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Luchs im Harz: Aus 24 Tieren wurde Deutschlands flächengrößtes Vorkommen
Zwischen 2000 und 2006 ließ der Nationalpark Harz 24 Luchse frei. Heute leben dort nach seinen Schätzungen rund 90 Tiere, einzelne Harzluchse tauchen bis in Bayern auf. 26 Jahre Monitoring zeigen, wie die Katzen ihren Weg finden – und warum die Weibchen das Tempo bestimmen.
Von Andre ·
Am 17. März 1818 endete bei Lautenthal im Westharz eine mehrwöchige Hatz, an der rund 200 Jäger und Treiber beteiligt gewesen sein sollen: Damals fiel der Luchs, der als letzter frei lebender seiner Art im Harz gilt. Sein Präparat ist heute im Naturhistorischen Museum Braunschweig zu sehen. Fast zwei Jahrhunderte lang blieb die größte Katzenart Europas aus dem Mittelgebirge verschwunden.
1999 beschloss die niedersächsische Landesregierung, den Luchs zurückzuholen – als erste Landesregierung in Deutschland, die sich zu so einem Schritt durchrang. Gleichberechtigte Partnerin war von Anfang an die Landesjägerschaft Niedersachsen. Zwischen 2000 und 2006 kamen im Nationalpark Harz 24 Luchse in die Freiheit, 9 Männchen und 15 Weibchen. Alle stammten aus Gehegenachzuchten europäischer Wildparks und gewöhnten sich vorher in einem vier Hektar großen Auswilderungsgehege ein.
Schon im Sommer 2002 wiesen die Fachleute erstmals Jungtiere nach, die in freier Wildbahn geboren waren. Seither gab es nach Angaben des Luchsprojekts in jeder Saison Nachwuchs. Nach 26 Jahren Monitoring lässt sich gut nachzeichnen, was aus den 24 Gründertieren geworden ist – und vor allem, wie ihre Nachkommen den Weg aus dem Harz heraus finden.
Rund 90 Luchse im Harz Wie viele Luchse im Harz leben, hat der Nationalpark mit systematischen Fotofallenstudien ermittelt. Das funktioniert, weil sich die Tiere an ihrem Fellmuster auseinanderhalten lassen. Zwischen 2014 und 2017 kamen die Forschenden im Mittel auf 2,5 selbständige Luchse pro 100 Quadratkilometer. Hochgerechnet auf die rund 2.200 Quadratkilometer des Harzes ergibt das etwa 55 selbständige Tiere und 35 Jungtiere, zusammen rund 90 Luchse. Die Autorinnen und Autoren der Nationalpark-Schriftenreihe betonen, dass es sich um eine Schätzung der Größenordnung handelt, nicht um eine exakte Zählung.
Projektleiter Ole Anders nannte 2025 dieselben Werte und berichtete von 20 Weibchen mit Jungtieren in der vorangegangenen Saison. Rechnet man das weitere Umfeld des Harzes mit ein, kommt er auf 120 bis 150 erwachsene Tiere. Laut einer Antwort der Bundesregierung von 2024 ist das Harzer Vorkommen das flächenmäßig größte der drei deutschen Luchspopulationen. Es erstreckt sich über vier Bundesländer: Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen.
Kater ziehen los, Weibchen bleiben in der Nähe Gut zehn Jahre nach den ersten Auswilderungen wurde es im Harz offenbar enger. Nach Einschätzung der Forschenden lebten dort inzwischen so viele Luchse, dass zunehmend Tiere ins Vorland auswichen. Die Monitoring-Karten zeigen das deutlich: 2010/11 waren 25 Rasterzellen von je 100 Quadratkilometern mit Luchsnachweisen belegt, 2018/19 bereits 84 – und 48 davon berührten den Harzwald gar nicht mehr. Die Tiere zogen vor allem nach Westen und Südwesten, also dorthin, wo mehr Wald steht.
