf Lungenkrebs. Eine neue wissenschaftliche Auswertung bescheinigt dem Verfahren von Dogscan bemerkenswerte Ergebnisse. Doch die oft genannte Trefferquote von 99 Prozent braucht eine wichtige Einordnung.
Von Max ·
Fünf Hunde, eine Atemmaske: Eine außergewöhnliche Idee für die Lungenkrebs-Früherkennung Es beginnt nicht in einer Klinik, sondern zu Hause. Eine Person setzt eine spezielle Maske auf und atmet fünf Minuten lang ganz normal durch den Mund. Danach wird die Maske verschlossen, registriert und an ein Labor geschickt. Dort wartet kein Analyseautomat, sondern ein Team aus fünf außergewöhnlich trainierten Hunden.
Jedes Tier untersucht die Atemprobe unabhängig von den anderen. Zeigen mindestens drei der fünf Hunde dieselbe Maske an, gilt das Ergebnis als auffällig und soll medizinisch abgeklärt werden. Bei ein oder zwei Anzeigen ist es nicht eindeutig, bei keiner Anzeige unauffällig. Die Proben sind über Barcodes anonymisiert und werden den Hunden nach Angaben des Unternehmens verblindet und per Software zufällig zugeordnet. Ein auffälliges Ergebnis ist ausdrücklich noch keine Krebsdiagnose.
Hinter diesem ungewöhnlichen Verfahren steht das deutsche Unternehmen Dogscan. Sein Ziel: Hinweise auf Lungenkrebs möglichst früh, nicht invasiv und ohne Strahlenbelastung zu finden – idealerweise zu einem Zeitpunkt, an dem Betroffene noch keine Beschwerden verspüren.
Was die Hunde riechen Hunde suchen dabei nicht nach einzelnen Krebszellen in der Atemmaske. Sie reagieren vermutlich auf ein komplexes Geruchsmuster aus flüchtigen organischen Verbindungen, sogenannten VOCs. Diese Stoffe entstehen bei zahlreichen Stoffwechselvorgängen im Körper und gelangen unter anderem über das Blut in die Lunge und schließlich in die Atemluft.
Tumorerkrankungen können den Stoffwechsel, oxidative Prozesse und die Zusammensetzung dieser ausgeatmeten Moleküle verändern. Für die menschliche Nase bleiben solche Unterschiede verborgen. Hunde können jedoch sehr geringe Konzentrationen und komplexe Duftmischungen unterscheiden.
Welche Verbindung oder Kombination von Stoffen die Tiere bei Lungenkrebs genau wahrnehmen, ist noch nicht abschließend geklärt. Auch deshalb ist die Forschung interessant: Die Hundenase könnte nicht nur unmittelbar als biologischer Sensor dienen, sondern langfristig Hinweise für technische „elektronische Nasen“ und standardisierte Atemtests liefern.
Wissenschaftliche Auswertung mit 824 Teilnehmenden Im Juni 2026 erschien im Fachjournal Journal of Breath Research eine wissenschaftliche Auswertung des Dogscan-Verfahrens. Beteiligt waren Forschende des Lungenkrebszentrums am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und der Charité. Untersucht wurden Daten von 824 Personen, deren Atemproben 2024 gesammelt worden waren.
Darunter befanden sich 111 Menschen mit histologisch bestätigtem Lungenkrebs und 713 Personen ohne bekannte Lungenkrebserkrankung. In 125 Testdurchläufen pro Hund wurden zahlreiche Proben wiederholt und unter verblindeten Bedingungen präsentiert. Von den Krebspatientinnen und -patienten hatten 18 Prozent ein Tumorstadium I oder II; 46 Prozent waren zum Zeitpunkt der Probenentnahme noch nicht onkologisch behandelt worden.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert:
Die einzelnen Hunde erreichten – bezogen auf unterschiedliche Personen statt auf wiederholte Proben – eine Sensitivität zwischen 82 und 89 Prozent. Das bedeutet: Von 100 tatsächlich erkrankten Personen hätten sie unter den untersuchten Bedingungen etwa 82 bis 89 erkannt. Die Spezifität lag bei jedem Tier über 95 Prozent; mehr als 95 von 100 Personen ohne Lungenkrebs wurden also korrekt als unauffällig eingeordnet.
Deutlich besser schnitt die gemeinsame Entscheidung des Fünf-Hunde-Teams ab. Wenn mindestens drei Tiere unabhängig dieselbe Probe anzeigten, erreichte der Verbund eine Sensitivität von mindestens 95,5 Prozent. Keine der Kontrollproben wurde von drei oder mehr Hunden fälschlicherweise als positiv bewertet.
Das Prinzip ähnelt einer zweiten, dritten und vierten Meinung: Die Schwankungen eines einzelnen Tieres sollen durch mehrere voneinander unabhängige Entscheidungen ausgeglichen werden.
Faktencheck: Erkennen die Hunde Lungenkrebs wirklich zu 99 Prozent? Die häufig genannte Aussage ist in dieser pauschalen Form nicht belegt.
