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Blitz und Donner richtig verstehen: Sieben Gewittermythen im großen Faktencheck
Eiche meiden, Stecker ziehen, im Auto bleiben? Was bei Gewitter wirklich schützt – und welche Regeln nur Mythen sind.
Von Andre ·
Gewittermythen im Faktencheck: Was bei Blitz, Donner, Dusche und Auto wirklich stimmt Ein Blitz zerreißt den Himmel, wenige Sekunden später rollt der Donner über die Dächer – und fast automatisch tauchen die alten Regeln auf. Nicht unter die Eiche. Handy weg. Fenster schließen. Stecker ziehen. Bloß nicht duschen.
Manche dieser Ratschläge sind erstaunlich vernünftig. Andere halten sich hartnäckig, obwohl die Physik längst widerspricht. Und bei einigen steckt zwar ein richtiger Gedanke dahinter – nur aus einem ganz anderen Grund als gedacht.
Die gute Nachricht: Sich bei Gewitter richtig zu verhalten, ist einfacher als viele der alten Regeln vermuten lassen.
Warum entsteht ein Gewitter überhaupt? Für ein Gewitter braucht die Atmosphäre im Grunde drei Zutaten: Feuchtigkeit, instabil geschichtete Luft und einen Auslöser, der Luft nach oben hebt . Steigt feuchtwarme Luft auf und kühlt dabei ab, können mächtige Cumulonimbuswolken entstehen. In ihnen bewegen sich Wassertröpfchen, Eiskristalle und Graupelteilchen durch kräftige Auf- und Abwinde. Dabei werden elektrische Ladungen getrennt – bis die Spannung groß genug für eine Entladung wird: den Blitz.
Und damit beginnt der Faktencheck.
Mythos 1: „Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen“ Falsch – und als Sicherheitsregel sogar ziemlich unbrauchbar.
Ein Blitz interessiert sich nicht dafür, welches botanische Namensschild an einem Baum hängt. Unter einer Buche ist man bei Gewitter nicht sicherer als unter einer Eiche.
Besonders problematisch sind allein stehende oder besonders hohe Bäume. Schlägt ein Blitz dort ein, kann Strom nicht nur durch den Stamm fließen, sondern sich auch über den Boden ausbreiten. Dadurch können Menschen selbst dann verletzt werden, wenn sie nicht direkt getroffen werden. Der VDE und der Deutsche Wetterdienst empfehlen deshalb, Bäume bei Gewitter grundsätzlich zu meiden.
Die moderne Variante der Bauernregel müsste also eher heißen: Eichen meiden, Buchen auch.
Mythos 2: Schmuck, Schlüssel oder Handys ziehen Blitze an Nein. Metall ist kein Blitzmagnet.
Für die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags sind vor allem Faktoren wie Höhe, exponierte Lage und Form eines Objekts entscheidend. Ein Handy in der Hosentasche oder eine Uhr am Handgelenk sorgt nicht plötzlich dafür, dass sich ein Blitz einen neuen Zielpunkt sucht.
Metall hat allerdings eine andere Eigenschaft: Es leitet elektrischen Strom sehr gut. Deshalb sollte man Abstand zu größeren Metallkonstruktionen wie Zäunen, Geländern oder Leitungen halten. Ein Mobiltelefon oder schnurloses Telefon kann innerhalb eines geschützten Gebäudes dagegen grundsätzlich verwendet werden.
Mythos 3: Im Auto schützen die Gummireifen vor dem Blitz Das Auto schützt – aber nicht wegen der Reifen.
Ein geschlossenes Fahrzeug mit metallischer Karosserie kann wie ein Faradayscher Käfig wirken. Trifft ein Blitz das Auto, wird der Strom im Wesentlichen über die äußere Metallhülle abgeleitet. Die Insassen befinden sich dadurch in einem vergleichsweise gut geschützten Bereich.
Die Gummireifen spielen dabei nicht die entscheidende Rolle. Schließlich hat ein Blitz zuvor bereits eine kilometerlange Strecke durch die Luft überwunden – ein paar Zentimeter Gummi wären kein ernsthaftes Hindernis.
Wichtig ist außerdem die Fahrzeugart: Cabrios ohne metallisches Dachgerüst oder geeigneten Überrollbügel sowie Fahrzeuge mit nichtleitender Karosserie bieten diesen Schutz nicht automatisch. Fenster und Dach sollten geschlossen bleiben.
Mythos 4: Bei Gewitter darf man niemals duschen Nicht ganz so einfach – aber die Vorsicht hat einen guten Grund.