Nach und nach entstanden außerhalb des Gebirges Gebiete mit eigenem Nachwuchs: im Kaufunger Wald an der niedersächsisch-hessischen Grenze (erstmals 2010/11), im Hils (2013/14), im Solling (2016/17) sowie im Westerhöfer Wald und am Hainberg (2018/19).
Dabei zeigt sich ein klares Muster. Junge Männchen legen erstaunliche Strecken zurück: Einzelne Harzer Kuder wurden bis zu 258 Kilometer vom ehemaligen Auswilderungsgehege entfernt nachgewiesen. Ein Luchs mit GPS-Halsband, der rund 90 Kilometer nordwestlich des Harzes bei Bad Pyrmont gefangen worden war, wurde sogar bei Wiesloch in Baden-Württemberg nachgewiesen – 309 Kilometer vom ehemaligen Auswilderungsgehege entfernt. Im bayerischen Steinwald begegnete ein per Fotofalle erkannter Harzluchs einem Weibchen, das als verwaistes Jungtier in einem Gehege aufgewachsen war und im Monitoringjahr 2020/21 Junge führte.
Weibchen dagegen wandern deutlich kürzere Strecken – und genau das bestimmt das eher gemächliche Tempo der Ausbreitung. „Luchsweibchen lassen sich nur in der Nähe anderer Luchse zur Fortpflanzung nieder“, erklärt Josephin Bruhn vom BUND Hessen.
Ein Trittstein bricht weg – und wächst neu Wie zerbrechlich solche Vorposten sind, zeigt Nordhessen. Ab 2009 tauchten im Kaufunger Wald Luchse auf, bald gab es dort Nachwuchs – das erste Fortpflanzungsgebiet außerhalb des Harzes. Ein Fotofallenprojekt der Universität Göttingen erfasste ab Herbst 2014 zunächst sechs ansässige Tiere. Doch schon im ersten Jahr der Untersuchung gingen fünf davon verloren: Zwei starben, zwei verschwanden aus unbekannten Gründen, eines wanderte ab.
Erholt hat sich das kleine Vorkommen davon nicht. Zwischen 2010 und 2020 schaffte es kein Weibchen nachweislich, die rund 60 Kilometer aus dem Harz nach Nordhessen zu überwinden. Es kamen nur Männchen: Alle zehn dokumentierten Langstreckenwanderungen zwischen 2009 und 2019 gingen auf Kuder zurück, drei der Wanderer starben später im Straßenverkehr. Von Januar bis April 2020 lieferte keine der 42 Kameras mehr ein Luchsfoto. Die Forschenden sprechen vom „Zusammenbruch“ eines Trittsteinvorkommens.
Umso schöner ist, was das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) im Dezember 2025 meldete. Im Monitoringjahr 2024/25 wurden in Hessen neun selbständige Luchse eindeutig identifiziert, mindestens zwei haben sich dauerhaft niedergelassen. Im Reinhardswald im Landkreis Kassel wurde eine Luchsmutter mit zwei Jungen mehrfach fotografiert, mit Nachwuchs war sie dort erstmals im September 2024 nachgewiesen worden. Das Landesamt hofft auf eine kleine Teilpopulation von „Harzluchsen“ in Nordhessen. Seit Frühjahr 2024 verfolgen der Nationalpark Harz, die Universität Göttingen und das HLNUG die Ausbreitung gemeinsam.
Straßen, Schüsse und schmale Gene Den Weg in neue Wälder erschweren vor allem Schnellstraßen und wenig bewaldete Agrarflächen. Für die Jahre 2004 bis 2016 werteten die Forschenden zwölf Fundorte verkehrstoter Luchse aus. Ein Männchen starb auf der A7, ein Weibchen auf der B243 – beide nur wenige hundert Meter von einer Unterführung entfernt, die sich für Luchse geeignet hätte. Hoffnung machen Grünbrücken: Eine der beim Ausbau der A7 geplanten Brücken wurde 2019 eröffnet, und laut der Nationalpark-Schriftenreihe belegen Fotofallenbilder, dass Luchse sie schon wenig später nutzten.
