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Warum wir links oder rechts greifen: Was Gene, Gehirn und Entwicklung entscheiden
Links oder rechts? Unsere bevorzugte Hand zeigt sich erstaunlich früh – Gene und Entwicklung wirken dabei gemeinsam.
Von Silvia ·
Ob wir später mit links oder rechts schreiben, ist offenbar keine spontane Entscheidung des Gehirns. Erste Hinweise entstehen schon vor der Geburt – und die Forschung entdeckt immer mehr darüber, wie Gene, Nervensystem und Entwicklung zusammenspielen. Noch bevor ein Baby einen Löffel greifen, einen Ball werfen oder seinen Namen schreiben kann, beginnt sich eine erstaunliche Vorliebe abzuzeichnen: links oder rechts. Was im Alltag selbstverständlich wirkt, führt tief hinein in die Entwicklungsbiologie des Menschen.
Die erste Lieblingsseite zeigt sich im Mutterleib Knapp neun von zehn Menschen bevorzugen ihre rechte Hand. Eine große Metaanalyse mit Daten von fast 2,4 Millionen Menschen kommt für Linkshändigkeit auf einen Mittelwert von rund 10,6 Prozent . Wie häufig sie erfasst wird, hängt allerdings auch davon ab, wie Händigkeit definiert wird und welche kulturellen Einflüsse wirken.
Interessant wird es lange vor dem ersten Schreibversuch.
Schon ungefähr ab der zehnten Schwangerschaftswoche lassen sich bei Föten seitliche Unterschiede in den Armbewegungen beobachten. Untersuchungen zum Daumenlutschen zeigten später ebenfalls deutliche Präferenzen für eine Körperseite. Eine Langzeitstudie begleitete 75 Kinder, deren Daumenpräferenz bereits vor der Geburt beobachtet worden war: Alle 60 Föten mit rechter Präferenz wurden später Rechtshänder; von 15 mit linker Präferenz wurden zehn tatsächlich Linkshänder.
Noch detaillierter wurde es 2017: Forschende analysierten Bewegungen ungeborener Kinder und stellten fest, dass sich ab etwa der 18. Schwangerschaftswoche anhand der Geschwindigkeit und Präzision bestimmter Handbewegungen erstaunlich gut auf die später festgestellte Händigkeit schließen ließ.
„Welche Hand wir bevorzugen, beginnt sich abzuzeichnen, lange bevor wir einen Stift halten können.“ Nicht nur das Gehirn mischt mit Lange galt vor allem das Gehirn als Ausgangspunkt der Händigkeit. Das klingt zunächst logisch: Die linke Gehirnhälfte steuert überwiegend die rechte Körperseite und umgekehrt.
Doch die zeitliche Entwicklung brachte ein Problem für diese einfache Erklärung.
Frühe asymmetrische Handbewegungen treten bereits zu einem Zeitpunkt auf, an dem die motorische Großhirnrinde noch nicht vollständig funktionell mit dem Rückenmark verbunden ist. Forschende der Ruhr-Universität Bochum und weiterer Institute untersuchten deshalb 2017 Genaktivität und epigenetische Unterschiede im Rückenmark menschlicher Föten.
Dabei fanden sie besonders früh in der Entwicklung deutliche Unterschiede zwischen der linken und rechten Seite des Rückenmarks. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Prozesse im Rückenmark bei der Entstehung unserer Lateralisierung eine wichtige frühe Rolle spielen könnten.
Wichtig ist allerdings die wissenschaftliche Feinheit: Das Rückenmark „entscheidet“ nicht einfach allein über Links- oder Rechtshändigkeit. Die damalige Untersuchung basierte auf Gewebe von nur fünf Föten und beschreibt einen möglichen frühen Mechanismus – keinen einzelnen Schalter für links oder rechts.
Genau hier ist die Forschung inzwischen deutlich weiter.
Es gibt kein einzelnes „Linkshänder-Gen“ Eine der größten genetischen Untersuchungen zur Händigkeit analysierte Daten von rund 1,77 Millionen Menschen . Statt eines einzelnen entscheidenden Gens fanden die Forschenden zahlreiche genetische Varianten: 41 Genorte standen mit Linkshändigkeit, sieben weitere mit Beidhändigkeit in Verbindung.
Besonders interessant waren Gene, die mit der Entwicklung des Nervensystems, der Gehirnstruktur und sogenannten Mikrotubuli zusammenhängen – winzigen Strukturelementen, die unter anderem für Aufbau und Organisation von Zellen wichtig sind.
2024 kam ein weiteres Puzzleteil hinzu. Forschende untersuchten die Exomdaten von mehr als 350.000 Menschen aus der UK Biobank. Seltene Varianten des Gens TUBB4B , das für einen Bestandteil von Mikrotubuli codiert, kamen bei Linkshändern etwa 2,7-mal häufiger vor als bei Rechtshändern.
Das klingt nach einem Linkshänder-Gen – ist aber keines.
Die seltenen proteinverändernden Varianten erklären auf Bevölkerungsebene nur einen sehr kleinen Teil der Händigkeit. Die Studie bestätigt vielmehr das Bild eines komplexen Systems: Viele Gene liefern kleine Beiträge, hinzu kommen Entwicklungsprozesse und weitere Einflüsse.
Und auch die Umwelt ist Teil dieser Geschichte. Gesellschaftliche Normen beeinflussten beispielsweise lange, wie häufig Menschen offen als Linkshänder lebten. In vielen Ländern wurden Kinder früher gezielt zum Schreiben mit rechts angehalten. Große Vergleichsstudien zeigen, dass solche kulturellen Faktoren die gemessene Häufigkeit von Linkshändigkeit verändern können.
Links oder rechts ist damit weniger eine einfache Entscheidung als das Ergebnis einer bemerkenswert frühen biologischen Entwicklung.
Vielleicht liegt genau darin das Spannende: Schon bevor wir sprechen, laufen oder bewusst nach etwas greifen, organisiert sich unser Körper auf seine ganz eigene Weise.
Warum wir links oder rechts greifen: Was Gene, Gehirn und Entwicklung entscheiden