Blitzstrom kann über elektrische Leitungen, Telefonleitungen oder Wasserrohre in Gebäude gelangen. In Häusern ohne geeigneten Blitz- und Potentialausgleich empfiehlt der VDE deshalb, während eines nahen Gewitters nicht zu duschen oder zu baden und den Kontakt mit metallischen Leitungen zu vermeiden.
In fachgerecht geschützten modernen Gebäuden ist das Risiko deutlich geringer. Wer allerdings nicht weiß, wie das Haus technisch ausgestattet ist, kann die Dusche problemlos um ein paar Donnerpausen verschieben.
Manchmal ist Aufschieben tatsächlich eine Sicherheitsstrategie.
Mythos 5: Bei Gewitter sollte man alle Stecker ziehen Im Prinzip sinnvoll – aber besser rechtzeitig.
Ein Blitz muss ein Gebäude nicht direkt treffen, um elektronische Geräte zu beschädigen. Überspannungen können sich über Strom-, Antennen-, Telefon- oder Datenleitungen ausbreiten.
Der VDE empfiehlt deshalb bei Gebäuden ohne entsprechenden Überspannungsschutz, empfindliche Geräte bei einem herannahenden Gewitter vom Netz zu trennen .
Der entscheidende Punkt ist das Timing: Sind Blitz und Donner bereits unmittelbar über dem Haus, sollte man nicht hektisch an Kabeln und Steckdosen hantieren. Auch der US-Wetterdienst empfiehlt, Geräte möglichst vor Beginn des Gewitters auszustecken.
Ein fachgerecht installierter Überspannungsschutz kann Geräte zusätzlich schützen.
Mythos 6: Ein Blitz schlägt niemals zweimal an derselben Stelle ein Ganz klar falsch.
Hohe oder exponierte Objekte können immer wieder getroffen werden. Dass ein Blitz bereits eingeschlagen hat, macht einen Ort nicht immun gegen den nächsten.
Entscheidend bleiben die Bedingungen während des jeweiligen Gewitters. Höhe, Lage und elektrische Feldverhältnisse ändern sich nicht deshalb, weil ein Objekt schon einmal Bekanntschaft mit einem Blitz gemacht hat.
Die berühmte Redewendung funktioniert also besser als Metapher fürs Leben als als Meteorologie.
Mythos 7: Sekunden zählen verrät, wie weit das Gewitter entfernt ist Das stimmt tatsächlich – ungefähr.
Licht erreicht uns praktisch sofort, Schall dagegen deutlich langsamer. Deshalb kann man die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen und anschließend durch drei teilen.
Neun Sekunden entsprechen also ungefähr drei Kilometern Entfernung.
Allerdings sollte diese Rechnung nicht dazu dienen, noch schnell die Gartenarbeit zu beenden. Wer Donner hört, befindet sich bereits nahe genug an einem Gewitter, dass ein sicherer Innenraum aufgesucht werden sollte. Der National Weather Service empfiehlt außerdem, nach dem letzten Donner mindestens 30 Minuten zu warten, bevor Aktivitäten im Freien wieder aufgenommen werden.
Mythos 8: Ein Pavillon, Zelt oder Bushäuschen reicht als Schutz Leider nein.
Offene Unterstände, Zelte oder kleine Schutzdächer verhindern keinen Blitzschlag und bieten meist keinen geschlossenen leitfähigen Schutzraum.
Am sichersten sind ein festes Gebäude oder ein geschlossenes Fahrzeug mit metallischer Karosserie . Wer draußen überrascht wird und keinen sicheren Ort erreichen kann, sollte exponierte Höhen, einzelne Bäume, Gewässer, Zäune und andere leitfähige Konstruktionen meiden. Flach auf den Boden legen sollte man sich ebenfalls nicht, weil dadurch die Kontaktfläche für Bodenströme größer wird.
Die einfachste Gewitterregel ist erstaunlich unspektakulär Viele Gewittermythen entstanden zu einer Zeit, in der Menschen zwar genau beobachteten, aber die elektrische Physik hinter Blitz und Donner noch nicht verstanden.
Heute wissen wir mehr – und gerade das macht die Sache beruhigend.
Man muss weder Schmuck vom Körper reißen noch zwischen Eiche und Buche unterscheiden. Sobald Donner zu hören ist, lautet die vernünftigste Regel schlicht: hinein in ein festes Gebäude oder ein geeignetes geschlossenes Auto und das Gewitter dort vorbeiziehen lassen.
Manchmal ist moderne Wissenschaft eben weniger dramatisch als ein alter Bauernspruch. Dafür funktioniert sie besser.
Blitz und Donner richtig verstehen: Sieben Gewittermythen im großen Faktencheck