Hinzu kommt Wilderei. Ole Anders zählte 2025 für die ersten 25 Projektjahre vier bekannt gewordene illegale Abschüsse: zwei in Thüringen, je einen in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.
Langfristig bereitet zudem die Genetik Sorgen. Eine Senckenberg-Studie von 2022 verglich alle sechs erfolgreich wiederangesiedelten Luchspopulationen Mitteleuropas mit natürlichen Vorkommen. Das Ergebnis: Die genetische Vielfalt der wiederangesiedelten Bestände ist über die Jahre stark gesunken, Inzucht ist verbreitet – am stärksten dort, wo die wenigsten Gründertiere freikamen. Anders nennt die Lage für die Harzer Luchse „zunehmend dramatisch“. Auf der aktuellen Roten Liste Deutschlands steht der Luchs in der Kategorie „vom Aussterben bedroht“.
Neue Trittsteine zwischen Harz und Bayerischem Wald Weil die Weibchen den Sprung allein so selten schaffen, wird nachgeholfen. Im Thüringer Wald läuft das Projekt „Luchs Thüringen“ unter Federführung des BUND Thüringen. Es soll die Vorkommen im Harz und im Bayerischen Wald miteinander verbinden. Bis August 2026 wurden dort neun Luchse ausgewildert. Ein erster Erfolg: Luchsin Vreni, im August 2024 freigelassen und nach einem Senderausfall verschollen, tauchte auf Wildkamerabildern bei Ilmenau wieder auf – mit einem fast ausgewachsenen Jungtier, das wahrscheinlich im Frühjahr 2025 geboren wurde.
Auch der Nationalpark Harz züchtet inzwischen für andere Regionen. Im Rahmen des Erhaltungszuchtprogramms des Europäischen Verbands der Zoos und Aquarien (EAZA) hat Zuchtluchsin Rikki, die im September 2025 aus dem Zoo Kiew in den Harz kam, im Frühjahr 2026 drei Junge bekommen; Mitte Mai hörte ein Tierpfleger die ersten Welpenlaute. Anfang 2027 sollen die Jungtiere an ein Wiederansiedlungsprojekt gehen, im Gespräch sind der Thüringer Wald, das Erzgebirge oder der Schwarzwald.
Ein Gewinn für die Region Die anfänglichen Ängste vor dem Raubtier sind weitgehend verflogen, die Akzeptanz ist laut Anders inzwischen fast durchgehend positiv. „Der Luchs ist ein Maskottchen für den Harz geworden“, sagt er. Eine Studie von 2016 schätzt, dass der Luchs im Harz jährlich mindestens sieben Millionen Euro Umsatz bringt. Mehr als die Hälfte der befragten Harzbesucher gab an, die Katze habe ihre Wahl des Ausflugs- oder Urlaubsziels wesentlich beeinflusst. Die Schäden an Nutztieren blieben überschaubar: Zwischen 2000 und 2020 lagen die jährlich ausgezahlten Entschädigungen in keinem Jahr über 4.000 Euro.
Mithelfen kannst auch du: Wer im Harz oder im Umland einen Luchs sieht oder Spuren entdeckt, kann die Beobachtung über das Meldeportal oder die Luchs-App des Nationalparks melden. Jeder Hinweis landet in der Luchsdatenbank und hilft, die Wege der Katzen nachzuzeichnen.
Die Geschichte aus dem Harz zeigt: 24 Tiere haben gereicht, um den Luchs zurückzubringen. Damit er bleibt und sich mit anderen Vorkommen verbindet, braucht es Grünbrücken, neue Trittsteine und Geduld. Oder, wie Hessens Umweltstaatssekretär Michael Ruhl sagt: „Die Rückkehr des Luchses ist ein Langzeitprojekt.“
Themen: Luchs, Harz, Wiederansiedlung, Naturschutz, Wildtiere, Nationalpark Harz, Tierwelt
Luchs im Harz: Aus 24 Tieren wurde Deutschlands flächengrößtes Vorkommen