In den wiederholten Trainingsmessungen wurden teilweise Spezifitätswerte von mehr als 99 Prozent erreicht. Nach der statistisch sinnvolleren Auswertung auf Ebene der einzelnen Personen lagen die Sensitivitäten der einzelnen Hunde jedoch bei 82 bis 89 Prozent und ihre Spezifitäten bei mehr als 95 Prozent. Der Fünf-Hunde-Verbund kam auf eine Sensitivität von mindestens 95,5 Prozent.
Eine allgemeine „Trefferquote von 99 Prozent“ vermischt daher unterschiedliche Messgrößen:
Sensitivität beschreibt, wie viele tatsächlich Erkrankte erkannt werden. Spezifität beschreibt, wie viele nicht Erkrankte korrekt als unauffällig gelten. Genauigkeit hängt zusätzlich davon ab, wie viele Erkrankte sich überhaupt in der untersuchten Gruppe befinden. Die Studie zeigt somit ein starkes Signal, aber noch keinen klinischen Nachweis dafür, dass Dogscan in einer normalen Vorsorgepopulation 99 von 100 Lungenkrebserkrankungen zuverlässig erkennt.
Warum die Ergebnisse trotzdem ein wichtiger Fortschritt sind Die Untersuchung ist mehr als eine unternehmensinterne Erfolgsstatistik: Die anonymisierten Daten wurden wissenschaftlich ausgewertet und in einem Fachjournal veröffentlicht. Die Probenidentitäten waren für Hundebetreuung und Versuchsbeobachtung verborgen, und die gemeinsame Entscheidung mehrerer Tiere verringerte die Abhängigkeit von einem einzelnen Hund.
Gleichzeitig nennen die Forschenden erhebliche Einschränkungen. Es handelte sich um eine rückblickende Auswertung von Trainingsdurchläufen und nicht um eine prospektive klinische Screeningstudie. Die Kontrollgruppe war nicht altersgleich: Ein großer Teil bestand aus gesunden jungen Menschen zwischen 18 und 23 Jahren, während die Personen mit Lungenkrebs im Mittel 60 Jahre alt waren. Angaben zum Rauchverhalten und andere demografische Daten lagen nicht vollständig vor. Zudem beeinflussten Wetterbedingungen und die betreuende Person teilweise die Leistung der Hunde.
Besonders wichtig: Die Hunde erhielten Proben von Menschen, bei denen Lungenkrebs bereits bestätigt war. Im medizinischen Alltag müssten sie dagegen aus Tausenden überwiegend unauffälligen Proben jene wenigen herausfiltern, bei denen ein noch unentdeckter Tumor vorliegt. Ob das unter realistischen Vorsorgebedingungen genauso zuverlässig gelingt, muss erst eine kontrollierte, prospektive Studie zeigen. Genau diesen direkten Vergleich mit dem etablierten Niedrigdosis-CT empfehlen auch die Autoren.
Eine Ergänzung – kein Ersatz für das CT Seit April 2026 können gesetzlich versicherte Menschen mit besonders hohem Lungenkrebsrisiko in Deutschland jährlich eine Niedrigdosis-Computertomografie in Anspruch nehmen. Das Angebot richtet sich an aktive oder ehemalige starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre geraucht und mindestens 15 Packungsjahre erreicht haben. Der Rauchstopp darf höchstens zehn Jahre zurückliegen.
Rund 57.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Lungenkrebs. Für entsprechend gefährdete Personen bleibt das Niedrigdosis-CT deshalb der wissenschaftlich etablierte Weg der Früherkennung. Ein Hundetest sollte eine ärztliche Beratung oder das offizielle Screening nicht ersetzen.
Das mögliche Einsatzgebiet der Spürhunde könnte vielmehr davor liegen: als unkomplizierter Hinweisgeber, der Menschen zur weiteren Untersuchung bewegt – oder als ergänzendes Forschungsinstrument für Personengruppen, die nicht unter die derzeitigen CT-Kriterien fallen. Ob daraus tatsächlich ein zuverlässiges Angebot für eine breite Bevölkerung werden kann, entscheidet sich jedoch erst durch weitere klinische Forschung.
Eine Nase, die neue Wege eröffnet Die besondere Stärke der Idee liegt in ihrer Einfachheit. Keine Blutentnahme, kein Aufenthalt in einer Röhre, keine Strahlenbelastung: Zunächst genügt eine Atemmaske. Gerade Menschen, die Vorsorgeuntersuchungen meiden oder sich gesund fühlen, könnten dadurch leichter erreicht werden.
Noch ist die Hundenase kein Ersatz für Radiologie, Pathologie und ärztliche Diagnostik. Aber sie könnte zu einem frühen Warnsystem werden – und zugleich helfen, die molekulare Geruchssignatur von Tumoren besser zu verstehen.
Die gute Nachricht liegt deshalb nicht in einer vermeintlich perfekten Trefferquote. Sie liegt darin, dass ein biologisches Phänomen, das lange kurios erschien, zunehmend systematisch untersucht wird. Aus einem außergewöhnlichen Geruchssinn könnte so ein zusätzlicher Baustein für eine frühere und niedrigschwelligere Krebsentdeckung entstehen.
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